Textor & Renz - The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere - Cover
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Textor & Renz The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere


  • Label: Trikont/INDIGO
  • Laufzeit: 27 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Textor & Renz destillieren für ihre Musik die essentiellen Bestandteile aus der Roots-Music und geben diese in minimalistischer Form an die Welt zurück.

Henrik von Holtum war ehemals Rapper bei Kinderzimmer Productions und unterhält mit Schwarz Gold Blau ein weiteres Projekt, das elektronischen HipHop mit den Möglichkeiten des Kunstlieds verbindet. Unter dem Pseudonym Textor betätigt er sich als Sänger und Bassist zusammen mit Holger Renz (Gesang und Gitarre) als abwägendes Duo auf Singer-Songwriter-Basis. Natürlich haben die Beiden nicht den Minimalismus in der Roots-Music erfunden, sie kultivieren ihn aber in Form einer meditativen, aber dennoch wachen Version, die den Hörer durch Originalität an die Lautsprecher fesselt. Die Musiker versuchen gar nicht erst, den brachialen Blues-Rock solcher Zweiergespanne wie den White Stripes oder The Black Keys zu adaptieren. Ihr Sound zitiert ohne Schlagzeug-Einsatz Blues- und Folk-Motive, ohne diese traditionell zu verwalten.

Der Opener „The Days Of Never Coming Back” stimmt mit einer wie aus dem Schatten hervorkommenden, unwirklichen Atmosphäre auf sensibel-fragile Momente ein. Der Rhythmus von „Boom Clack“ klingt genauso wie das Stück heißt. Der Takt wird aber nicht zur treibenden Kraft wie das stilbildende „Boom Chacka Boom“ bei Johnny Cash, sondern klingt matt, erschöpft und desillusioniert. Die später sporadisch eingesetzten dissonanten E-Gitarren-Riffs kommen wohl deshalb besonders ätzend und abweisend rüber. Der verwirrende Song kann unter depressivem Chain-Gang-Folk-Blues eingeordnet werden.

Bei der Ballade „Make A Mistake“ macht die E-Gitarre einen unberechenbaren Eindruck. Sie demonstriert, dass sie jeder Zeit in der Lage wäre zu explodieren und dadurch die spröde Harmonie zu zerstören. Diese Macht wird aber nicht ausgeübt. Ein jazziger Standbass, der auch die Melodie unterstützt, eine effektvoll und leicht schlampig gespielte Akustikgitarre und der aus einem karg eingerichtetem Zimmer zu stammende Gesang wurden für den grobkörnigen, aber flotten Folk-Jazz „Rise“ transparent im Raum angeordnet. Um nicht am Vergleich zum ergreifend schönen Original von Big Stars „Thirteen“ zu scheitern, müssen schon außerordentliche Qualitäten aufgeboten werden. Textor & Renz lösen diese Aufgabe einfach durch schlichte Aufrichtigkeit und Hingabe, die Herzen öffnet.

Genauso verhält es sich mit „Willin`“. Der Song wurde schon oft gecovert, trotzdem gilt die Fassung auf „Sailin` Shoes“ vielfach zu Recht als definitive Version. Die Lowell George-Komposition wurde von dessen Band Little Feat zweimal veröffentlicht. Einmal in einer kargen Fassung, die von den beteiligten Musikern auf dem Debüt-Album in betrunkenem Zustand aufgenommen wurde und einmal in einer sauber arrangierten Form auf der zweiten Platte „Sailin` Shoes“ (1972). Die besinnliche Interpretation von Textor & Renz orientiert sich instrumental eher an der Urversion. Aber ohne die Alkoholkomponente. Trotz der Sparsamkeit im Arrangement ist das Lied atmosphärisch dicht übersetzt worden.

Die Kunst der Langsamkeit praktiziert das Duo bei „How To End“. Da muss jeder Ton sitzen, weil Unsauberkeiten in diesem durchsichtigen Umfeld besonders deutlich wahrgenommen werden. Das Stück knüpft an die Tradition großer Langsam-Spieler wie der Band Souled American an und lässt die Noten zähflüssig wie Honig tropfen. „Will You Have Me“ beherbergt dann eine fröhliche Grundstimmung, die aber durch die aufgeräumte Ausrichtung nur angedeutet werden kann.

Die Sounds von Textor & Renz wurden mit Luft zum Atmen versehen. Die Künstler trennen Spreu vom Weizen und skelettieren die Roots-Music bis auf ihre wesentlichen Bestandteile. Kein Wunder, dass bei so viel Sinn für das Wichtige und Besondere bei der Veröffentlichung auf Vinyl gesetzt wird. Die Bewahrer des Echten und Originellen haben deshalb zwar nur 27 Minuten Musik vorgelegt, diese verdient aber das Prädikat „besonders wertvoll“.

Anspieltipps:

  • The Days Of Never Coming Back
  • Make A Mistake
  • Rise
  • Thirteen
  • Willin`

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