J.G. Biberkopf - Ecologies II: Ecosystems Of Excess - Cover
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J.G. Biberkopf Ecologies II: Ecosystems Of Excess


  • Label: Knives Records
  • Laufzeit: 41 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Biberkopf beobachtet den Zerfall. Abstrakte Sounds für eine entfremdete Welt.

Sommer 2015. Wir erinnern uns: House-Produzent Ten Walls macht mit homophoben Aussagen von sich Reden, dann sich selbst schalltot. Wer infolgedessen mit seiner Musik in Berührung kam, lernte vermutlich trotzdem wenig über Musik aus Litauen. Das baltische Land, musikalisch ein weißes Blatt Papier. Ten Walls erhielt die größte Aufmerksamkeit am Ende auch nicht für seine Musik.

Es ist fraglich, ob Gediminas Žygus etwas an der Wahrnehmung ändern wird. Immerhin, das weiße Blatt hat er beschrieben, auch wenn er es für den Mainstream ebenso mit unsichtbarer Tinte hätte schreiben können. Als J.G. Biberkopf hat er 2015 bereits etwas Aufmerksamkeit gewonnen. „Ecologies“ erzählte mit vertrauten Geräuschen eine lebendige Geschichte, verspielt aber ruhig. Biberkopfs Debütscheibe war seine ganz eigene Version jener experimentellen Reizüberdosis, die Beats und Vocalcuts wie Flummis über die Soundstage jagt und der unter anderem Künstler wie NGUZUNGUZU oder Fatima Al Qadiri (u.a. Future Brown) den Weg ebneten.

Mit „Ecologies II“ setzt er seinen Weg fort, vermengt Field-Recording-Fragmente mit digitaler Musikproduktion. An den gnadenlosen Bassdrums in „Immersion Into Noise“ oder der subtilen Bassline in „Preacher“ erahnt man noch die Fingerzeige Richtung Clubkultur, doch Biberkopf ist längst abgehoben. Er bahnt sich einen Weg durch gespenstische Sphären und beobachtet von dort oben die Menschheit und die Erde als zwei sich beeinflussende Domänen. Hier hört man DMX beten, dort entferntes Donnergrollen und Stammeshörner. Achtzigerjahre-Synthies vermischen sich mit himmlischem Gejammer, Wolfsgeheul mit Streichern und verzerrte Blechbläser oder Autohupen verdrängen Meeresrauschen. Am Ende ziehen zischender Dampf und Presslufthammergeräusche eine Schicht von Untergang über Kinderspielplätze und quakende Enten.

„Ecologies II“ bebildert das Vorpreschen des Menschen in alle Lebensräume, auf dem Pfad der Entfremdung von der eigenen Welt. Wie selbstverständlich, als sei es eben der Lauf der Dinge, zeichnet Biberkopf eine übermechanisierte Welt, die er schon mit dem Eröffnungstitel „Technocracy“ grundiert. Ein bisschen als hätte Vaporwave seine Kritik an Konsum und Hyperkapitalismus aufgegeben und sich einer Mutation aus dem Gibson‘schen „sprawl“ und Dicks elektrischen Schafen gewidmet. Ein Ökosystem ohne gelebte Verbundenheit.

Anspieltipps:

  • From Infinity To Here
  • Dust
  • Preacher
  • New World Order

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