Chilly Gonzales & Jarvis Cocker - Room 29 - Cover
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Chilly Gonzales & Jarvis Cocker Room 29


  • Label: Deutsche Grammophon
  • Laufzeit: 51 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
3.7/10 Leserwertung Stimme ab!

„Room 29“ hält kunstvoll aufbereitete Lieder, Botschaften und Eindrücke aus der glorreichen, lange vergangenen Geschichte Hollywoods sowie Mythen eines Luxushotels bereit.

Das Hotelzimmer 29 im zweiten Stock des 1929 eröffneten Chateau Marmont in Hollywood ist ein geschichtsträchtiger Ort voller Gerüchte und verbürgter Geschichten rund um die Stars, die dort residierten. Etliche Dramen und Liebesbeziehungen ranken sich um die Geschehnisse im Haus. Wobei Fiktion und Wahrheit nicht immer genau zu trennen sind. Jarvis Cocker, der ehemalige Chef und Sänger der Brit-Pop-Band Pulp übernachtete vor fünf Jahren in dem Raum und der dort aufgestellte Flügel brachte ihn auf die Idee zum vorliegenden Liederzyklus: Was wäre, wenn das Klavier erzählen könnte, was sich wirklich in dem Apartment abgespielt hat?

Und beim Stichwort Piano fiel ihm als musikalischer Partner sofort der schrullige und hochbegabte Kanadier Chilly Gonzales ein, den er schon vor der gemeinsamen Zusammenarbeit kannte. Jarvis Cocker bewies spätestens mit den Pulp-Alben „This Is Hardcore“ (1998) und „We Love Life“ (2001) einen Hang zur Dramatik, zum Kunstlied, zu durchgängigen Konzepten und klassischen Arrangements. Bei seinem unkonventionell agierenden Partner Chilly Gonzales verschwimmen häufig die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch. Er ist ein virtuoser Tastenmann, der die Geschmacksgrenzen seiner Hörer gerne herausfordert. Auf der anderen Seite ist er professionell genug, um sich voll und ganz einem Thema zu verschreiben und darin seine funkensprühende Kreativität einzubringen. Die Texte von Cocker drehen sich um Hotelgeschichten und Erzählungen aus den blühenden Jahren Hollywoods. Das reicht vom Stummfilm bis in die 1930er Jahre, als Diven und Leinwandhelden überlebensgroß und die Kino-Mogule Milliardäre waren. Die dem Inhalt angepasste Musik wurde hauptsächlich von Gonzales erdacht.

Jarvis stimmt gemächlich mit Ansichten über das Leben im Hotel in das Album ein. Der Song „Room 29“ wird dazu stimmungsvoll vom Bar-Piano begleitet. Chilly spielt warme Akkorde und helle, spitze Noten, die sich gegen die suggestive Kraft der deutlich herausgestellten Stimme nicht voll behaupten können. Jede Gefühlsregung des Sängers wird schonungslos offenbart und ungefiltert zugelassen, was zu einem intensiven Kontakt mit dem Künstler führt, dem nicht ausgewichen werden kann. „Marmont Overture“ ist eine Solo-Piano-Nummer, die an Untermalungen von dramatischen Szenen bei Stummfilmen erinnert. Im Hintergrund werden Töne aus dem Hotel, wie Stimmengewirr und Fahrstuhl- oder Türgeräusche eingeblendet. Eines der zentralen musikalischen Themen der Inszenierung ist „Tearjerker“, das zweimal aufgegriffen wird. Jarvis und Chilly lassen sich Zeit bei der Ausführung ihrer Ideen. Es gibt ausreichend Raum zwischen den Gesangspassagen und der Piano-Begleitung.

„Clara“ erzählt die tragische Lebensgeschichte von Clara Clemens, der Tochter von Mark Twain. Claras Ehemann soll übrigens das Piano im Zimmer 29 hinterlassen haben. Erstmalig werden im Verlauf die Streicher des Hamburger Kaiser Quartett eingesetzt, was den Anschein von Filmmusik der frühen Hollywood-Jahre noch verstärkt. Ein tropfender Wasserhahn sowie monotone Piano-Akkorde und ebensolche Streicher-Tupfer leiten „Bombshell“ ein. Interview-Sequenzen werden eingeblendet, bevor das klassisch ausgerichtete Stück immer mehr an Dynamik gewinnt und später in eine Art Traum-Sequenz fällt. Der Track ist Jean Harlow gewidmet. Sie war die erste blonde Film-Sexbombe und ihr Auftreten diente auch als Vorbild für die Vermarktung von Marilyn Monroe. Harlow verbrachte 1932 ihre Flitterwochen mit dem Film-Produzenten Paul Bern in Raum 29. Dieser erschoss sich zwei Monate später aus nicht genau geklärten Umständen.

Monotones Piano-Klimpern symbolisiert bei „Belle Boy“ den angestrengten, gehetzten Herzschlag von Pagen, die demütig und ohne zu Klagen die Launen der Hotelgäste ertragen müssen. „Howard Hughes Under The Microscope“ enthält Aussagen über den exzentrischen Filmproduzenten, der verrückt nach der Fliegerei war. Er hatte unzählige Affären und entwickelte einen Waschzwang sowie eine Keim-Phobie, die ihn ein immer isolierteres Leben führen ließ. Das Programm von „Room 29“ wirkt wie eine Zeitreise und löst Bilder aus, die mit alten Kinofilmen verbunden sind. Die Umsetzung wurde seriös gestaltet und bewährte sich schon im Vorfeld der Audio-Veröffentlichung als Bühnen-Aufführung mit Musik, Theater und Kurzfilmen. Die Musik spielt sich oft in gedeckten Moll-Tönen ab, lässt jedoch auch temperamentvolle Passagen zu. Nichtsdestotrotz sollte der Hörer die Muße aufbringen, sich auf überwiegend ruhige, gesetzte Klänge einlassen zu wollen.

Der Kunstanspruch ist bei diesem Projekt unüberhörbar, führt aber nicht zu lähmender Steifheit, weil alleine der Gesang von Jarvis Cocker für eindringliche, bewegende Momente sorgt. Die kultivierte Instrumentierung mit dem umsichtig-variantenreichen Piano-Spiel von Chilly Gonzales sorgt für einen gepflegten, geistreichen Gesamteindruck. Es entsteht der Eindruck eines Soundtracks für eine Dokumentation über die konzeptionellen Inhalte. Wer also gediegene, an klassischer Musik orientierte Art-Pop-Arbeiten, wie das Debüt-Album von Randy Newman oder „Song Cycle“ von Van Dyke Parks schätzt, der wird „Room 29“ dankbar als Bereicherung in seine Sammlung aufnehmen.

Anspieltipps:

  • Tearjerker
  • Bombshell
  • Belle Boy
  • Salomé
  • The Other Side

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