Mary Gauthier - Rifles And Rosary Beads - Cover
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Mary Gauthier Rifles And Rosary Beads


  • Label: Proper Records
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Empathie, schmerzhafte Erfahrungen und Folk-Gewandtheit sind die Zutaten bei diesen in Zusammenarbeit mit Kriegsveteranen entstandenen Songs.

Die musikalisch unterlegten Geschichten von Mary Gauthier sind ein ehrlicher Ausdruck ihres durch etliche Schwierigkeiten geprägten Lebensweges. Mary wuchs bei Adoptiveltern auf und rebellierte gegen diese Situation, indem sie mit fünfzehn Jahren von zuhause ausriss. Danach verlor sie ihren Halt. Drogenprobleme brachten sie schon mit sechzehn in eine Entzugsklinik und mit achtzehn landete sie im Knast. Über den Umweg eines Philosophiestudiums, des Besuchens einer Kochschule und des Betreibens eines Restaurants kam sie nach sechzehn Jahren anhaltender Alkoholsucht erst im Alter von vierunddreißig Jahren zur Musik. 1997 erschien dann „Dixie Kitchen“, die erste ihrer als Country-Folk-Noir klassifizierten Musik. „Rifles And Rosary Beads“ ist jetzt das achte Studioalbum der in New Orleans geborenen fünfundfünfzigjährigen Künstlerin. Die Besonderheit dieses Werkes ist, dass die nachdenklichen Erzählungen gemeinsam mit Irak- und Afghanistan-Kriegs-Veteranen und deren Familien im Rahmen von Songwriter-Workshops geschrieben wurden, die der Singer-Songwriter Darden Smith ins Leben rief.

„Soldering On“ gibt sich unbeugsam und kämpferisch. Der gemächlich beginnende Folk-Rock erhält seine kühnen Ansätze aus einem resolut rockenden elektrischen Teil, furchtlos-traditionellen Elementen des Mountain-Folk sowie lyrischen Singer-Songwriter-Impulsen, die mehrschichtig als Querverweise im Song verwoben werden. Als mild groovender Gospel-Blues entpuppt sich dann „Got Your Six“, während „The War After The War“ genauso wie das folgende „Still On The Ride“ dem ländlichen Milieu eines Neil Young-Songs oder einer Lucinda Williams-Komposition entliehen zu sein scheinen.

Herbstlich-regnerisch tropfen die Töne zu Beginn der Ballade „Bullet Holes In The Sky“ aus den Lautsprechern. Der Song entfaltet seine ganze anheimelnd-gutmütige Stimmung in einem leisen, aber dennoch dynamischen Flow von delikaten, atmenden Dream-Pop-Sounds. Umsicht bei der Beurteilung von Sachverhalten, ein Gespür für die Übermittlung von sensiblen Empfindungen und die Kunst des wirkungsvollen Einsatzes von Instrumenten zur Erzeugung von verlockenden Klängen kommen hier auf hohem Niveau zusammen.

Die Lieder „Brothers“ und „Rifles And Rosary Beads“ übermitteln Marys Gesang unmittelbar, ungeschönt und unbearbeitet. Kleinere Unsauberkeiten wurden drin gelassen und selbst leichte Übersteuerungen führten nicht zu einer Korrektur des Klangbildes. Das Erreichen von Perfektion ist nicht das Anliegen der Sängerin, denn sie sieht sich hauptsächlich als Erzählerin, die das Medium Musik als Transportmittel ihrer Botschaften nutzt.

Das Leben und Leiden der Ausgestoßenen, Gescheiterten und gesellschaftlich an den Rand gedrängten Menschen kennt die Singer-Songwriterin aus erster Hand. Über deren Notlagen und über soziale und politische Ungerechtigkeiten möchte sie berichten und das so authentisch wie möglich. Der Autorin geht es um die Darstellung des echten, wahren Lebens, das nicht immer fair ist. Dabei zeichnet sie ein Bild der Trauer genauso eindringlich wie das Erleben von Freude. Es wird in ihren Betrachtungen ebenso vom Feiern von Erfolgen berichtet wie auch das Bewältigen von Misserfolgen beschrieben.

Bei „Morphine 1-2“ scheint das Piano über dem ruhigen Geschehen zu schweben. Trompete und Geige reihen sich dann noch in diesen spirituellen Reigen ein. Das ergreifend innige „It's Her Love“ hört sich traurig an, beinhaltet aber eine tief empfundene, zu Herzen gehende Liebeserklärung. „Iraq“ wiegt den Zuhörer musikalisch in Sicherheit, beschreibt aber das Mobbing einer weiblichen Militärmechanikerin durch ihre Kameraden. Deren Feind ist also nicht im engeren Sinn im Irak zu suchen, sondern bei den inneren Strukturen und Verhaltensmustern in der US-Army. „Stronger Together“ verfolgt musikalisch ebenso einen walzerartigen Wiege-Rhythmus, es werden zusätzlich aber noch geistlich-feierliche Gospel-Harmonien benutzt.

Mary ist in ihren Texten also um Schilderungen von Missständen und Gefühlsregungen bemüht und möchte um Verständnis von menschlichen Handlungsweisen in Krisensituationen werben. In gewisser Weise können ihre Schöpfungen somit als Protestsongs angesehen werden. Die Künstlerin versteht sich als Sprachrohr von Personen, die keine große Lobby in Politik und Gesellschaft haben. In ihrem humanitären Erklärungsansatz kommt sie solchen Sozial-Biographien wie sie die Folk-Ikone Phil Ochs in den 1960er Jahren verfasst hatte, sehr nahe. Das gilt auch für den seriös-melancholischen Rahmen, der zum intensiven Zuhören einlädt. Die Wirkung von Worten und Musik sind bei den Liedern in etwa gleichwertig anzusehen.

Chronisten wie Mary Gauthier, die mit wachem Geist jenseits von Parteipolitik über das Leben berichten, sind zu jeder Zeit eine Bereicherung der Pop-Kultur gewesen. Inhalt und Form dieser Lieder sind zeitlos und die behandelten Probleme werden wohl leider auch noch in Zukunft brisant und aktuell bleiben. Jetzt wurden hier Ansichten aus dem Blickwinkel der Armee-Angehörigen öffentlich gemacht und mit Hilfe von differenziertem, sensiblem Folk in eine haltbare, anspruchsvolle musikalische Form gegossen. Empathie, schmerzliche Erfahrungen und künstlerische Gewandtheit im erweiterten Folk-Rahmen gehen bei „Rifles And Rosary Beads“ also eine willkommene Allianz gegen kommerzielle Anbiederung, Ausgrenzung und Intoleranz ein.

Anspieltipps:

  • Soldering On
  • Got Your Six
  • Bullet Holes In The Sky
  • Morphine 1-2
  • It’s Her Love

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