Jan Roth - Kleinod - Cover
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Jan Roth Kleinod


  • Label: Sinnbus/Rough Trade
  • Laufzeit: 31 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

30 Minuten reichen Jan Roth für eine Lehrstunde in Sachen unterhaltsame Instrumentalmusik im künstlerischen Gesamtkonzept.

Und schon geht es los mit der Misere: Welches Etikett kleben wir denn diesen Klängen auf? Jazz? Feuilleton-Musik? Freigeist-Pop? Instrumentalstücke sind nicht unbedingt hip. Es sei denn, sie sind ultraleicht zu konsumieren oder eignen sich als Gebrauchsmusik zur kommerziell ausgerichteten Beschallung. Ansonsten werden solche Töne in der Regel als unbequem empfunden. Aber „Kleinod“ ist nicht unbequem, nur fernab von Trends und Moden angesiedelt. Und die menschliche Stimme - das schönste und variabelste aller Instrumente - wird erstaunlicherweise gar nicht vermisst, weil die Instrumente deren verbindende Funktion und vertraute Schwingungen fast wie selbstverständlich übernehmen.

Jan Roth ist ein Zitatensammler, Stimmungsverkäufer und Klangbastler, der freigeistige, ansprechend-sympathische und abenteuerliche Ansprüche zugleich abdeckt. Der gelernte und versierte Jazz- und Kraut-Rock-Schlagzeuger, feingliedrige Pianist und unerschrockene Elektronik-Tüftler legt mit „Kleinod“ nach „L.O.W.“ (= Lieder ohne Worte) aus 2013 neben Jobs für Clueso und Max Prosa sein zweites eigenes Werk vor. Dabei begleiten ihn Alex Binder am standfesten Bass, der flexible Schlagzeuger Maximilian Stadtfeld sowie eine aufmerksame Bläser-Sektion, die aus Antonia Hausmann und Fritz Mooshammer an Posaune, Klarinette, Trompete und Flügelhorn besteht.

Die minimalistischen, sich nur langsam verändernden Strukturen eines Steve Reich empfangen den Hörer zu Beginn bei „Herbst“. Kaum sind diese hypnotischen Töne verinnerlicht worden, leiten romantische Klavierklänge eine besinnliche Wahrnehmung ein. Die Peter-Herbolzheimer-Gedächtnis-Posaune schaltet dazu auf schöngeistigen Jazz um, was auch vom Schlagzeug gerne unterstützt wird. Die sachte gespielten Blasinstrumente suchen bei „Boicycle“ ihre Identität zwischen erzählerisch-melodischen Beiträgen und abstrakten Kunst-Verschnörkelungen. Ein einsames Piano, ein vorsichtig getupfter Bass, etwas Besen-Schlagzeug, sparsame, wie zufällig erzeugte elektronische Schwingungen und kaum auffallende Bläser sind die Haupt-Akteure beim intimen „Schnuppe“.

Die verhangene, rauschhafte Melancholie von Radioheads „Pyramid Song“ hat auch „Marsch der Träumer“ erfasst. Erst gegen Ende löst sich die gedrückte Stimmung zu Gunsten von energischeren Tönen auf. „Prélude in e-moll“ ist im Original ein Klavierstück von Frédéric Chopin (1810 -1849). Den traurigen, beinahe verzweifelten Ausdruck unterstützt auch Jan Roth bei seiner Interpretation. „März“ verbreitet sowohl die angespannten Takte einer tickenden Zeitbombe wie auch intensive Nachdenklichkeit und hymnische Feierlichkeit. Heraus kommt ein Festival der starken Emotionen. „Reprise“ lässt Latin-Jazz Erinnerungen an Chick Corea aufblitzen und würzt diese Assoziationen mit elektronischem Zwitschern und wohltemperierten Piano-Akkorden.

Die instrumentale Musik von Jan Roth widersetzt sich einer genauen Zuordnung zu Kategorien. Es gibt zwar eindeutige Jazz-Anklänge, dennoch werden Puristen die Nase rümpfen, weil die Töne nicht streng akademisch ablaufen. Klassik-, Avantgarde- und Pop-Verweise kommen auch vor, ohne aber generell eine Führungsrolle in Anspruch zu nehmen. Wer also nach individuellen Klängen mit Esprit und Verve sucht, wird sich beim Gesamtkunstwerk von Jan Roth gut aufgehoben fühlen. Nicht nur die Musik folgt einem nachvollziehbaren künstlerischen Konzept, auch die Verpackung hat eine besondere Güte: Die klappbare Papp-Hülle verrät nur durch einen Aufdruck am Rand, um welchen Künstler es sich handelt und wie sein Werk heißt. Es gibt darauf keine Informationen zu Song-Titeln und Besetzungen.

Die Cover-Abbildungen zeigen Linien- und Spaltenmuster ohne Einträge. Das sieht nach Entwürfen für Listen-Strukturen aus, die ein Ordnungs-Konzept vorschlagen. Oder wie der Versuch, Übersicht ins Leben zu bringen und dabei methodisch vorgehen zu wollen. Dabei ist offen, ob und wie das funktionieren könnte. Die eigenwillige Optik passt deshalb gut zur intelligent zusammengestellten, die Fantasie anregende Musik und unterstreicht den Willen zum Gesamtkunstwerk.

Anspieltipps:

  • Herbst
  • Boicycle
  • Marsch der Träumer
  • März
  • Reprise

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