JD McPherson - Undivided Heart & Soul - Cover
Große Ansicht

JD McPherson Undivided Heart & Soul


  • Label: New West Records
  • Laufzeit: 40 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
4.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Vom Lehrer zum Hüter des Rock & Roll: JD McPherson etabliert sich mit seinem dritten Album endgültig als gestandener, ungeschliffener Bewahrer von rauen Retro-Sounds.

Die Leidenschaft war stärker als die Vernunft: JD McPherson hing seinen Job als Lehrer an den Nagel und brachte 2010 mit „Signs & Signifiers“ seinen ersten Longplayer mit ursprünglichem frühen Rock & Roll, Rhythm & Blues und Soul auf den Markt. Und das Besondere dabei ist, dass bei Jonathan David McPherson nichts geschönt wird. Der Sänger, Gitarrist und Komponist bleibt dem urwüchsigen Stil der 50er- und frühen 60er Jahren stets wahrhaftig verbunden und bietet oft spröden und aufgekratzten Stoff an. Selbst gefühlvolle Lieder interpretiert er mit Leidenschaft und Inbrunst. Daran hat auch sein Umzug in die Country-Hochburg Nashville nichts verändert. Bei „Undivided Heart & Soul“ kommt es also nicht zu einer angepassten Gangart, wohl aber zu einer leichten Verschiebung und Ausdehnung des üblichen Retro-Sound-Spektrums vom glühenden Little Richard-Verehrer.

Der morbide Wahnsinn, der die psychedelischen Rockabilly-Gebilde der Cramps durchzieht, eröffnet „Desperate Love“. Tex-Mex-Takte tragen den Klang über einen Spaghetti-Western-Zwischenteil hinweg in abgeklärte Rhythm & Blues-Gefilde. Das hintergründige Stück holt sich dabei sein Feuer aus brodelndem Rock & Roll und pumpendem Boogie-Woogie. Das pulsierende „Crying's Just A Thing You Do“ wird von einem Stakkato-Hammer-Piano begleitet. Mächtige Bass-Riffs donnern im vibrierenden Duane-Eddy-Stil und die Bläser tragen kurze, unauffällige, aber einschneidende Fanfaren bei, die wie Giftinjektionen wirken. Den Twist-Tänzern wird dabei mit schweißtreibenden, aufstachelnden Grooves ordentlich eingeheizt. Der heftige Psycho-Blues-Rock „Lucky Penny“ beginnt schrill und kreischend wie ein dröhnender Track von The Black Keys. Im Verlauf wird eine hypnotische Wirkung erzeugt, wie sie ähnlich auch bei „Spirit In The Sky“ von Norman Greenbaum oder „Ride A White Swan“ von T. Rex entsteht.

Das Einsatzgebiet von „Hunting For Sugar“ ist vielfältig. Die ernsthafte Ballade taugt sowohl als James Bond-Thema wie auch als Steilvorlage für das nächste Adele-Album. Es lassen sich sowohl Elemente des Torch-Songs der 1940er Jahre wie auch Einflüsse aus dem klassischen Pop der 1960er Jahre nachweisen. Der Track fleht in Gospelmanier und leidet standhaft wie ein geläuteter Sünder. New Wave- und Punk-Zutaten prägen „On The Lips“. Stoische Riffs und Rhythmen befeuern die im Grunde nachdenkliche Melodie und lassen das Stück wie eine Verbeugung vor dem Punk-Pop-Instinkt von Blondie erscheinen. Außerdem treffen hier die trockenen Rhythmen der Young Marble Giants und die klatschenden Takte von Bruce Springsteens „Dancing In The Dark“ zusammen. Die Komposition „Undivided Heart & Soul“ ist eine stämmige, mit Stacheldraht umwickelte Ballade, die durch kräftige Rhythmusarbeit und einem nach Weite und Einsamkeit klingenden Country-Rock-Gitarren-Solo veredelt wurde. Der stumpfe Blues und Boogie von „Bloodhound Rock“ zapft den unnachgiebigen Rhythmus einiger John Lee Hooker-Songs an und verleiht dem klassischen Rock & Roll durch seine Minimal-Art-Verpackung einen triebhaften, beschwörenden Trance-Rock-Charakter.

„Style (Is A Losing Game)“ hört sich wie ein durch Adrenalin geschwängerter Track von Elvis Costello an. Der engagierte Gesang wird dabei optimal in die leidenschaftlich vorgetragenen Power-Pop-Abläufe integriert. Das schmachtende „Jubilee” greift tief in die Crooner-Kiste, ohne schmalzig zu sein. Nebenbei erfolgt noch eine Nachlassverwaltung der Harmonien von „Long As I Can See The Light“ (Creedence Clearwater Revival), während sich JD in sakrale Southern-Soul-Hingabe versetzt. Bei „Under The Spell Of City Lights“ klingt ein exakt swingender Motown-Soul-Groove an. Dieser Takt wird übergangslos in ein astreines Rockabilly-Pop-Modell gegossen. Den Anfang machen nämlich einige Takte von „You Can`t Hurry Love“ (Diana Ross & The Supremes), bevor die Konstruktion in einen flotten New Wave-Modus versetzt wird. Mit deftigen Garagen-Rock-Riffs erweist sich „Let's Get Out Of Here While We're Young“ als Erbe des Rock & Roll-Pioniers Link Wray. Außerdem wird hier der fiepende Orgelsound solcher Neo-Garagen-Rock-Bands wie The Lyres zitiert.

In den Kreationen von JD McPherson steckt viel Detailarbeit: Die 1940er- bis 1980er Jahre wurden nach verwertbaren Tonmustern für einen griffigen Vintage-Sound durchforstet. Es ist dann gelungen, pro Komposition mehrere Stil-Ausprägungen zuzuordnen. Dadurch ergeben sich Lieder, bei denen Wahrnehmungen aus unterschiedlichen Einflüssen zu einem aktualisierten, multiplen Klangerlebnis führen. Ecken und Kanten sind erwünscht, damit ein Potpourri aus zündenden Ideen, griffigen Melodien und knackigen Rhythmen geschaffen werden konnte. Bei dieser Frischzellenkur kamen mit jeder Note unwiderstehliche, bewährte Tugenden zutage, die auf neue, unverbrauchte Vorstellungen treffen. Das Ergebnis ist deshalb nicht nur retrospektiv, sondern auf verblüffende Weise auch ultramodern. JD McPherson ist heute einer der lebenden Beweise dafür, dass es überzeugend gelingen kann, die großen Quellen afro-amerikanischer Vorbilder so anzuzapfen, dass daraus authentische, weitblickende und zeitlose Musik erblüht. Es ist an der Zeit, dass solche integrativ agierenden Musiker wieder die Tanzflächen der Welt erobern!

Anspieltipps:

  • Desperate Love
  • Lucky Penny
  • On The Lips
  • Undivided Heart & Soul
  • Bloodhound Rock
  • Under The Spell Of City Lights

Neue Kritiken im Genre „Rock ´N Roll“
Diskutiere über „JD McPherson“
comments powered by Disqus