Elvis Presley - Way Down In The Jungle Room - Cover
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Elvis Presley Way Down In The Jungle Room


  • Label: RCA/Sony Music
  • Laufzeit: 132 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
9.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Der König ist tot, es lebe der König. Die Gelddruckmaschine läuft weiter: Jetzt wurden die letzten Studioaufnahmen von Elvis wieder neu aufgelegt.

Da sind sie nochmal: Die letzten offiziellen Studioaufnahmen von Elvis Presley wurden, nachdem sie im Jahr 2000 schon mal zu haben waren, erneut aufbereitet. Die Einspielungen fanden vom 2. bis 8. Februar sowie vom 28. bis 30. Oktober 1976 in einem eigens für den King in Graceland behaglich eingerichteten Tonstudio statt. Aufgrund der Ausstattung mit hawaiianischen Schnitzereien und tropischen Pflanzen bürgerte sich dafür der Name „The Jungle Room“ ein. Sechzehn der zwanzig Tracks, die auf den Platten „From Elvis Boulevard, Memphis, Tennessee“ (1976) und „Moody Blue“ (1977) herauskamen, sind für das neue Set ausgewählt und anders geordnet worden. Siebzehn Übungsraum-Versionen werten die Zusammenstellung für den Fan zusätzlich auf. Dem Meister gingen bei der Entstehung gestandene Musiker, die ihn teilweise schon jahrelang in seiner Tourband begleiteten, zur Hand: James Burton (Gitarre), Ronnie Tutt (Schlagzeug), David Briggs (Keyboards), Glen D. Hardin (Keyboards), Jerry Scheff (Bass), Norbert Putnam (Bass) und J.D. Sumner & The Stamps (Gesang).

1976 befand sich Elvis zunehmend im Würgegriff von Paranoia, Tablettensucht und Essstörungen. Seine Konzerte wurden aufgrund schwindender Kondition kürzer und inhaltlich skurriler. Eine Hinwendung zum Spirituellen führte dazu, dass das Repertoire von Gospel-Verzückung durchflutet war. Diese Weltanschauung und musikalische Ausrichtung wirkte sich auch massiv auf die Studio-Sessions aus. Die außergewöhnliche interpretatorische Fähigkeit des Ausnahmesängers wurde durch die negativen Lebensumständen und die religiös geprägte Färbung der Arrangements jedoch nicht belastet. Der Rhythm & Blues und Southern Soul von „Way Down“ wäre selbst auf dem 1969er Comeback-Klassiker „From Elvis In Memphis“ ein Highlight gewesen. Bei Take 2 der Aufnahme, die hier als Outtake vorhanden ist, zeigt sich Elvis nach verhaltenem Beginn ausgesprochen temperamentvoll, was für das ungebrochene Engagement für seine Kunst spricht. Und „For The Heart“ gibt einen zeitlos guten Pop-Song ab, der durch prickelnde Funk- und Boogie-Zutaten aufhorchen lässt.

Dem ehemaligen Trucker aus Memphis gelang es schon immer, jeden Song so in Beschlag zu nehmen, dass er wie sein eigener klang. Wohlgemerkt: Elvis hat während seiner gesamten Karriere keinen einzigen Track alleine verfasst! Aber jedes Lied, das er zelebrierte, vermittelte den Eindruck, als wäre es seiner Feder und Seele entsprungen. Herzblut und ein untrügliches Gespür für die wesentlichen Bestandteile einer Interpretation sorgten stets für eine souveräne Identifikation mit dem Fremdmaterial. Auch wenn bei diesem Album ein starker Hang zur Schnulze und zum Pathos vorherrscht, der manche Stücke nur schwer erträglich macht („Danny Boy“, „Solitaire“), so gibt es dennoch etliche ergreifende Momente, in denen die übermächtige Inbrunst alles Schmalzige vergessen lässt („Bitter They Are, Harder They Fall“, „Love Coming Down“, „Hurt“, „I'll Never Fall In Love Again“). Grundsätzlich sind in dieser Beziehung die Bonus-Übungsraum-Beispiele den ursprünglich veröffentlichten Versionen überlegen, da diese nicht noch zusätzlich durch zuckrige Streicher-Verzierungen versüßt wurden.

Allerdings ist die Auswahl der Beiträge manchmal fragwürdig. Anders als Johnny Cash hatte Elvis gegen Ende seiner Laufbahn leider keinen freigeistigen Berater wie Rick Rubin an seiner Seite. Dieser sorgte nämlich bei Cash dafür, dass durch handverlesenes, anspruchsvolles Material, welches der Persönlichkeit des Künstlers entsprach, Gänsehautmomente entstanden. Elvis präsentiert hingegen teilweise vordergründig populären Stoff, der nur aufgrund seines Bekanntheitsgrades Sinn ergibt, aber nicht wegen des musikalischen Reizes. Wie sonst ist es zu erklären, dass Kompositionen von Andrew Lloyd Webber („It`s Easy For You“) oder Roger Whittaker („The Last Farewell“) ausgewählt wurden? Sie decken zwar den Grundbedarf an weichgespülten Nummern für die Las Vegas-Shows jener Zeit mit ab, unterfordern Mr. Presley aber total.

Die letzten Tondokumente zeigen also einen fehlgeleiteten Star, der zum Opfer des überlebensgroßen Kults um ihn und der damit verbundenen Isolation wurde. Die Kombination aus Phobien, Realitätsverlust, Medikamentenabhängigkeit und einem Umfeld aus zwielichtigen Geschäftspartnern konnte aber nicht die Liebe zur Musik zerstören, wenn auch die Kritikfähigkeit hinsichtlich der Songauswahl getrübt war. So blieb bis zum Schluss die Leidenschaft eines Ausnahmetalentes bestehen, der seine Möglichkeiten nicht mehr voll ausschöpfen konnte.

Am 18. August 1977 starb Elvis Presley an Herzversagen in seinem Badezimmer. Zu dieser Zeit setzte sich in England grade mit dem Punk eine neue Rock & Roll-Revolte durch. Die Ikone, die als Sinnbild für gesellschaftliche Umwälzungen sowie das Einreißen von Barrieren zwischen den Musikstilen galt, hatte sich in den Augen der aktuell angesagten Musikszene inzwischen längst zu einer Parodie ihrer selbst degradiert. Aber der Nachhall seiner einzigartigen Karriere ist auch bei kritischer Betrachtung heute noch zu spüren. Es stellt sich jedoch die Frage, wie viel ergiebiger sie musikalisch hätte ausfallen können, wenn nicht die Interessen von Elvis` Manager Colonel Parker vornehmlich auf Profit-Maximierung ausgerichtet gewesen wären.

Anspieltipps:

  • Way Down
  • For The Heart
  • Bitter They Are, Harder They Fall
  • Love Coming Down
  • Hurt
  • I'll Never Fall In Love Again

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