Belle Adair - Tuscumbia - Cover
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Belle Adair Tuscumbia


  • Label: Single Lock Records
  • Laufzeit: 40 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das zweite Album von Belle Adair wurde bis ins kleinste Detail auf Harmonie getrimmt.

Belle Adair agieren unaufdringlich und scheinen auf den ersten Blick unspektakulär, wenn nicht sogar unscheinbar zu sein. Damit vergraulen sie schlagartig alle Hörer, die große Gesten, Knalleffekte und Superlative erwarten. „Tuscumbia“ will erobert, beachtet und entdeckt werden. Wird die Platte leise und nebenbei gehört, dann zerfließen die Töne im Raum, um sich dabei beinahe aufzulösen. Aber über Kopfhörer offenbaren die feingliedrigen Noten ihre einladende Wirkung. Das Album richtet sich an Musikfreunde, denen durchdachte Songs, milde Harmonien und delikate Instrumentalpassagen wichtiger sind als krachende Riffs, wuchtige Bässe und sich verausgabende Sänger. Das Quartett aus Muscle Shoals in Alabama bewegt sich in der Tradition des Country- und Folk-Rock der frühen bis mittleren 1970er Jahre, als ausschweifende Improvisationen in der Rock-Musik allmählich zugunsten von angenehmen, leichter verdaulichen Pop-Mustern zurückgedrängt wurden und der komplizierte Hippie-Sound dem glatteren Gegenentwurf des Soft-Rock wich. Wegbereiter dieser Entwicklung war damals unter anderem die Band America, die mit „Horse With No Name“ 1972 einen Mega-Hit landete. Nicht so erfolgreich wie die Eagles, aber musikalisch sehr attraktiv waren The Ozark Mountain Daredevils, die 1975 mit „Jackie Blue“ die Charts erobern konnten. Die unter anderem aus ex-Mitgliedern von The Byrds, The Flying Burrito Brothers und Spirit bestehenden Firefall entwarfen mit dem Song „You Are The Woman“ 1976 sogar sowas wie einen Soft-Rock-Klassiker.

Neben dem Soft-Rock hat auch der perlende Folk-Rock von The Byrds eindeutige Spuren im Klangbild von Belle Adair hinterlassen. Die Formation um Songschreiber, Gitarrist und Frontmann Matt Green trägt die Schönheit im Namen, auch wenn sich die Band nach einem gesunkenen Schiff aus der Novelle „Der Winter unserer Unzufriedenheit“ (1961) von John Steinbeck benannt hat. Dieses Bild bringt allerdings geheimnisvolle und traurige Assoziationen ins Spiel. Aber die Musiker geben dennoch stets einen Hang zur Anmut an ihre Kompositionen weiter. Die Platte wirkt mit seinen aufeinander abgestimmten Liedern so homogen und entspannt, dass keine Songs stark hervorgehoben oder abgewertet werden sollten. Produzent Tom Schick, der schon für Wilco gearbeitet hat, lässt der Gruppe ihre meditative Grundeinstellung und sorgt folgerichtig für einen warmen, vollen Klang.

„Get Away“ fängt die Sonne ein, transportiert Beach Boys-Harmonien und vermittelt eine abgehangene Lässigkeit. Lockerer, schwirrender Folk-Rock mit Pop-Eleganz geht anschließend von „Long Fade Out“ aus. Würden die Songs der 1960er Pop-Band The Monkees („Daydream Believer“) mit den 1980er Alternative-Folk-Schöpfungen der australischen Go-Betweens gekreuzt werden, dann käme dabei vermutlich so etwas wie „The Absentee“ heraus. Bei „See It Through“ scheinen die Noten veredelt worden zu sein. Der Track gleitet majestätisch schwebend dahin und glitzert verlockend wie Morgentau im Gras.

„Out On The Blue“ offenbart eine Pop-Sensibilität, wie sie auch Crowded House an den Tag legen und der selbstbewusste Power-Pop von „Pushing The Stone“ könnte ohne Probleme im Repertoire von Teenage Fanclub seinen Platz finden. Das coole „Phantom Beach“ wird von einem unnachgiebigem Schlagzeug vorwärts getragen und bekommt durch eine Orgel ein besinnliches Grundrauschen verliehen. Die psychedelische Gitarre bringt ergänzend erhellende Leuchtfeuer ein. Als melodische Ballade zieht „Status Quo“ alle Register, um den Hörer mit Wohlklang zu verwöhnen. Eine silbrig klingende Gitarre leitet den geordneten, maßvollen Folk-Rock von „Marooned“ ein, während sich „Neptune City“ so anhört, als würde der verträumte Folk von „The Bells Of Rhymney“ (The Byrds) mit dem Moog-Synthesizer-Sound von „Lucky Man“ (Emerson Lake & Palmer) verheiratet werden. Blumig und sanft klingt „Tuscumbia“ dann mit „Rest Easy“ aus.

Das Album wird polarisieren. Beim nebenbei hören kann es eventuell als gleichförmig und zu leicht empfunden werden. Bei näherer Betrachtung fallen aber die filigranen Bestandteile auf, die den Sound so edel schimmern und glitzern lassen. Hier muss sich der Musikfreund entscheiden: Stellt ihn eher eine konstante, homogene, qualitativ gleichwertige Darbietung zufrieden, dann liegt er mit Belle Adair genau richtig. Jedenfalls wenn er einen milden Americana-Sound generell mag. Erwartet er aber Musiker, die als Grenzgänger unterschiedliche Herangehensweisen ausloten, Experimente wagen und eine bunte Stilvielfalt bieten, dann wird dieses Werk vermutlich nicht genau die Hoffnungen erfüllen. Aber egal wie man es sieht: An der Qualität der gebotenen Musik gibt es so oder so gar nichts zu rütteln.

Anspieltipps:

  • Get Away
  • Long Fade Out
  • The Absentee
  • See It Through
  • Phantom Beach

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