Kate Tempest - Let Them Eat Chaos - Cover
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Kate Tempest Let Them Eat Chaos


  • Label: Caroline/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 48 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Kate Tempest gibt sich als sprachlich vortreffliche Beobachterin der Gesellschaft. Genau solche Leute braucht die Künstlerszene.

Es ist 4:18 Uhr und ganz England kann nicht schlafen. Vom erfolgreichen PR-Angestellten bis zur entkräfteten Mindestlohnarbeiterin. In Kate Tempests England liegt viel im Argen. Aufmerksame Hörer stellen sich schnell die Frage, wo bei diesem Album die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Ist Tempests „Let Them Eat Chaos“ eine europäische Version eines „How To Pimp A Butterfly“? Ein aufmerksames und trotzdem modernes Werk, das von jungen Menschen an junge Menschen gesendet wird. Ganz so einfach ist es nicht. Zwischen Tempests shakespearischen Ansätzen und Kendrick Lamars Kniefall und Weiterentwicklung modernen HipHops sind meilenweite Unterschiede. Wo es drauf ankommt, sind diese Alben sich jedoch näher, als Hörer beim bloßen Hören vermuten.

Ganz lässt Kate Tempest ihre Wurzeln als Poetry Slammerin und Dichterin nicht zurück. In gewisser Weise sind ihre Einleitungen und Schlusssätze wie Skits zu betrachten, die auf HipHop- und Rap-Alben ihren festen Platz wissen. Der Unterschied ist Tempests Vortragsweise, die an klassisches Theater erinnert. Das klingt durchaus hochtrabend, aber auch sofort eloquent. Was zu Beginn in „Picture A Vacuum“ und „Lionmouth Door Knocker“ noch verstockt und nicht ganz flüssig wirkt, entwickelt mit laufender Spielzeit mehr und mehr Sogkraft. Von der Geschichte eines erschöpfenden Daseins als Dauerarbeiter in „Europe Is Lost“ an nimmt das Album Fahrt auf und führt Hörern die Probleme von Klein- und Großverdienern vor Augen. Fragwürdige Lebensstile und gesellschaftliche Abgründe sind bei Kate Tempest auch für Einsteiger sofort greifbar. Die Engländerin beschreibt Probleme und Situationen mit großen, aber greifbaren Worten. Viel muss hier nicht mehr interpretiert werden.

Jetzt ist wichtig, dass die Menschen auch zuhören. Wer sich durch den Codex und die Metaphern von Rappern wie Lamar nicht navigieren kann, der sollte Kate Tempest einen Hördurchgang gönnen. Die Sprachkenntnisse sind dringend nötig, aber das sollte bei intelligent geschriebener Musik immer der Fall sein. Hörer, die die Worte Tempests nicht als Töne, sondern als Inhalt wahrnehmen, entdecken ein aufmerksames Stück musikalischer Literatur. Auf musikalischer Ebene ist das Album nicht an einen festen Stil gebunden. Die Musik ist minimalistisch und bestärkt die Stimmung der Songs. Für deutsche Hörer ist „Whoops“ um geistige Zerstreuung besonders interessant, weil die musikalische Untermalung an Deichkind erinnert. Bei solchen Erkenntnissen hinterlässt „Let Them Eat Chaos“ auch auf weiteren Ebenen Eindruck.

Tempests Album ist nicht laut und nicht wütend, wie sich die politische Situation in Europa derzeit vielen präsentiert. Das Album ist eine beobachtende Kurzgeschichte, die nicht verurteilt, sondern beschreibt. Alles liegt ganz klar vor den Hörern. An ihnen liegt es nur noch, das Dargelegte zu verarbeiten. „Pictures On A Screen“ hätte leicht eine Verurteilung des bösen PR-Angestellten sein können, der trotz seines Reichtums nicht glücklich ist. Statt eines undankbaren und verzogenen Mannes stellt Tempest einen Menschen in einer ernstzunehmenden Situation dar, die nicht schwarzweiß, sondern grau aus den Boxen Klangbilder malt.

Diese Momente finden sich auf dem Album zuhauf und machen aus „Let Them Eat Chaos“ geistreiche Unterhaltung, die immer wieder auffordert und herausfordert, genau hinzuhören. Das ist eine große Leistung, die ein wichtiges Album ausmacht. Das ist nicht immer leicht und nicht immer frei von Fehlern. Aber manche Fehler müssen gemacht werden, um sie nicht zu wiederholen und aus ihnen zu lernen. Nach einer Dreiviertelstunde bleibt die Erkenntnis, dass Kate Tempest nicht perfekt ist. Ihr Flow ist technisch nicht einwandfrei und musikalisch hätte an manchen Stellen noch eindringlichere Arbeit geleistet werden können. Dass das nicht auffällt, liegt daran, dass die Texte und die Stimmung trotzdem packen und Hörer auf ihre eigene Unvollkommenheit und die der Gesellschaft erfolgreich hinweisen. Da bleibt einem schon mal die Luft weg.

Anspieltipps:

  • Picutres On A Screen
  • Europe Is Lost
  • Perfect Coffee

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