Lily Allen - No Shame - Cover
Große Ansicht

Lily Allen No Shame


  • Label: Parlophone/WEA
  • Laufzeit: 51 Minuten
Artikel teilen:
7.5/10 Unsere Wertung Legende
7.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Lily Allen meldet sich nach vier Jahren mit einem neuen Album zurück. „No Shame“ ist die Antwort auf „Sheezus“ – und wohl nicht das, was von ihr erwartet wurde. Gut so!

Alkoholprobleme, Depression, Fehlgeburten, Scheidung, Stalking – die britische Sängerin Lily Allen hat in den letzten Jahren einige Schicksalsschläge verbuchen müssen und hat somit auch eine Menge zu verarbeiten. Das soll auf ihrem neuen Album „No Shame“ passiert sein. 2014 erschien ihr letztes Album „Sheezus“, das eher mit glattpoliertem Pop zu glänzen versuchte. Richtig fühlte sich das nicht an, sagte Allen nun in einigen Interviews.

Vier Jahre lang musste Allens Fans auf „No Shame“ warten, an dem sie unter anderem mit Produzenten wie Mark Ronson und Fryars gearbeitet hat. Keine Scham also, die Lily Allen ihren Hörern jetzt verspricht. Kein Wunder, ist sie ständig in den britischen Schlagzeilen, mal wegen Totalausfällen durch Alkohol, dann weil sie ihr Haus auf dem Land wegen angeblicher Steuerschulden verkaufen musste. Dabei sagen die Schlagzeilen nur eins: Du sollst dich schämen, Lily Allen.

Nun möchte die Musikerin selbst bestimmen, was über sie berichtet wird. „Mit No Shame schreibt Lily Allen ihre eigenen Schlagzeilen“ titelte jüngst die amerikanische GQ. Nun, wie klingt es denn, wenn Lily Allen ohne Scham singt, obwohl sie sich bereits auf ihren Alben zuvor sehr offen gegeben hat? „No Shame“ wird eröffnet von „Come on then“, einem übersteuert wirkendem R&B-Song. „I’m a bad mother / I’m a bad wife / You saw it on the socials / You read it online“ singt Allen und adressiert gleich einmal all die Negativschlagzeilen und die Menschen, die sie im Internet anfeinden. Sie stellt gleich klar: Ihr könnt mich mal, ich ziehe jetzt mein Ding durch. „I’ll tell you all about your miserable life“, singt sie und lässt Worten Taten folgen.

Mit „Trigger Bang“ folgt die erste, halboffizielle Single des Albums. Der Track wurde auf chinesischen Internetseite im Dezember geleakt, eine vorgezogene Veröffentlichung folgte. Als Gastmusiker ist Rapper Giggs zu hören, mit dem Lily Allen eine enge Freundschaft verbindet. Auf „Trigger Bang“ singt die Musikerin über ihre Probleme mit Drogen und Alkohol, ihren Lifestyle als Star, Sex mit Fremden. Schon bei diesem Song hält „No Shame“, was der Albumtitel verspricht. Es folgen Songs wie „What you waiting for“, „Your Choice“ featuring Burna Boy und „Lost My Mind“, die über Beziehungen berichten und sich im Up-Tempo-Bereich bedienen. Letzterer wurde als Single veröffentlicht. Hier ein paar Reggae-Einflüsse, da ein bisschen HipHop. Allen bleibt mit alten Themen sehr aktuell. Auch bedient sie sich wieder dem Soundkleid ihres Erstlings „Alright Still“.

Mit „Higher“ eröffnet sie einen neuen Teil des Albums: „Higher“ kündigt ein Tief an, ein emotionales zumindest. In dem Mid-Tempo-Song, der sich einer sporadischen Instrumentalisierung bedient, besingt sie eine verkorkste Beziehung. Später verriet sie, dass es sich dabei um eine geschäftliche Beziehung handelte. Was danach kommt, scheinen die Resultate einer jahrelangen Psychoanalyse zu sein: In „Family Man“ singt sie ganz explizit über ihre Scheidung, über ihre Verzweiflung, die sie in der Ehe und während des nahenden Endes gespürt hat und ob es nicht doch noch einen Versuch wert wäre. In „Apples“ durchlebt Allen verschiedene Stadien einer Beziehung: Von der anfänglichen Verliebtheit, ihren Fehltritten, den Verletzungen. „One year in you gave me a set of keys, Two years in you went down on one knee, Three years and we’re living out in the country, four years and you’re giving me my beautiful babies, but it was all too much for me, now I’m exactly where I didn’t want to be, I’m just like my mom and daddy, I guess the apple doesn’t fall far from the tree.“ War dir Britin zuvor immer streng mit allen anderen, ist sie nun streng mit ich selbst.

