Fehlfarben - Monarchie Und Alltag (Re-Release) - Cover
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Fehlfarben Monarchie Und Alltag (Re-Release)


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 39 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Parallel zur „Monarchie und Alltag“-Tournee erscheint der Deutsch-Punk-Klassiker klanglich überarbeitet.

1976 unterschrieben die Sex Pistols ihren ersten Plattenvertrag und pöbelten sich anschließend durch die Medien. Der Punk war dadurch kulturell und musikalisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen und polarisierte heftig. Plötzlich formierten sich auch bei uns sogenannte „geniale Dilettanten“, die mit Experimenten oder rohem Krach die Musikszene aufmischten. Dazu gehörte auch ein neuer Umgang mit der deutschen Sprache: Parolen, Provokationen und Dadaismus ersetzten häufig das Erzählen von konkreten Geschichten.

Zu den Pionieren der sogenannten Neuen Deutschen Welle zählten Bands wie Der Plan, DAF oder Mittagspause, die zu der pulsierenden Punk-Szene rund um den Ratinger Hof in Düsseldorf gehörten. Diese Gruppierungen zählten zu den Keimzellen der Fehlfarben, die Ende 1980 das wegweisende Album „Monarchie und Alltag“ herausbrachten. Im Nachhinein kann das Werk als Höhepunkt und Ende des neuen Aufbegehrens in der bundesdeutschen Pop-Kultur bezeichnet werden.

Die Platte wurde landauf, landab zu Recht abgefeiert und gilt noch heute als eine der Einflussreichsten der deutschsprachigen Pop-Musik. Die perfekte Produktion grenzte das Werk von den rüpeligen, oft amateurhaften Aufnahmen der Punk-Szene ab und öffnete das Fenster zum Mainstream Pop- und Rock-Markt. Das hatten ein Jahr zuvor schon The Clash in Großbritannien mit „London Calling“ bewerkstelligt. Ein ähnliches Phänomen läuteten Nirvana 1991 mit „Nevermind“, das sich wie eine teure Led Zeppelin-Einspielung anhörte und den klangtechnischen Standard für nachfolgende Grunge-Veröffentlichungen setzte.

Durch den Erfolg von „Monarchie und Alltag“ wurde eine Bewegung losgetreten, die mit dem rebellischen Anspruch der Anfangstage nichts mehr zu tun hatte. Albern-kindlich-debile Schlagerauswüchse wie Fräulein Menke („Hohe Berge“) oder Markus („Ich will Spaß“) waren die erbärmlichen Folgewirkungen. Die Fehlfarben gab es nach der Debüt-LP nicht mehr in der darauf zu findenden Besetzung. Sänger Peter Hein, der durch seinen bellenden, wutgeladenen Gesang als markantes Aushängeschild der Punk-Pop-Songs fungierte, verließ die Gruppe schon 1981, um sich seiner beruflichen Karriere zu widmen. Sein Nachfolger am Mikrophon wurde Gitarrist Thomas Schwebel, der durch betonten Anti-Gesang auffiel und auf den nächsten beiden Alben den Job des Frontmannes übernahm.

2002 kam es zu einer Neubelebung der Formation mit Peter Hein als Sänger. Und aktuell ist die Gruppe auf „Monarchie und Alltag“-Revival-Tournee. Aus diesem Anlass wird die Platte nochmal klanglich überarbeitet auf den Markt gebracht. Sie enthält aber kein Bonus-Material. Und das, obwohl es schon im Jahr 2000 eine restaurierte Version mit vier zusätzlichen Stücken gab. Eine merkwürdige Veröffentlichungs-Politik, die sich auf den Urzustand des Konzeptes bezieht: Takte, die sich wie eine Verhöhnung von zackigem militärischem Drill anhören, leiten „Hier und jetzt“ ein. Kurze, mit wenigen Akkorden auskommende Gitarrenriffs bestimmen danach nicht nur hier das Klangbild. Bass und Schlagzeug pumpen den Track mit stoischer Begleitung selbstbewusst zu einem querliegenden, unbequemen, bissigen Opener auf.

