Tocotronic - Die Unendlichkeit - Cover
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Tocotronic Die Unendlichkeit


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.7/10 Leserwertung Stimme ab!

„Die Unendlichkeit“ ist die vertonte Autobiografie von Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow.

Mit ihrem neuen Album „Die Unendlichkeit“ machen Tocotronic das Dutzend voll und liefern gleichzeitig ein Konzeptwerk über das eigene Leben, von der Kindheit bis in die Gegenwart, ab, das in typischer Manier und doch irgendwie anders eine besondere Stellung im tocotronischen Mikrokosmos einnimmt. Inhaltlich gehen Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Arne Zank (Drums), Rick McPhail (Gitarre) und Jan Müller (Bass) wie gewohnt mit kryptischen und blumig-verkopften Texten ans Werk, während die Band musikalisch in einem mutigen Mix aus Sixties- und Indie-Pop, psychedelischen Elementen sowie Indie- und Krautrock reüssiert.

Auch im 25. Karrierejahr ist das Hamburger Quartett nicht müde geworden, sich weiterzuentwickeln, auch wenn es für den Hörer nicht immer leicht war, ihm zu folgen. Aus dem rumpelnden Indie-Rock der 90er Jahre, der mit kongenialen Parolen wie „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“ oder auch „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“ weite Teile einer Generation begleitete, wurde auf den drei Longplayern der Nullerjahre eine zunehmend poppigere, elektronischere und experimentelle Musik, die nicht mehr jeden Fan der Anfangstage erreichte. Tocotronic waren bei einem Majorlabel gelandet und in den Charts für die vordersten Ränge gebucht. Irgendwie verwirrend.

„Die Unendlichkeit“ transportiert die Lebensgeschichte von Dirk von Lowtzow – und der Rest der Band geht diesen Weg mit. So erzählen Tocotronic von einer Kindheit in den 70er Jahren im beschaulichen Schwarzwald („Tapfer und Grausam“), sie tauchen ein in eine wohlbehütete Jugend in den 80er Jahren („Hey du“ und „Electric Guitar“) und feiern den Ausbruch aus der Provinz mit Lowtzows Umzug von Freiburg nach Hamburg („1993“). Darüber hinaus thematisiert die Band zum wiederholten Mal den Tod („Unwiederbringlich“, „Bis uns das Licht vertreibt“) und landet langsam aber sicher am Ende im Hier und Jetzt („Ausgerechnet Du hast mich gerettet“).

Das Album wird durch den 5½-minütigen Titeltrack eröffnet, der als wabernder Space-Rock-Song daherkommt und die Atmosphäre für die nächsten 45 Minuten vorgibt, die keinesfalls eintönig ist. So trotzen Tocotronic der thematischen Romantik (und mitunter auch Schwermut) mit 80er-Jahre-Gitarren-Pop („Ich lebe in einem wilden Wirbel“) und einer herrlich krawalligen Indie-Rock-Attitüde („Hey du“, „1993“), während Stücke wie „Unwiederbringlich“ oder auch „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ belegen, dass Tocotronic auch mit Orchesterbegleitung nicht kitschig, sondern authentisch klingen.

Auf diese Weise gelingt den Herren von Lowtzow, Zank, McPhail und Müller erneut eine besondere Form von Tiefgang, die in einen in der deutschen Pop- und Rock-Szene einmaligen musikalischen Mantel gesteckt wird, der im Tococtronic-Kontext vielleicht noch nie so ausgereift klang, wie auf „Die Unendlichkeit“.

Anspieltipps:

  • 1993
  • Hey du
  • Mein Morgen
  • Die Unendlichkeit
  • Unwiederbringlich
  • Alles was ich immer wollte war alles
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