Tift Merritt - Stitch Of The World  - Cover
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Tift Merritt Stitch Of The World


  • Label: Yep Roc/H'ART
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Tift Merritt geht mit der Offenlegung von Emotionen bis an die Schmerzgrenze.

Um sich im von Männern dominierten Musikgeschäft zu behaupten, müssen Frauen besonderes Durchsetzungsvermögen beweisen. Wenn es sich denn noch um ein dem Rock & Roll zuzuordnenden Genre handelt, ist die Konkurrenz besonders groß und Glaubwürdigkeit muss sich hart erarbeitet werden. Auch beim Americana geht es darum, überzeugende Songs originell und eigenständig zu präsentieren, um sich von dem grauen Durchschnitt abzusetzen.

Tift Merritt erhielt ihr musikalisches Rüstzeug von ihrem Vater, der ihr Gitarre- und Klavierspielen beibrachte. Zusammen sangen sie zuhause Songs von Percy Sledge oder Bob Dylan und hörten sich durch eine interessante Sammlung von Soul-, Folk-, Rhythm & Blues-, Rock- und Country-Platten. Bereits als Twen spielte Tift Solo und in Bands vor Publikum und im Jahr 2000 bekam sie mit 25 Jahren ihren ersten Plattenvertrag. Die Sängerin und Komponistin hat sich dann beinahe aus dem Stand direkt an die Spitze der Aufmerksamkeit katapultiert. Schon ihr erstes Album „Bramble Rose“ aus 2002 sorgte für großen Wirbel und im Laufe der Zeit untermauerte sie mit fünf weiteren auffallenden Studioalben ihren Status als charmante, originelle, einfühlsame und abwechslungsreiche Musikerin.

Ihre Stimme ist auf das Betören der Hörer ausgelegt: Sie kann markant weichzeichnen wie Emmylou Harris, cremigen Southern Soul einfließen lassen wie Kate Campbell, jubilieren wie Alison Krauss, lockere Reife verströmen wie Iris DeMent und eine angeraute Roots-Rock-Oberfläche bilden wie Lucinda Williams. Dabei kehrt sie häufig ihre verletzliche, sensible Persönlichkeit nach außen und ihr Americana-Sound tönt dazu delikat und herausfordernd.

Die Entstehung der Songs für „Stitch Of The World“ wurde von prägenden Ereignissen begleitet: Seit ihrer eigenen letzten Schöpfung „Traveling Alone“ von 2012 und der Zusammenarbeit mit der Klassik-Pianistin Simone Dinnerstein („Night“, 2013) musste sie eine Scheidung verarbeiten, die schmerzvolle Narben hinterließ. Aber sie konnte sich auch über eine neue Beziehung und die Geburt einer Tochter freuen, wobei sie nun die Herausforderungen des Berufs und die Mutterpflichten unter einen Hut bekommen muss. Tift durchlebte also neben normalen Erwachsenen-Themen auch emotionale Grenzerfahrungen wie Leid, Zweifel und Scheitern.

Für „Dusty Old Man“ werden Referenzen an die bluesige Bonnie Raitt herangezogen. Die Slidegitarre zerschneidet im Hintergrund den zackigen Rhythmus und Tift bemüht sich vordergründig um Harmonie und versöhnlichen Gesang. Der Song ist dadurch sehr griffig und beweglich. „Heartache Is An Uphill Climb“ erscheint als qualvoll empfindsame Ballade, die um Haltung ringt und dabei standhafte, selbstbewusste instrumentale Unterstützung erhält.

Der schwirrende, ruhige Country-Folk „My Boat“ sendet diffuse, ortende Signale aus und wirbt um Toleranz. In der aufgeklärten Country-Tradition von Emmylou Harris ist der flehende, zu Herzen gehende Country-Love-Song „Love Soldiers On“ verwurzelt und „Stitch Of The World“ ist wiederum ein sehnsüchtiger Folksong, bei dem die Gitarren bitter klagen und weinen. Das romantische „Icarus“ wird von tränenden Piano- und Steel-Gitarren-Impressionen sowie traurigem Gesang durchflutet. Flankierende Akustikgitarren und Basslinien sowie echoartiger Backgroundgesang halten den Song in Form. „Proclamation Bones“ beginnt mit dreckigen Rolling Stones-Rock-Riffs, wird dann aber in abgeklärtes Roots-Rock-Fahrwasser überführt.

Die letzten drei Tracks des Albums produzierte Sam Beam (Iron And Wine), den Tift zufällig am Flughafen traf und der sich sehr beeindruckt von ihrer Arbeit zeigte: „Something Came Over Me“ hat die bittere Süße von „Boulder From Birmingham“ von Emmylou Harris und bekommt durch den dezenten Duett-Gesang sowie die köstliche dreischichtige Gitarren-Kombination einen gediegenen Anstrich verpasst. Die Künstlerin sollte sich Sam als musikalischen Partner warmhalten, denn er sorgt auch bei „Eastern Light“ für außergewöhnliche Arrangement-Einfälle, wie den leicht asiatischen Eindruck in Verbindung mit brüchigem Folk und dunklem Country. Außerdem bindet er Süße und gibt der Stimmung im Austausch dafür eine mysteriöse Färbung. Aus Edelvollmilch wird so Zartbitter. „Wait For Me“ wird zunächst zerbrechlich und intim angekündigt. Die Dynamik steigert sich im Verlauf des Stücks jedoch allmählich, sie kocht aber zu keinem Zeitpunkt über.

„Stitch Of The World“ offenbart die gleiche Vielfalt wie die vorangegangenen Platten, hat einen hohen Reifegrad und sprüht vor Individualität. Gesanglich offenbart sich die sensible Musikerin noch inniger, ergriffener und emotional erschütterter als auf den Vorgänger-Alben. Für die brillante instrumentale Umsetzung sorgen Luxusgitarrist Marc Ribot (Marianne Faithfull, Norah Jones), Drummer Jay Bellerose (Suzanne Vega, Aimee Mann, Duncan Sheik), Jennifer Condos am Bass (Graham Nash, Joe Henry), Sam Beam (Gesang) und Pedal-Steel-As Eric Heywood (Andrew Bird, Pretenders). Tift Merritt untermauert erneut, dass sie zur Champions-League innerhalb des Americana-Genres gehört und keine männliche Konkurrenz fürchten muss.

Anspieltipps:

  • Dusty Old Man
  • Stitch Of The World
  • Proclamation Bones
  • Something Came Over Me
  • Eastern Light

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