Amadou & Mariam - La Confusion - Cover
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Amadou & Mariam La Confusion


  • Label: Because Music/WEA
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Souveräne Mahner: Die Stil-Fusions-Spezialisten Amadou & Mariam aus Mali klagen an, ohne wütend zu werden.

Das westafrikanische Mali ist im Norden von der Sahara bedeckt, deshalb leben die meisten der rund achtzehn Millionen Menschen im Süden des Landes. Der Staat wird immer wieder durch bewaffnete Aufstände erschüttert, hat sich aber trotz aller Konflikte eine lebendige Kultur bewahrt. Grade auf dem Gebiet der Musik sind in der Region erstaunliche Entwicklungen und Kooperationen zu beobachten. So wurde z.B. der Begriff „Desert Blues“ für Bands geprägt, die psychedelischen Rock und Blues mit der traditionellen Musik Afrikas verbinden. Zu den Vertretern dieses Stils zählen aus Mali z.B. Gruppen wie Tamikrest oder Tinariwen, die sich aus ehemaligen Tuareg-Kämpfern rekrutierten und ihren Sound weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Die musikalischen Verbindungen aus Mali weisen vielfach einen leichten, fließenden Funk-Swing aus, der die Kompositionen in milde, rhythmisch aktive Bewegungen versetzt, welche entweder berauschend oder belebend ausfallen können.

Zu den bekanntesten Kulturbotschaftern dieser Art von Afro-Pop aus Mali gehören Amadou Bagayoko & Mariam Doumbia. Die beiden blinden Musiker lernten sich 1975 am Institute For Young Blind in der Hauptstadt Bamako kennen, heirateten 1980 und beschlossen, nachdem sie schon eigene musikalische Laufbahnen eingeschlagen hatten, nun gemeinsam Musik zu machen. Ihren internationalen Durchbruch feierte das Paar 2005 mit dem Album „Dimanche à Bamako“, das von Manu Chao produziert und begleitet wurde. Hier realisieren die Künstler eine individuelle Vorlage ihrer Sicht der Fusion von afrikanischer Folklore mit Pop-Musik. Dabei nutzen sie die Rhythmik, um den Tönen Auftrieb, Optimismus und eine mitreißende Ausstrahlung zu verleihen. Die populären Melodien fallen auf fruchtbaren Boden, weil sich sowohl einheimische Musikhörer, wie auch an westlicher Pop-Musik geschulte Ohren darin wiederfinden können. Diese Töne sind bunt und decken eine unterhaltsame Palette von tanzbar bis nachdenklich ab. Mit „La Confusion“ möchten sich die Musiker wieder mehr ihren Traditionen nähern und auch Stellung zur Lage der Nation sowie zu den sozialen Auswirkungen von menschlichen Eigenarten nehmen. Ihnen war immer wichtig, die Zusammenarbeit mit anderen Musikern zu suchen und zu fördern. Auf der neuen Platte werden sie allerdings ausschließlich von ihrem Produzenten Adrien Durand und ausgewählten afrikanischen Künstlern unterstützt. Dadurch erreicht die Musik einen noch homogeneren Charakter als bisher.

Ein afro-karibisches Flair umweht den semi-elektronischen Tanzbodenfüller „Bafou Safou“. Durch die Wirkung von lebhaft-harmonischen Weltmusik-Tönen wird dem künstlich wirkenden Disco-Beat ein menschlicher Impuls mitgegeben. Bei „C'est Chaud“, das sich inhaltlich mit der Situation der Flüchtlinge auseinander setzt, bekommt die in der Rhythmusarbeit verpackte Lebensfreude eine melancholische Patina verliehen. Dieses psychedelisch schimmernde Chanson verbindet quasi die visionäre Sicht von Grateful Dead mit der anpassungsfähigen Erzählkunst von Benjamin Biolay. „Filaou Bessame“ sowie „Fari Mandila“ brillieren und betören durch einen flirrend schwingenden Groove, hypnotische Minimal-Art-Rhythmen und exotische Jazz-Einschübe. Während „Ta Promesse“ und „Femmes Du Monde“, das sich für Gleichberechtigung stark macht, alleine wegen der folkloristischen Call And Response-Gesänge sehr heimatverbunden klingen. Das Stück „La Confusion“ beinhaltet im Gegensatz dazu mehr Elektro-Pop- und Rock-Anteile als musikalische Überlieferungen aus Afrika.

„Diarra“ zeigt, wie gut Funk, Reggae und Pop miteinander harmonieren können, wenn die jeweiligen Musik-Richtungen genügend Raum zur Entfaltung erhalten. Der stoische Folk-Blues „Mokou Mokou“ lässt es gelassen angehen. Das Tempo scheint an die Hitze der Wüste angepasst worden zu sein. Für „Yiki Yassa“ wird eine ausgelassene Stimmung mit dem schäumenden Instrumententrubel aus afrikanischer Folklore kombiniert, wobei bunte Jazz-Improvisationen, verschachtelte Rhythmus-Strudel und sphärische Ruhepausen kurzweilig durcheinanderpurzeln. „Massa Allah“ erscheint zunächst als religiös beeinflusstes Stück, wird aber bald darauf in einen folkloristisch unterlegten Jazz-Track überführt. Beim „Mokou Mokou Blues“ darf Amadou dann nochmal seine Fähigkeiten als songdienlicher Gitarrist auffallend unter Beweis stellen. Schade, dass es sich hierbei nur um ein kurzes Outro handelt.

Das neue Werk vermittelt Lichtblicke, suggeriert Durchhaltevermögen und beweist die Liebe der Musiker zu ihrem Heimatland und dessen Bevölkerung. Amadou und Mariam senden eine Botschaft des Verständnisses, des friedlichen Zusammenlebens und der Hoffnung auf bessere Zeiten in die Welt, die hoffentlich einigen Menschen Kraft und Glauben schenken wird. Die widrigen Zustände in Mali kommentieren Amadou & Mariam mit Nachdruck, aber ohne Zorn. Musikalisch gibt es tatsächlich wie angekündigt mehr Afro-Sound als Pop, was den Kompositionen und der Verständigung zwischen den einheimischen Musikern guttut. Die Verschmelzung afrikanischer Kultur mit Rock, Pop, Blues, Folk, Reggae, Jazz, Soul, Funk und Disco funktioniert bei „La Confusion“ auf einem anspruchsvollen Level, welches ein großes Verständnis von der Gleichartigkeit und Funktionsweise musikalischer Strukturen offenbart. Das lange Warten auf ein akustisches Lebenszeichen seit „Folila“ aus 2012 hat sich also gelohnt. Mit ihrem achten Studio-Album legen Amadou & Mariam sozusagen ihre „Songs In The Key Of Life“ vor, denn die aktuellen Lieder sprühen ebenso wie das Stevie Wonder-Referenz-Werk von 1976 vor Leidenschaft und Ideenreichtum.

Anspieltipps:

  • Bafou Safou
  • C`est Chand
  • Fari Mandila
  • Yiki Yana
  • Massa Allah

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