Jeb Loy Nichols - Country Hustle - Cover
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Jeb Loy Nichols Country Hustle


  • Label: City Country City
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Meister der Stilfusionen hat wieder zugeschlagen: Jeb Loy Nichols vereint Folk, Country, Reggae, Soul, Funk und R&B zu einem bunten Strauß sinnlicher Klänge.

Die Fellow Travellers waren eine der bemerkenswertesten und auffälligsten Bands der 1990er Jahre: Das Ensemble brachte Folk mit Reggae zuasammen, gab Country-Einschübe dazu, fügte Soul-Schmeicheleien ein und verwendete Funk-Andeutungen zur Groove-Stabilisierung. Und dann sang da ein Typ mit Samt und Seide in der Stimme, leicht näselnd und in seiner betörenden Wirkung unverwechselbar. Vollkommen entspannt und songdienlich schlangen sich diese Vibrationen lieblich um die Noten. Der so charakterisierte Sänger war Jeb Loy Nichols, der außerdem noch Gitarrist, Komponist und Arrangeur dieses Projektes war. Noch während der aktiven Zeit der Fellow Travellers erweiterte Mr. Nichols ständig seinen Horizont. Er produzierte unter anderem das Album „A Face Drawn In The Sand“ seiner Band-Kollegin Lorraine Morley und trat mit seinen Label-Kollegen Dave Schramm (The Schramms, Yo La Tengo), Ricky Barnes (Hoot Owls) und Hank McCoy (Dead Ringers) als Alternative-Country-Act unter dem Namen Okra All Stars auf. Nachdem die Fellow Travellers Geschichte waren, forcierte Jeb Loy seine Solo-Karriere, war mit seinem „As The Rain“ auf dem Soundtrack für „Good Will Hunting“ vertreten und freundete sich mit dem einflussreichen Dub-Reggae-Visionär Adrian Sherwood an. Außerdem stellte er die großartigen „Country Got Soul“-Alben zusammen.

Sein Timing hinsichtlich der Verschmelzung von Musik-Stilen ist erstaunlich und seine Vielseitigkeit ermöglicht es ihm, ständig neue Sichtweisen auszuprobieren. Die Kompositionen klingen nie aufgesetzt oder kantig, sondern folgen einem Flow, der sehr organisch entwickelt wird. Deshalb hören sich viele Lieder wie Balsam für die Seele an: Sie sind harmonisch, originell strukturiert und rhythmisch herausfordernd.

Für „Country Hustle“ breitet der Künstler wieder seine gesamte Spannbreite an Klängen und Emotionen aus: Beschwörende, brodelnde New Orleans-Voodoo-Rhythmen mit afrikanischer Abstammung, wie sie auch von Dr. John, dem Hohepriester dieses Stils zelebriert werden, sind im R&B- und Funk-geerdeten „Come See Me“ allgegenwärtig. Die einschmeichelnde, warme, honigsüße Stimme von Jeb Loy hat im Laufe der Jahre nur wenig von ihrer Fülle und Cremigkeit verloren, dafür aber ein wenig raue Konturen dazugewonnen, was hier ein absoluter Pluspunkt ist.

Der Shuffle „Maisy Hay“ groovt cool und gleichzeitig fiebrig. Diese widersprüchlichen Schwingungen können nur wahre Könner erzeugen. „Don`t Drop Me“ ist ein süffiger Funk, der an Sly & The Family Stone oder Johnny „Guitar“ Watson erinnert und „I Hate Hate“ kombiniert den unbeschwerten und luftigen Philly-Soul mit dem samtenen New Wave von Orange Juice um Edwyn Collins („A Girl Like You“). Aufrührender Funk und Soul in der Tradition von Marvin Gaye oder Curtis Mayfield liegt „That`s How We`re Living“ zugrunde. Swingenden, karibisch eingefärbten Slow-Funk gibt`s bei „Katie Blue“ zu hören und „Til The Teardrop Stop“ fängt die Schwingungen einiger Kompositionen von Bill Withers ein, wie z.B. von „Lovely Day“. Jeb Loy Nichols transformiert diese in einen durchlässigen, pikanten Easy Listening-Sound.

„Never Too Much“ führt zurück zu den Fellow Travellers-Wurzeln, da hier Reggae mit Folk zusammengeführt wird, während der brüchige Mystery-Folk von „That`s All I Want“ mit Dub-Effekten angereichert ist. Lässiger Country-Folk bekommt bei „You Got In“ eine Veredelung durch eine schwüle Swamp-Rock-Gitarre. Das klingt dann in etwa so wie bei „Chain Of Fools“ von Aretha Franklin. Eine Blues-Slide-Gitarre, eine atmosphärisch eingesetzte Posaune, ein treibendes Schlagzeug und knackige Funk-Riffs bilden die herausragenden Merkmale von „Regret“. „Long Live Me Loser“ ist eine Ballade mit HipHop-Break-Beats, die nicht den Ablauf stören. Durch einen bewussten Bruch gegen Ende des Stückes wird dann doch noch Disharmonie provoziert, was nicht so richtig Sinn macht.

Es gibt viele Ungerechtigkeiten und unverständliche Zustände im Musik-Business. Dazu gehört auch, dass Jeb Loy Nichols bisher ein Nischendasein fristet, statt zumindest ein Insider-Star zu sein. Auf dem Gebiet der Stilvermengungen und -fusionen ist er jedenfalls ein Pionier und Meister. Seine Lieder haben immer mindestens einen schimmernden, eleganten, wohligen Groove, der für Wärme, Sympathie und Hochgefühl sorgt. Selbst bei ruhigen, entspannten oder nachdenklichen Tracks ist das zu spüren. „Country Hustle“ ist jedenfalls wieder eine spannende und unterhaltsame Herausforderung für die Ohren geworden.

Anspieltipps:

  • Come See Me
  • Maisy Hay
  • That`s How We`re Living
  • That`s All I Want
  • You Got In

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