The Barr Brothers - Queens Of The Breakers - Cover
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The Barr Brothers Queens Of The Breakers


  • Label: Secret City/Rough Trade
  • Laufzeit: 51 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Ausgestaltungsmöglichkeiten des Americana-Sound sind noch nicht erschöpft: The Barr Brothers überschreiten die Grenzen der Gepflogenheiten.

The Barr Brothers sind die amerikanischen Brüdern Andrew (Sänger, Pianist, Schlagzeuger, Keyboarder, Bassist) und Brad (Sänger, Gitarrist, Keyboarder, Bassist) Barr, die zehn Jahre lang als Mitglieder von The Slip Bestandteile der Jam-Band-Szene von Providence in Rhode Island, USA waren. In Kanada lernten sie 2005 die Harfenistin, Gitarristin und Sängerin Sarah Page kennen, die von da an fester Bestandteil der neugegründeten Bruder-Vereinigung war. Gerne werden für diese Basis-Formation auch Gäste zur Bereicherung des Klangbildes eingeladen. Die offene Gruppe ist grob dem Americana-Spektrum zuzuordnen und bringt jetzt mit „Queens Of The Breakers“ ihren dritten Longplayer raus. Diese Veröffentlichungen erschienen bisher exakt in einem Intervall von drei Jahren. Die relativ lange Spanne hat sich dabei positiv auf die Reifung und Erfahrungsfindung der Künstler ausgewirkt.

Americana ist aber tatsächlich nur eine undeutliche Beschreibung und Einordnung für das, was hier passiert. Die Grenzen verschwimmen grob zwischen unterschiedlichsten Roots-Spielarten und Art-Pop. Die Musiker mögen es nämlich grundsätzlich unkonventionell. So wird schon mal rauer Delta-Blues mit schillerndem Harfen-Klirren geschmückt oder es treffen afrikanisch geprägte Färbungen auf kitzelig gepickte Folk-Akustikgitarren, die von gefühlvollen Harmonie-Stimmen umgarnt werden. Ideenreichtum, filigranes verschachteln von Klängen und gesangliche Herausforderungen sind Eckpunkte beim kompositorischen Denken und Tüfteln des in Kanada ansässigen Trios. Zum Gesamtbild gehören dann noch stützende, füllende und begleitende Stimmen, die fest und selbstbewusst Leidenschaft und Sehnsucht transportieren.

Ausgefeilte Gesangssätze laufen bei „Defibrillation“ originell arrangiert und anmutig zugleich ab. Sie werden von zirpenden Tönen begleitet. Das klingt, als würden Grillen die Basis des Liedes legen und erweckt nebenbei den Eindruck, die Aufnahme hätte im Freien stattgefunden. „Look Before It Changes“ entführt in eine meditativ-hypnotische Klangwelt, die auf einer mystischen Folklore zu beruhen scheint. Der harmonisch ausgewogene Folk von Simon And Garfunkel hat sich bei „Song That I Heard“ eingenistet und die Trompeten schwelgen dazu würdevoll und bewegend. Die Verbindung von Blues-Rock-Vorlagen und Folk-Pop gibt es nicht so häufig. „Maybe Someday“ ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie diese Stile undogmatisch und ausgewogen miteinander verschmolzen werden können.

Der Begriff „Kompromat“ setzt sich aus den Wörtern „kompromittierend“ und „Material“ zusammen. Die Entstehung wird dem sowjetischen Geheimdienst zugeschrieben und meint die Methode, über einen Gegner belastende Fakten zu beschaffen, um ihn damit erpressen zu können. Das genauso bezeichnete Hypno-Blues-Stück wird von den Warhol Dervish Strings in symphonische Gefilde begleitet und durch eine viersaitige, gezupfte Langhals-Laute aus Mali werden exotische Impressionen vermittelt. „You Would Have To Lose Your Mind“ stellt zunächst Schwebeklänge, glockenartiges Harfenklingeln, sakralen Gesang, wellenförmiges Streicher-Rauschen und ein solides Bass-Schlagzeug-Fundament zur Verfügung, um einen hintergründigen Effekt zu suggerieren. Aber der Song rekelt sich gegen Mitte der Laufzeit, wacht langsam auf, gewinnt an Lautstärke und Dynamik und positioniert sich somit neu als verschrobener Weltmusik-Beitrag mit Folk-Rock-Wurzeln. Das Titelstück „Queens Of The Breakers“ zeigt die Pop-orientierte Seite der Band. Hier wird die Fähigkeit dokumentiert, eingängige Melodien mit komplexen Arrangements so zu verbinden, dass das Ergebnis anspruchsvoll bleibt, aber trotzdem leicht und eingängig ins Ohr geht.

Das sirren der indischen Sitar leitet das markante und struppige „It Came To Me“ ein. Der Song ist von einem kompromisslosen Vorwärtsdrang beseelt, der das Zugpferd des muskulösen Roots-Rock bildet. „Hideous Glorious“ spielt mit der Leichtigkeit des Seins, ohne dabei klare und beherzte Strukturen aus den Augen zu verlieren. Der fließende Rocker strömt ein Gefühl von Ungezwungenheit und Zufriedenheit aus und ist somit mittig zwischen Tom Petty und R.E.M. angesiedelt. „Hideous Glorious Part 2“ blättert eine gospelartige Seite im Songbook der Barr Brothers auf. Eine feierlich sprühende Harfe prägt dabei das kurze Zwischenspiel. Auch „Ready For War“ wirkt pastoral, verkörpert jedoch auch den glühend verehrenden und predigenden Zustand von begeisternden Soul-Aufnahmen, ohne diesen Stil zu zitieren.

The Barr Brothers zelebrieren 51 abwechslungsreiche Minuten, in denen sie von intim bis ausschweifend so ziemlich alle Gefühlsregungen abdecken. Genüsslich spielen sie diese gegen- und miteinander aus. Ausgetretene Pfade gehen die Musiker dabei weitgehend aus dem Weg, was zu einem eigentümlichen Sound führt. Respekt dafür, denn konventionell zu agieren ist keine Kunst, avantgardistisch und zugleich zugänglich zu sein aber schon.

Anspieltipps:

  • Defibrillation
  • Look Before It Changes
  • Maybe Someday
  • Kompromat
  • Queens Of The Breakers

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