Ryley Walker - Deafman Glance - Cover
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Ryley Walker Deafman Glance


  • Label: Dead Oceans/CARGO
  • Laufzeit: 41 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Leichte Kurskorrekturen bei einem der derzeit talentiertesten Folk-Jazz-Musiker.

Ryley Walker ist ein meisterhafter Gitarrist, kompetenter Komponist und eigenständiger Sänger aus Chicago, der 2014 mit „All Kinds Of You“ sein Debüt vorlegte. „Deafman Glance“ ist jetzt sein viertes Album unter eigenem Namen. Daneben veröffentlichte er zwei Instrumental-Platten mit dem Gitarristen Bill Mackay („Land Of Plenty“, 2015 und „SpiderBeetleBee“, 2017) sowie eine Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Charles Rumback („Cannots“, 2016). Auf allen Werken ist ein Drang zur Entwicklung und Veränderung zu spüren. Ryley Walker experimentiert dabei häufig im Rahmen seiner Folk-Jazz-Einflüsse, die er von Tim Buckley, John Martyn und Pentangle bezieht. Er klang bisweilen wie ein Hippie-Folk-Jam-Musiker und sieht sich aktuell eher als improvisierender, suchender Experimental-Künstler. Er bewegt sich in dieser Rolle in der Tradition von Post-Rock-Gruppen aus Chicago wie Gastr Del Sol, The Sea And Cake, Tortoise, Isotope 217 oder Shrimp Boat.

Neben Ryley an akustischen und elektrischen Gitarren spielen auf „Deafman Glance“ auch Bill Mackay und Brian J. Sulpicio verstärkte Gitarren. Der Mit-Produzent und Ex-Wilco-Musiker LeRoy Bach ergänzt die Stromgitarren-Spuren und ist für alle Tasteninstrumente zuständig. Am Bass sind Andrew Scott Young und Matt Lux zu hören. Schlagzeug sowie Percussion werden von Mikel Avery und Quin Kirchner bedient und neue festlich-barocke Akzente trägt Nate Lepine durch sein Flöten- und Saxophon-Spiel bei.

„In Castle Dome“ nimmt die bewährte Folk-Jazz-Spur auf, verschleppt das Tempo, verbreitet Wehmut und nutzt weiche Flöten-Schwebeklänge zur Stabilisierung der auseinander liegenden Töne. „22 Days“ enthält experimentelle und jazzige Abschnitte mit Hang zur Improvisation im Kraut-Rock-Umfeld. Ansatzweise gibt es auch Anleihen beim Bossa Nova. Beim Songaufbau werden wechselnde Tempo- und Dynamik-Elemente des Progressive-Rock eingebaut, wie sie ähnlich von Van Der Graaf Generator oder King Crimson in den 1970ern verwendet wurden. Der bodenständige Singer-Songwriter-Aspekt kommt aber auch nicht zu kurz. „Accommodations“ versprüht die ungebremste Abenteuerlust einiger späten Scott Walker- oder Peter Blegvad-Aufnahmen. Das Geschehen spielt sich also im Grenzbereich zwischen Pop und Avantgarde ab.

„Can't Ask Why“ funkt aufgeregte, schnelle Töne ins All, bevor der Song als traurige, entrückt zersplitterte Ballade weitergeführt wird. Später wird diese sorgenvolle Stimmung dann durch stoisch hämmernde Rock-Riffs aufgehoben. Das teils ruppig gehetzte „Opposite Middle“ erhält durch den versöhnlichen Gesang einige Dämpfer und durch die flirrenden sowie sich unermüdlich wiederholenden Akkorde einen hastigen Beigeschmack.

Für das verschachtelte „Telluride Speed“ werden Melodie-Brüche eingesetzt, wie sie von Frank Zappa exzessiv verwendet wurden. Hier sind sie zwar in stark abgemilderter Form vorhanden, führen aber trotzdem zu einem etwas zerrissenen, unrunden Klangbild. Der Song startet beim Hippie-Folk und landet beim Acid-Rock. Walker verkündete, dass der Sound der Stadt Chicago für ihn den Eindruck vermittelt, als ob ein Zug auf ihn zukäme, aber nie ankommt. Es ist das Geräusch der unausweichlichen Hektik, das sich hier im zweiten Teil der Komposition in gewissem Maße manifestiert. „Expired“ wirkt dagegen zunächst entmutigend und wird über weite Strecken mit Minimal-Art-Mitteln stützend unterfüttert. Das kurze Instrumentalstück „Rocks On Rainbow“ erinnert dann an die akustischen Gitarrenkabinettstücke eines John Fahey. Das ist handwerklich großartig, erzeugt aber in dieser Konstellation den Anschein von Füllmaterial. Folk und Folk-Rock gehen zum Schluss für „Spoil With The Rest“ eine fruchtbare Allianz ein.

Den neuen Song-Gebilden fehlt es manchmal an einer Portion Geschmeidigkeit, Lieblichkeit und Harmonie, um die künstlerisch wertvollen und anspruchsvollen Passagen in eine zeitlos attraktive Form zu bringen. Natürlich verdient der Mut zur Erneuerung Respekt und Ryley Walker brilliert erneut als glänzender Sänger und Instrumentalist, aber was letztlich zählt, ist die Qualität der Songs. Deren Zünd- und Überzeugungskraft entscheidet darüber, ob ein Album immer wieder mit Ungeduld angehört oder ob es - wie „Deafman Glance“ - in Ehren gehalten, aber wohl nicht ganz so oft frequentiert wird. Das Werk enthält im Endeffekt also sowohl bekannte Strömungen wie auch neue Ideen. Dabei entstand spektakuläres wie auch sperriges, sprödes Liedgut. Somit ist „Deafman Glance“ ein typisches Übergangsalbum zu einer neuen Identität geworden.

Anspieltipps:

  • In Castle Dome
  • 22 Days
  • Telluride Speed
  • Expired
  • Spoil With The Rest

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