Kitty, Daisy And Lewis - Superscope - Cover
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Kitty, Daisy And Lewis Superscope


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 34 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Zurück zu den Wurzeln: Kitty, Daisy & Lewis liefern ein kompaktes Retro-Sound-Erlebnis ab, welches die Geschwister kompositorisch enorm gereift zeigt.

Kitty, Daisy und Lewis Durham aus London gehören einer hochmusikalischen Familie an: Ihr Vater ist der Produzent und Gitarrist Graeme Durham und Mutter Ingrid war in den 80er-Jahren Schlagzeugerin der schrägen New Wave-Girl-Group The Raincoats. Und da der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, galten die drei Geschwister schon nach Veröffentlichung ihrer ersten Single im Jahre 2005 als Teenager-Rock & Roll-Sensation im Retro-Party-Sound. Diese hohen Erwartungen lösten sie auch 2008 mit ihrem ersten Album ein und wirbelten die Szene kräftig durcheinander.

Mit originellen Cover-Versionen erreichten sie eine Neubelebung von R&B, Jazz, Rock & Roll, Soul und Exotik durch sympathische Unbekümmertheit und erstaunliche Musikalität. Auf Album Nummer zwei („Smoking In Heaven“, 2011) versuchten die Jungspunde, die positiven Vibrationen auf eigene Kompositionen zu übertragen, konnten dabei das Niveau des Erstlings aber nicht ganz halten. „The Third“ von 2015 zeigte die Musiker wieder geschmackssicherer, aber die Spontanität des Debüts war dieses Mal nicht die Grundlage für die Einspielungen. Denn es wurde weniger auf direkte, ursprüngliche Ruppigkeit, sondern mehr auf elegante Geschmeidigkeit Wert gelegt.

Das Trio hat seitdem allerdings enorme Fortschritte beim Songwriting gemacht: Die Eigenkompositionen von „Superscope“ tragen den forschen, ungebundenen, ursprünglichen Entdeckergeist diverser Frühformen der Unterhaltungsmusik in sich und werden dazu noch homogen durch eigene Verzierungen angefüttert. Nach den Irrungen, Experimenten und Richtungswechseln der letzten beiden Veröffentlichungen konzentrieren sich die Durhams nun wieder auf ihre Kernkompetenzen, indem sie teils uralte Sounds reaktivieren, auffrischen, umkrempeln und in packende Songs kleiden. Damit nehmen sie ähnlich strukturierten Acts locker den Wind aus den Segeln und präsentieren sich erneut als wegweisende Combo im Retro-Geschäft.

Den Gesang übernehmen dabei meistens die Frauen. „You`re So Fine“ ist eines von zwei Stücken, das von Lewis interpretiert wird. Er präsentiert sich hier als cooler Rhythm & Blues-Artist, dessen Gitarren-Arbeit sowohl schillernde Link Wray-Vibrationen wie auch hitzigen John Fogerty-Swamp-Rock versprüht. Das Stück vermittelt die Abgeklärtheit eines professionellen Herzensbrechers und die Leidenschaft eines Draufgängers: Yin & Yang, Eis und Feuer, Liebe und Hass - Gegensätze ziehen sich an. Die Einbeziehung von unterschiedlichen Strömungen, Tempi und Stimmungen ist sowieso ein Grundprinzip bei den neuen Kompositionen. „The Game Is On“ hat sich das stechende Eingangsriff bei „London Calling“ von The Clash ausgeliehen, das den Pop-Song vor sich her treibt. Der Track bedient im Folgenden alle Erwartungen, die mit einem flotten Power-Pop verbunden sind: Eine eingängige Melodie, ein griffiger Refrain, ein kurzes, knackiges Gitarren-Solo und etliche einfallsreiche Brüche. Der Southern-Soul der Staple Singers mag vielleicht die Vorlage für „Team Strong“ gewesen sein. Das Lied wird aber zusätzlich mit gelenkigen Pop- und Jazz-Zutaten gespeist, so dass es ein munteres Eigenleben entwickelt. Der Funk-Bass von „Slave“ verspricht tanzbare Kost und wummert und schwingt wie ein dickes Gummiband.

Die zaghaften, aber effektiven Bläser verstärken noch die Erwartung an ausgelassen agierende Musik. Der Song rockt und groovt zwar stark, bleibt aber dem gemäßigten Tempo verhaftet. Der Lead-Gesang offenbart ansatzweise zornige Züge, was damit zu tun haben mag, dass im Text angedeutet wird, dass die Protagonistin in ihrer Beziehung zwischen Liebe und Abneigung hin- und hergerissen ist. Letztlich setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass sie sich zu oft fühlt, als würde sie abhängig wie ein Sklave sein.

„Black Van“ entführt in den geschmeidigen Girl-Group-Klang der 60er-Jahre und zeigt dabei eine verführerische Pop-Funk-Seite. Afroamerikanische und weiße Unterhaltungsmusik-Traditionen verschmelzen so zu universell gültigen Formen. Dem Slow-Blues „Love Me So“ leiht wieder Lewis seine Stimme, der die ruhige Nummer durch Geigen verzieren lässt, die dem ohnehin schon traurigen Track eine zusätzliche sehnsuchtsvolle Schwere verleihen. „Down On My Knees“ ist ein rockender Boogie, der nicht stumpf durchgezogen, sondern zwischendurch von stabilisierenden Pop- und Rock-Sequenzen flankiert wird. Die Nachtclub-Ballade „Just One Kiss“ ist ein sentimental aufgeladenes Liebeslied, wie es gerne auf dem Höhepunkt der Handlungsstränge in romantischen Hollywood-Filmen eingesetzt wird. Der schläfrige Swing-Ansatz wird mit dezenten, torkelnden Streichern und einem zurückhaltenden Bar-Piano kombiniert. „Whole Lot Of Love“ beginnt mit schwülem R&B, wie er bei Tony Joe White üblich ist und findet sich später unter Verwendung eines fließenden Überganges als flockiger Sixties-Pop wieder. „Broccoli Tempura“ ist ein Instrumentalstück, das den Soul-Funk von Booker T & The MGs („Green Onions“) sowie den Space-Age-Pop vom Peter Thomas Sound Orchester (Soundtrack für „Raumpatrouille“) in einem Stück vereint.

Kitty, Daisy & Lewis sind nicht nur für die Kompositionen und die Arrangements von „Superscope“ zuständig, sie haben die Platte auch selbst produziert und dabei einen voluminösen und transparenten Analog-Sound hinbekommen. Das Werk wirkt minutiös durchdacht und vermittelt den Spaß am Messen mit den Vorbildern. Die jungen Leute haben Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, denn sie verblüffen souverän durch Mehrdimensionalität in ihren Songs. Durch die Verwendung von unterschiedlichen Stilen wird eine spezielle Herangehensweise an die Pop-Geschichte vermittelt. Die Durham-Familie ist darüber hinaus stets bemüht, eigene Duftmarken in Form von Schlenkern und Ergänzungen im Rahmen der Berücksichtigung von historischen Mustern zu hinterlassen. Das Trio hat seine Vision eines aktualisierten Retro-Sounds mit „Superscope“ nochmal reformiert und verfeinert. Strebten sie bei „The Third“ noch die großen Show-Bühnen an, so sind sie jetzt wieder konzeptionell zurück auf den Tanzflächen der kleinen Clubs, wo die Post abgeht. Leider ist der Spaß schon nach 34 Minuten zu Ende.

Anspieltipps:

  • You`re So Fine
  • The Game Is On
  • Team Strong
  • Slave
  • Down On My Knees
  • Whole Lot Of Love

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