Jenny Wilson - Exorcism - Cover
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Jenny Wilson Exorcism


  • Label: Gold Medal Recordings
  • Laufzeit: 39 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Exorcism“ ist sperriger Stoff, der sich gewollt nur schwer verdauen lässt. Bleibt für Jenny Wilson zu hoffen, dass nach der Chaos gewordenen Musik Frieden zurückkehrt.

Falls „Exorcism“ am Ende dieses Jahres auf Bestenlisten landet, dann immer mit einer bitteren Note. Leider muss Jenny Wilsons Album durch ihren Inhalt und die destruktive Wiedergabe dessen bestechen. „Exorcism“ lässt sich schwer ertragen, weil das behandelte Thema nicht zu ertragen ist: Vergewaltigung. Mit dem unerträglich kalten Stil, der schon den unmissverstädnlichen Opener „Rapin*“ auszeichnet, beginnt ein musikalischer Albtraum. Der elektronische Stil, der Musik und Stimme verzerrt, gibt eine furchteinflößende Distanz wieder, die das Unwirklich eines solchen Erlebnisses beschreibt.

In „Rapin*“ wird nach den banalen Gründen für Vergewaltigungen gesucht und die danach anhaltende Tortur beschrieben. Nach gut drei Minuten werden aufmerksame Hörer eventuell erst einmal die Stopp-Taste drücken und das Gehörte verarbeiten müssen. Wer dazu noch schlaflose Nächte möchte, schaut sich das dazugehörige Musikvideo an und bleibt nachhaltig verstört. Der einzige Nachteil dieses eindrucksvollen Werks ist die Gefahr, dass der Hörer zu schnell taub wird. „Rapin*“ erschlägt Hörer mit einer solchen Wucht und verpackt so viele Gefühle, dass die folgenden Stücke kaum anzuschließen vermögen.

Dass Wilson trotz diesem musikalischen Schlag in die Magengrube noch ein paar weitere Male schockt, spricht für ihr Können, aber wohl auch für den Schmerz, den die Schwedin mit sich trägt. Dem Titel „Exorcism“ entsprechend ist Wilsons Botschaft besonders stark, wenn die Lieder wie Beschwörungen aus den Boxen klingen. „The Prediction“ ist eine gnadenlose Offenlegung der eigenen Hilflosigkeit und trifft das Albtraum-Setting des Albums. Egal wie schnell Wilsons Beats sind und wie sehr wir in unseren Köpfen vor dem Bösen flüchten, holt es uns wie im Traum langsam aber sicher ein.

Das Konzept auf „Exorcism“ ist nahezu unantastbar. Die Umsetzung dagegen weist ein paar Schwachstellen auf, die ein inhaltliches Monument lediglich gut untermalt. Wo „Rapin*“, „The Prediction“, der Titeltrack und „Forever Is A Long Time“ ein sehr starkes Grundgerüst stellen, verliert sich das Album während der restlichen Hälfe. Das liegt zum einen an der erdrückenden Stärke der Höhepunkte. Gleichzeitig sind Lieder wie „Disrespect Is Universal“ und „It Hurts“ musikalisch und von der Stimmung her einfach nicht ganz so gelungen wie der Rest. Auch das eingängige „Lo’ Hi’“ scheint sich selbst zu verwirren, auch wenn eine makabre Tanznummer zum Thema des Albums durchaus spannend ist.

„Exorcism“ wird die Hörerschaft spalten und kann nicht allen gefallen, aber es ist ein Album, das unbedingt geschrieben werden musste. Und wenn dieses Album allein der Künstlerin eine Unze Leid von der Brust nehmen kann, ist „Exorcism“ jeden unangenehmen Moment wert. Das Album ist Attacke und Abwehr zugleich und bleibt laut, wenn wir lieber schweigen möchten. Wenn Wilson nach diesem Album wieder lebensfrohe Musik schreiben kann, dann hat sie vieles richtig gemacht.

Anspieltipps:

  • Rapin*
  • The Prediction
  • Exorcism

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