Tom Schilling & The Jazz Kids - Vilnius - Cover
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Tom Schilling & The Jazz Kids Vilnius


  • Label: Embassy Of Music/WEA
  • Laufzeit: 38 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Neue Chansonniers braucht das Land! Kann der Schauspieler Tom Schilling in diesem Metier überzeugen?

Wenn Schauspieler singen oder Sänger schauspielern ist das Ergebnis häufig mit Vorsicht zu genießen. Hugh Laurie („Dr. House“) hat zwei gute Alben vorgelegt, aber ansonsten gibt es nur wenige befriedigende musikalische Beispiele dafür, dass Persönlichkeiten der Leinwand, des Fernsehens oder der Bühne im musikalischen Fach überzeugt haben. Und nun wagt sich einer der besten deutschen Schauspieler ans Mikrofon, um sich als Sänger und Komponist zu bewähren. Nein, die Rede ist nicht von dem gnadenlos gescheiterten Matthias Schweighöfer, sondern es handelt sich um Tom Schilling, der Charakterrollen so unglaublich unter die Haut gehend verkörpern kann. Auf der Leinwand ist er mehr der Mann für die undurchsichtigen, dunkel gefärbten Charaktere. Man denke nur allein an seine intensive Vorstellung als verblendeter Soldat im TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von 2013. Als Musiker liegen ihm vorwiegend Moll-Töne, die als Moritat im Stile eines Sven Regener (Element Of Crime) vorgetragen werden.

Der gebürtige Berliner hat sich vor seinem ersten Album „Vilnius“ schon vorsichtig ins Musikerleben gewagt. So sang er zum Beispiel 2015 zusammen mit Calexico auf dem „A Summer`s Tale“-Festival in Luhmühlen den Joy Division-Song „Love Will Tear Us Apart“. Tom bringt seine unauffällig klingende Stimme unverstellt ins Rampenlicht. Dabei rückt er gegenüber seinen Instrumentalisten leicht in den Hintergrund. Er macht keinen Hehl daraus, dass er in diesem Metier kein ausgebildeter Akteur ist. Seine Kunst funktioniert eher als Rezitator, der seine eigenen poetisch-kommentierenden Texte reizvoll verbreiten möchte. Das hat eine ähnliche statische und verbindliche Wirkung wie bei Hildegard Knef, die von Ella Fitzgerald schließlich als „größte Sängerin ohne Stimme“ bezeichnet wurde.

Die versierten Begleitmusiker, die auf „Vilnius“ als Jazz Kids aufgeführt werden, heißen eigentlich Major Minors. Die Gruppe traf mit Tom bei der Produktion des Films „Oh Boy“ aufeinander und wechselt nun den Namen und lässt paradoxerweise auch ihren Jazz-Sound ruhen. „Kein Liebeslied“ erweist sich dabei als Hybrid aus Nick Cave-Dramatik, Brecht/Weil-Kunstlied und Chanson-Noir. Rockabilly-Unruhe und nervöser, Punk-infizierter Gesang bestimmen das Gesicht von „Genug“. „Ein Junge“ zeichnet das Bild einer problematischen, gestörten und eventuell von manisch-depressiven Verstimmungen geprägten Beziehung, die mit Hilfe einer sich dynamisch abgestuften Stimmung dargestellt wird.

Der langsame Walzer „Draußen Am See“ findet im märchenhaften Harry Potter-Soundtrack-Stil statt. In diese Mörder-Ballade wurde zur Steigerung der Dramatik eine jammernde Slide-Gitarre eingebaut. Dagegen ist „Rasteryaev“ ein bewusst holprig inszeniertes, einfach strukturiertes Lied mit Anklängen an russische Folklore.

Annett Louisan singt bei „Ja Oder Nein“ mit ihrer piepsig-kindlichen Stimme im Duett mit Tom. Das Lied bekommt nicht nur deshalb eine leichtgewichtige Note. Im Gegensatz dazu wurde die „Ballade von René“ in eine scharfe R&B- und Surf-Rezeptur eingebettet. Die Cover-Version von Bettina Wegners Protest-Song „Kinder“ von 1976 wurde in ein zunächst fragiles, später wütendes Folk-Jazz Gerüst gepackt und „Schwer Dich Zu Vergessen“ bekommt eine herbstliche, schwermütige Färbung verordnet. Mit „Kalt Ist Der Abendhauch“ gibt es zum Abschluss noch ein engagiertes New Wave-Chanson.

Vilnius, die Hauptstadt von Litauen, spielt inhaltlich keine Rolle in den Liedern. Sie ist ein Ort, der im Leben von Tom einmal eine wichtige Rolle gespielt hat und dient jetzt als Symbol für osteuropäische Schwermut. Auch das Covermotiv wurde bewusst gewählt. Gerhard Richters „Seestück, bewölkt, Werkverzeichnis 235“ versinnbildlicht laut Aussage des Künstlers die Atmosphäre der Songs und repräsentiert seinen Gemütszustand. Die Einspielungen fanden in den legendären Hansastudios in Berlin statt, in denen David Bowie oder Nick Cave wegweisende Platten aufgenommen haben. Und Toms Produzent Moses Schneider (Tocotronic, AnnenMayKantereit) hat dort auch seinen Job gelernt.

Tom Schilling ertönt immer dann am wirkungsvollsten, wenn er den unerbittlich strengen Puls von Brecht/Weill-Kompositionen mit der Schärfe der frühen Bad Seeds um Nick Cave zusammenbringt (z.B. „Kein Liebeslied“). Das ist grundsätzlich der richtige Weg, um sich gegen den schlagerhaften Trend in der deutschsprachigen Pop-Musik abzugrenzen, denn wenn der Schauspieler selten in Pop-Gefilde vordringt und sich als Romantiker zu profilieren versucht, verliert er an Glaubwürdigkeit (z.B. „Ja Oder Nein“). Schilling verfügt über eine grandiose, flexible, mitreißende Band, die ihren Sänger auch dann noch ins rechte Licht rückt, wenn das Songmaterial nicht optimal und der Gesang zu brav ist. Für den Berliner ist noch Luft nach oben, der Ansatz ist aber vielversprechend. Neue Chansonniers braucht das Land und Tom Schilling gibt oft die Richtung vor, die Sinn macht, um das Genre aufzuwerten.

Anspieltipps:

  • Kein Liebeslied
  • Genug
  • Ein Junge
  • Draußen Am See
  • Ballade von René
  • Kalt Ist Der Abendhauch

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