Joan Baez - Whistle Down The Wind - Cover
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Joan Baez Whistle Down The Wind


  • Label: Proper Records
  • Laufzeit: 39 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Die große Dame des Folk und Aktivistin für Menschenrechte verabschiedet sich in Würde und denkwürdig mit einem reifen Studio-Album von der Konzert-Bühne.

Joan Baez hat einen untadeligen Ruf. Als Musikerin war sie in der Zeit, als der Vietnam-Krieg und die Rassenkonflikte die inneren Strukturen der USA erschütterten, eine Gallionsfigur der politischen Folk-Music-Bewegung. Sie war dabei, als Dr. Martin Luther King 1963 seinen Marsch für Arbeit und Freiheit nach Washington antrat und wurde fortan als unbeugsame Bürgerrechtlerin innerhalb des Protest-Song-Zirkels angesehen. Dann trat sie als Förderin und Geliebte von Bob Dylan in Erscheinung, spielte alleine vor 400.000 Menschen in einer Nacht beim Woodstock-Festival im Jahr 1969 und half Bob Geldof durch ihre Reputation beim Live-Aid-Festival 1985 mit einem Auftritt in Philadelphia. Ihre Karriere umspannt nun beinahe 60 Jahre und hinter der Motivation mit „Whistle Down The Wind“ nach zehn Jahren Abstinenz noch ein weiteres Studio-Album einzuspielen, stand auch die Absicht, in 2018 eine Abschieds-Welt-Tournee durchzuführen.

Zugegeben, ihr manchmal aufdringliches Tremolo in der Sopran-Stimme ist nicht jedermanns Sache, aber Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit und Durchhaltevermögen haben sie zu einer Ikone in der sonst so flüchtigen Pop-Welt werden lassen. Jedoch sollte ihr neues Werk nicht unter einem Lebenswerk-Gesichtspunkt, sondern am aktuellen Qualitäts-Standard von Folk-Produktionen gemessen werden. Als Tom Waits-Interpretatorin nimmt sich die 77jährige Künstlerin und pazifistische Menschenrechtlerin zusammen mit ihrem beratenden Partner Joe Henry nicht etwa die offensichtlichen Songs aus der Frühphase des knurrigen Poeten von Alben wie „Closing Time“ von 1973 vor. Sie bevorzugen die sperrigen Arbeiten „Bone Machine“ („Whistle Down The Wind“, 1992) und „Bad As Me“ („Last Leaf“, 2011). Aus den brüchigen Vorlagen entstehen transparente, räumliche Folk-Songs, die den Eindruck vermitteln, schon ewig zum Repertoire der großen Dame zu gehören.

Auch der Songwriter Josh Ritter, den sie schon im Vorprogramm ihrer Shows präsentierte, scheint es Joan Baez besonders angetan zu haben. Denn aus seinem Song-Vorrat haben es zwei für sie exklusiv verfasste Lieder auf das neue Album geschafft. „Be Of Good Heart“ klingt tatsächlich so, als sei er der Folk-Queen auf den Leib geschrieben worden. „Silver Blade“ wird so sensibel ausgelegt und dem Folk-Jazz zugeordnet, dass sein Ursprung auch von David Crosby oder Ryley Walker stammen könnte. Erstaunlich ist, dass die Wahl auch auf „Another World“ von Anohny, das 2008 noch unter Antony And The Johnsons eingespielt wurde, gefallen ist. Diese dunkle, fragile, aufwühlende Ballade wurde spartanisch instrumentiert und beinahe wie eine Hinterlassenschaft einer uralten Kultur zelebriert.

Mit Mary Chapin Carpenter („The Things That We Are Made Of“), Tim Erikson („I Wish The Wars Were All Over“) oder Eliza Gylkison („The Great Correction“) finden die üblichen Verdächtigen Einzug in den Lieder-Reigen: Verlässliche und honorige Kolleginnen und Kollegen mit erlesenem Geschmack und gut durchdachten, erwachsenen Kompositionen. Da kann eigentlich nichts schief gehen, bei zu viel Behäbigkeit könnte es jedoch trotzdem langweilig werden. Aber nicht, wenn Joe Henry für den Sound und die Stimmung verantwortlich ist. Bei ihm ist Abgeklärtheit stets gleichbedeutend mit Würde, Eleganz und zeitlosem, brillantem Entertainment.

Der Protest-Song „The President Sang Amazing Grace“ von Zoe Mulford beschäftigt sich mit bewaffneten Amokläufen und hat damit eine beschämende und beklemmende Aktualität, der sich die weltverbessernde Sängerin als moralische Instanz nicht verschließen konnte. Produzent Joe Henry stellte sein „Civil War“ vom Album „Civilians“ (2007) zur Verfügung und diese stille Parabel mit Sicht auf das aktuelle soziale Klima in den USA gedeiht auch in den Händen der engagierten Musikerin zu einer bitter-süßen Darstellung von Doppelmoral.

Durch ihr Einfühlungsvermögen gelang es Joan Baez immer wieder, bemerkenswerte Alben zu veröffentlichen. Dazu mussten das Songmaterial außergewöhnlich und die Arrangements delikat sein. So wie bei „Diamonds & Rust“ (1975), „Dark Chords On A Big Guitar“ (2003), dem von Steve Earle produzierten „Day After Tomorrow“ von 2008 und jetzt wieder bei „Whistle Down The Wind“. Hier stimmen sowohl die Auswahl der Songs wie auch deren Aufbereitung mit warmen, füllenden, aber gleichzeitig transparenten Begleitungen. Durch die aktuelle gesangliche Ausgeglichenheit der Folk-Lady, die sich voll und ganz in den Dienst des Songs stellt, wird das harmonische Stimmungsbild noch abgerundet. Joan hadert zwar mit ihrer dunkler gewordenen, altersweisen Stimme, weil sie nicht mehr die hohen Tonlagen bedienen kann, für „Whistle Down The Wind“ ist diese erhabene Vortragsform jedoch ein Gewinn. Denn die Ernsthaftigkeit der aufgegriffenen Themen und die kunstvoll gestalteten Song-Konstruktionen werden dadurch stilvoll und nachhaltig beeindruckend unterstrichen.

Anspieltipps:

  • Whistle Down The Wind
  • Another World
  • Civil War
  • The Great Correction
  • I Wish The Wars Were All Over

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