Böhse Onkelz - Memento - Cover
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Böhse Onkelz Memento


  • Label: Matapaloz/Tonpool
  • Laufzeit: 57 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
7.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Das großangekündigte Comeback der Böhsen Onkelz verpufft zu einer ziemlich müden Nummer, die mit dem früheren Spirit nicht viel zu tun hat.

Jetzt ist es also doch passiert. Ein brandneues Studioalbum der Böhsen Onkelz liegt vor. Was für ein Jahrzehnt völlig ausgeschlossen schien, deutete sich immer mehr an und ist nun, bei allen Risiken einer Denkmalbeschädigung und einer immens hohen Erwartung, Wirklichkeit geworden. Den Rücktritt vom Rücktritt hatten die Böhsen Onkelz dabei bereits im Sommer 2014 vollzogen, als sie ihre Auflösung aus dem Jahr 2005 mit zwei riesengroßen Comeback-Konzerten vor insgesamt 200.000 Fans auf dem Hockenheimring quasi rückgängig machten.

In den neun Jahren, die dazwischenlagen, haben die Böhsen Onkelz zwar weiterhin feste Musik aus ihrem Archiv auf den Markt gebracht und sich mit Soloprojekten die Zeit vertrieben, doch das einzig wahre Gefühl stellt sich eben nur dann ein, wenn Stephan Weidner (Bass, Gesang), Kevin Russell (Gesang), Matthias Röhr (Gitarre) und Peter Schorowsky (Drums) gemeinsam auf der Bühne stehen. Dies taten sie auch im Sommer 2015, als sie auf dem Hockenheimring vier Konzerte vor über 350.000 Besuchern gaben und die Stimmen nach neuen Liedern immer lauter wurden.

Als Testballon wurde im September 2015 die Single „Wir bleiben“ veröffentlicht, die in den Charts mit Platz vier zwar ganz passabel performte, aber eine sehr gespaltene Fan-Meinung auslöste. Verständlich. Der Song ist gemessen an dem, was der Hörer von den Böhsen Onkelz kennt und erwartet, eine unterdurchschnittliche Seifenblase, die sich die Band besser erspart hätte. Denn so bekamen nicht wenige Fans regelrecht Angst vor einem neuen Studioalbum. Inzwischen hatte aber auch die Band bemerkt, dass das im Vorbeigehen komponierte und eingespielte „Wir bleiben“ in allen Belangen ein Griff ins Klo war.

Nach über zehn Jahren liegt nun mit „Memento“ ein neues Studiowerk der Onkelz vor, die damit kein Comeback auf Zeit geben, sondern in einen klassischen Album-Tour-Album-Rhythmus zurückkehren wollen. Aufgenommen wurde „Memento“ in Nashville, Ibiza und Frankfurt und von Onkelz-Stammproduzent Michael „Iron Mike“ Mainx betreut. Abgemischt wurde es von der mittlerweile 67-jährigen, deutschen Produzenten- und Soundingenieur-Legende Michael Wagener (Ozzy Osbourne, Skid Row, Metallica, Mötley Crüe, Accept, Extreme, Megadeth, Helloween, Testament, HammerFall).

Diesmal steuerten sämtliche Bandmitglieder Ideen zu den Texten bei, was es in der Vergangenheit, zumindest in diesem Maße, noch nie gegeben hatte. Stephan Weidner bastelte dann über einen Zeitraum von zwei Monaten die endgültigen Songtexte daraus zusammen, die den klassischen Geist der Onkelz mit den Impulsen der Soloprojekte ins Hier und Jetzt transportieren sollten. Auf diese Weise kamen ein Dutzend Songs auf das Album, die mit ungewöhnlichen langen Spieldauern aufwarten.

Die Zeit nutzen die Onkelz hauptsächlich, um den Instrumenten mehr Raum zu geben, während die Stimme von Kevin Russell etwas zu vorsichtig in die Mitte gemischt wurde und fast permanent von Stephan Weidners Organ unterstützt wird. Das lässt sich unter Weiterentwicklung verbuchen, wird den Nostalgikern aber übel aufstoßen. Und gerade diese werden sich auf das Album stürzen, weil sie auch heute etwas erwarten, was ihnen diese Band in ihrer Jugend gegeben hat. Um es vorwegzunehmen: Diesen Anspruch kann „Memento“ nur ganz selten erfüllen.

Ein Grund dafür ist, dass die Songs gezwungen in die Länge gezogen werden, ohne dass erkennbar ist, wo darin der künstlerische Mehrwert liegt. Damit geht vielen Stücken das mitreißende Element ab, für das die Onkelz berühmt sind. Bestes Beispiel ist der Track „Der Junge mit dem Schwefelholz“, in dem die Onkelz auf düster-progressive Art für Atmosphäre sorgen und dabei klingen wie Der W, bei dem Matt „Gonzo“ Roehr die Axt schwingen darf. Interessant, aber die falsche Baustelle!

Auf diese Weise verpufft die neue Band-Demokratie in einem reichlich zähen Deutsch-Rock-Gebräu, das der Gemeinde keine Hits im alten Stil liefern kann. Dabei musste doch klar gewesen sein, dass genau auf die gewartet wurde und nicht auf depressive Weltansichten, wobei den Onkelz natürlich niemand vorschreiben kann, was diese zu komponieren haben. Es darf vom Hörer aber auch nicht erwartet werden, dass sich dieser das Album mit müden Songs wie „Markt und Moral“ schön hört. So bleibt mit „Wo auch immer wir stehen“ lediglich ein Song in Form einer hymnischen Ballade, die man sich unter all den Klassikern auf einem Onkelz-Konzert vorstellen kann.

Das ist für so ein groß angekündigtes Comeback arg wenig und unterm Strich nicht mehr als solide Kost, für die nur widerwillig 15 Euro bezahlt werden würden, stünde nicht der Name Böhse Onkelz auf dem Cover. So fällt das Fazit fast schon makaber und traurig aus, wenn es am Ende heißt: Es hätte schlimmer kommen können.

Anspieltipps:

  • Mach’s dir selbst
  • Auf die Freundschaft
  • Gott hat ein Problem
  • Wo auch immer wir stehen
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  • 2017    
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