„Three“ erschien mit „Higher“ bereits Anfang März und beschreibt die Sicht auf Allen aus der Sicht ihrer Töchter. Die Piano-Ballade behandelt das Paradoxon, zwischen der Liebe zu ihren Kindern und ihrer häufigen Abwesenheit, durch ihre Karriere. „Three“ wartet mit unerwarteten Alltagssituationen auf, die wohl auch jedem Scheidungskind die ein oder andere Träne in die Augen schießen lässt. Den emotionalen Tiefpunkt erreicht „No Shame“ mit „Everything to feel something“. Man spürt, wie Allen sich durch den Song kämpft, als handle es sich um eine Depression. „I feel it in my gut, I’m gonna let you fuck me, I know I’m being used, Just another thing to do“. Allen behandelt ihren oft fehlenden Selbstwert und dass sie alles tat, um nur etwas zu fühlen, außer die Leere in sich. Damit spielt sie auf die Zeit nach der Albumveröffentlichung von „Sheezus“ an.

Nun sagt sie, dass sie keine Singles aus dieser Zeit mochte und das ganze Konzept des Albums einfach nicht gut fand. Es sei ihr nur um Erfolg und Ruhm gegangen, nicht um gute Musik. Darin habe sie sich selbst verloren. Das Resultat: Ein Album, das der genaue Gegenspieler zu „Sheezus“ ist. Es ist geradezu unangenehm, sich die Songs anzuhören. Es zwickt, es tut weh. Man spürt nicht nur Allens Schmerz, sondern geradezu den eigenen. Unverhofft, als wolle Allen das emotionale Tief wiedergutmachen, kommt mit „Waste“ der erste Track, der zum Tanzen anregt. Der Up-Tempo-Reggae-Beat erinnert an Allens erstes Werk, „Alright Still“ aus dem Jahr 2006. Textlich orientiert sich „Waste“ an der frechen Art Allens, mit jemandem abzuschließen, von dem sie nicht viel hält. „Who the fuck are you though, I should have never ever ever let you get too close, if the truth be told, I can’t wait to see you fall, can’t wait to see you break your back, cause all you do is take take take take and never give back.“

Aus dem Abschluss mit „Waste“ folgt eine neue Verliebtheit, die Lily in „My One“ und „Pushing up the Daisies“ besingt, in der sie ihre Zukunft sieht. Gemeint scheint ihr Lebensgefährte (DJ) Dan London zu sein. Was mit einem klaren Statement begonnen hat, wird mit selbigem beendet: „Cake“ handelt von Selbstbestimmung und sich nicht sagen zu lassen, was man kann oder eben nicht. „Have your Cake and eat it.“ „No Shame“ ist ein Album, das auf den ersten Blick keine großen Hits aufzuweisen scheint. Man sucht vergeblich nach Radiosongs mit großen Melodien wie „Smile“ oder „The Fear“, die zu Allens größten Hits zählen. Doch dann, nach dem Aufstehen am Morgen, schleichen sich die Melodien an. Woher dieser Song kommt, den man die ganze Zeit vor sich hinsummt? Es wird klar, dass Allen viel mehr geschafft hat, als nur Hits zu schreiben: Ihre Musik schafft es nun mit dem Hörer zu verschmelzen. Dafür braucht es gar nicht die ganz großen Melodien.

Was jedoch wirklich fehlt, sind Allens gesellschaftskritische Ansichten. Auf Twitter tobt sich die Sängerin regelmäßig aus, musikalisch beschäftigt sie sich nun jedoch lieber mit den eigenen Problemen, statt mit der Gesellschaft. Das ist schade, spricht sich Allen immerhin dafür aus, dass Musiker schon immer Orientierung gegeben haben – besonders politisch. Ob Lily Allen mit ihrer schamlosen Offensive in den Charts erfolgreich sein wird, bezweifelt sogar die Sängerin selbst. „Ich glaube, das Album wird ein kommerzielles Desaster.“ Sorgen macht sich Allen deswegen nicht, ihr Plattenvertrag umfasst ein weiteres Album – für das sie sich hoffentlich nicht wieder vier Jahre Zeit lassen wird.

Anspieltipps:

  • Waste
  • Lost My Mind
  • Trigger Bang
  • Three

Neue Kritiken im Genre „Pop“
Diskutiere über „Lily Allen“
comments powered by Disqus