Emel - Ensen - Cover
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Emel Ensen


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Bereit für Rhythmus- und Sprachbarrieren? Emel verlangt Geduld und bezahlt mit guter, melancholischer Pop-Währung.

Was ist das denn? Art-Pop, TripHop oder gar Avantgarde? Sobald Rhythmen und Stimmvariationen unbekannt vorkommen, sind wir mit dem Latein schnell am Ende. Duran Duran waren nie Art-Pop, nur weil sie dem Afrikanischen entlehnte Drums eingesetzt haben. Gleichzeitig ist die Tunesierin Emel nicht automatisch etwas Anderes, nur weil die Arabische Sprache ihr völlig andere Klangbilder erlaubt und nahelegt. Tatsächlich klingt die düster melancholisch angehauchte Musik nach einem Begriff, der sich selbst kaum beschreiben kann: Dark Pop. Industrialklänge und durchaus Ideen des New Waves vereinen sich auf „Ensen“ mit sehr langsamem und nachdenklichem Pop.

Geht das gut? Natürlich, auch wenn für deutsche Ohren viel Arbeit gefragt ist. Mit guten Gründen ist beispielsweise selbst französische Musik in Deutschland weitestgehend unbekannt, weil viele Menschen keine Emotionen mit den Texten verbinden können oder das zu viel Arbeit erfordert. Arabisch hat damit noch viel weniger Ähnlichkeiten mit einer noch härteren Sprachbarriere zu kämpfen. Arabisch fließt im Vergleich zum Deutschen mehr und der Sprachfluss macht ebenfalls die Musik. Paradebeispiel dafür ist „Thamlaton“, das in keiner anderen Sprache den gleichen Fluss erreichen kann. Ein folklorisch anklingender, aber industriell abgespülter Track, der Hörer erneut in düstere Gefilde entführt.

Letztlich ist Emels Musik kein Ausflug in die tunesische Seele. Es ist schlichtweg die tunesische Art, um an einen dunklen Ort zu gelangen. Im Englischen, Deutschen und Chinesischen klingt der Weg in die Unterwelt anders, weil die Route eine andere ist. Das Ziel ist aber das gleiche. Unterschiedliche Kulturen drücken den Weg zu bestimmten Gefühlen lediglich anders aus. In gut 50 Minuten Wahnsinn zeigt sich, dass Pop-Kultur von der Perspektive des Künstlers abhängt. Emel ist für uns spannend, weil wir ihre Sichtweise nicht kennen. Die Sichtweise kennenzulernen ist der initiale Reiz, aber Lieder wie „Ensen Dhaif“ und „Thamlaton“ werden Freunden düsterer Pop-Musik noch viel abgewinnen. Das ist gelungene Völkerverständigung, was manchmal wichtiger ist, als ein perfektes Pop-Album zu schreiben.

Anspieltipps:

  • Thamlaton
  • Ensen Dhaif
  • Lost

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