Marteria - Roswell - Cover
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Marteria Roswell


  • Label: Four Music/Sony Music
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
8.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Marteria folgt dem persönlich auferlegten Bildungsauftrag mit unnachahmlicher Coolness.

Mach’ mal ‘nen kreativen ersten Absatz zu Marterias „Roswell“. Schreiben wir was über andere Planeten, „Aliens“ und behaupten, dass das Weltall ein halbgares Konzept auf der Platte ist! Sehr geil! So geht Kontroverse! Meine frühere Deutschlehrerin kräuselt bei diesen Sätzen die Lippen, als hätte ihr ein Naturwissenschaftler eine Zitrone in den Mund gesteckt. Stell dir vor, Marteria schreibt über die Angst vorm Fremden und die aktuellen Auswirkungen der Globalisierung, und keiner hört richtig zu. Marteria macht auf „Roswell“ viel richtig, was Hörer nur mitbekommen, wenn sie richtig zuhören. Bleiben wir cool, wie Marteria es vormacht. Die Metapher der Aliens als Ausländer ist nicht neu. Spätestens seit Sting weiß fast jeder, dass Alien im Englischen Fremder oder auch Ausländer bedeutet. Diese Metapher greift Marteria dankbar auf und redet vom Anderssein. Wer sich nicht von Marterias Coolness und vermeintlich oberflächlicher Sozialbeobachtung blenden lässt und zuhört, kommt um politische und soziale Statements nicht herum.

„Seid klüger als der Rest, verbrennt nicht unsere Bücher. Nur das ganze Ungeziefer folgt ‘nem König oder Führer.“, spricht Marteria in einem Atemzug mit den Worten: „Die meisten Fremden haben immer etwas Neues zu geben, haben so viel mitgebracht, könn’ so viel von uns lern’, sind genau wie ihr, verlier’n nicht so gern.“ Viel deutlicher lassen sich Kritik an politisch rechten Bewegungen und der Wunsch nach Inklusion von Minderheiten nicht aussprechen. Aber hey, reden wir lieber darüber dass Beatsteaks-Sänger Arnim als „Teutilla“ den Chorus singt. Lasst uns über die Gaststars statt über die Gäste aus anderen Kulturen sprechen. Marteria hat es im Kampf gegen die Party-Fans nicht leicht.

Dass Marteria bei solchen Anliegen nicht auf Ohrwürmer aus ist, ist durchaus löblich. Marteria bleibt bei diesen Themen erstaunlich ruhig, was in unserer Situation vielleicht genau das Richtige ist. „Blue Marlin“ und „Cadillac“ lassen Hörer abschalten, ohne nach politischer Brisanz Ausschau zu halten. Und selbst im Politik-Lager finden sich mit „Scotty Beam Mich Hoch“ und „El Presidente“ Lieder, die im Ohr bleiben. Ersterer Song hat das Potenzial das Mantra der „I don’t want to live on this planet anymore“-Generation zu sein. Wer Marteria bei diesen Botschaften Schwachsinn à la Gutmensch und versifftem Weltbild vorwirft, hört gleich nochmal „Scotty Beam Mich Hoch“. Marteria hat eine einfache Bitte: seid keine Arschlöcher.

Als Teil der Überschussgesellschaft können wir alle enden. Das führt Marteria den Hörern in „Das Geld Muss Weg“, „Skyline Mit Zwei Türmen“ und „Elfenbein“ erneut deutlich vor Ohren und Augen. Marteria schreit uns auf „Roswell“ nicht an. Ironischerweise ist das am intensivsten vorgetragene „Blue Marlin“ - ein Song übers Angeln. Seinen Humor verliert Marteria bei aller Ernsthaftigkeit auf seinem neuen Album nicht. Viel wichtiger als sein Humor ist auf „Roswell“ die Coolness, die ein Album trägt und den Blick aufs Wesentliche ermöglicht. Ähnlich wie Kendrick Lamar auf „DAMN“ bläst Marteria sein Album nicht weiter auf als nötig.

Am Ende steht ein typisch lebensbejahender Sound, der entspannt aber ernst eine Generation besingt. Pop-Politik steht Marteria gut. Jetzt liegt es an uns Hörern, beim und nach dem Feiern zuzuhören, mitzudenken und mitzumachen. Sonst bleibt Marteria das Alien, das wir nicht verstehen, weil wir nicht zuhören.

Anspieltipps:

  • Scotty Beam Mich Hoch
  • Aliens
  • Skyline Mit Zwei Türmen

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