„Grauschleier“ bezieht sich auf den Power-Pop-Punk der britischen Buzzcocks. „Das sind Geschichten“ schaltet dann einen Gang zurück und klingt wie ein Mix aus The Cure und Joy Division. Für „Das war vor Jahren“ werden später vergleichbare Muster benutzt. „All that heaven allows“ macht einen desillusionierten Eindruck. Die konstruktive Wut von „Gottseidank nicht in England“ reißt das Ruder rum und zeigt die Gruppe wieder kämpferisch: Die Gitarren liefern krachende Salven ab und die Melodie zeigt attraktive Wendungen. Als bewusst eindimensional gehaltener Ethno-Dance-Punk entpuppt sich „Militürk“ und bei „Apokalypse“ fusionieren Electro- und Pop-Punk.

Ziemlich abgedroschen hört sich aus heutiger Sicht das satirische „Ein Jahr (Es geht voran)“ an, das die Band nur auf Drängen der Plattenfirma aufs Album genommen hat. Später wurde das Lied ihr größter Hit. Eine Zeit lang durfte es auf keiner Demo als Soundtrack fehlen. Die Aussage von „Angst“ ist zeitlos und spielt darauf an, dass Furcht immer auch eine manipulative Komponente besitzt. Das Stück wird von einem hektischen Takt und grellen Saxophon-Fanfaren befeuert. „Paul ist tot“ ist mit seinen acht Minuten untypisch lang für das Punk-Umfeld. Form und Ausdruck lassen aber eindeutig auf einen eigensinnigen Hintergrund schließen: Bei Paul handelt es sich nicht etwa um einen Menschen, sondern um einen Flipper-Automaten.

Einen gewissen klanglichen Mehrwert kann der Neuauflage von „Monarchie und Alltag“ nicht abgesprochen werden. Aber reicht dieser Bonus aus, um neue Käufer zu mobilisieren? Oder werden sich die alten Fans veräppelt vorkommen? Nostalgie und Punk, passt das eigentlich überhaupt zusammen? Joe Corré, der Sohn von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood hat jedenfalls jüngst alle Gegenstände aus dieser Zeit, die er von seinem 2010 verstorbenen Vater geerbt hatte, zum 40jährigen Punk-Jubiläum öffentlich verbrannt. Das Zeug soll übrigens einen Wert von ungefähr fünf Millionen Pfund gehabt haben.

Die Fehlfarben feiern ihre erste Platte mit einer Wiederveröffentlichung, die den Wert der Songs nochmals unterstreicht, aber in dieser Form wohl keine große Kasse machen wird. Einfach, weil diese Ausgabe außer dem verbesserten Klang keinen Mehrwert bietet. Musikalisch hat das Werk in weiten Teilen dem Zahn der Zeit sehr gut getrotzt. Auch heute kann der aufsässige Aspekt der Musik gut nachvollzogen werden. Die Deutungshoheit der Texte liegt häufig allein bei den Verfassern, aber manche Slogans sind in die Alltagssprache übergegangen (z.B.: „Und wenn die Wirklichkeit dich überholt hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol“ aus „Gottseidank nicht in England“). Und politische Aussagen zur Aufrüstung und zur Entwicklungshilfe sind leider immer noch aktuell („Apokalypse“).

Solch ein massenkompatibles Referenz-Werk, bei dem nicht alle Ecken und Kanten glatt gebügelt wurden, könnte der heutigen, immer oberflächlicher werdenden deutschsprachigen Musik-Szene auch wieder sehr gut tun.

Anspieltipps:

  • Hier und jetzt
  • Das sind Geschichten
  • All That Heaven Allows
  • Gottseidank nicht in England
  • Paul ist tot

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