David Eugene Edwards & Alexander Hacke - Risha - Cover
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David Eugene Edwards & Alexander Hacke Risha


  • Label: Glitterhouse/INDIGO
  • Laufzeit: 39 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Spiritueller, dunkler Country-Rock, Lärm und Orient: Edwards & Hacke kanalisieren für „Risha“ ihre Vorlieben.

Da haben sich zwei Individualisten zusammengetan, die sich schon lange kennen und auch bereits gemeinsam gearbeitet haben, aber ihre musikalischen Positionen bisher noch nicht koordiniert hatten: David Eugene Edwards, der rätselhafte Gothic-Americana-Prediger, sowie Alexander Hacke, der Grenzen sprengende Avantgardist und viel beachtete Krach-Künstler.

Die beiden Musiker verbindet unter anderem eine Vorliebe für orientalische Klänge, die sie gerne bei „Risha“ einbringen. Das Wort „Risha“ kommt aus dem arabischen Raum und bedeutet Feder. Die Feder hat auch eine starke symbolische Bedeutung bei den amerikanischen Ureinwohnern, denen sich David Eugene Edwards verbunden fühlt. Edwards gründete 1992 in Denver die bizarre Country-Folk-Punk-Band 16 Horsepower und ließ dieser Formation 2001 Wovenhand folgen, in der er seine psychedelischen Gospel-Folk-Fantasien noch exzessiver ausleben kann.

Sein jetziger Partner Alexander Hacke war seit 1980 Gitarrist und später auch Bassist bei Einstürzende Neubauten aus Berlin, die mit ihrem konstruktiven Lärm Mitbegründer der Industrial-Music waren. Hacke hat nebenbei noch eigene Solo-Platten veröffentlicht, Filmmusiken geschaffen sowie Produktionsarbeiten übernommen. Der Multi-Begabte war bereits als Tontechniker an „The Laughing Stalk“ von Wovenhand aus 2012 beteiligt und schrieb mit Edwards in den neunziger Jahren die Filmmusik zu „The Glasshouse“. Gegenseitiger Respekt und Neugier ließ die Tonforscher nun „Risha“ erschaffen. Dieser Album-Titel hat für Hacke eine feminine Note und soll die Erwartungen durchaus auf eine falsche Fährte führen.

„Triptych“ ist eine Bildbeschreibung von Hieronymus Bosch`s „Garten der Lüste“ und versteht es vorzüglich, den Hörer in eine geheimnisvolle, exotisch vibrierende Sound-Landschaft mitzunehmen. Schnarrende, tropfende, brummende und schwirrende Laute aus dem elektronischen Baukasten bilden den flexiblen Untergrund, auf dem Edwards seine unterschwellig beschwörenden Predigten zelebriert. Der maschinenhafte Disco-Takt von „All In The Palm“ erinnert an das bedrohlich-hypnotische Synthesizer-Punk-Duo Suicide um Alan Vega und treibt das Stück atemlos an. Der gehetzte Gesang scheint dabei von einer externen Quelle aus dem Hintergrund zu kommen. Morgenländische Saiteninstrumente lassen den aggressiv agierenden Song zum Ende hin dann noch versöhnlich ausklingen. „The Tell“ bietet ein Kontrastprogramm, das sowohl Mitgefühl wie auch Wut beinhaltet. Die Komposition beginnt sinfonisch und schwermütig. Überfallartig setzen dann brutale Rhythmen und krachende Gitarren ein. Diese Wucht wird noch einmal durch die Andeutung einer Partitur aus der klassischen Musik abgemildert, danach geht der erbarmungslos ungestüme Ablauf jedoch bis zum ausgeblendeten Abschluss weiter.

Der ethnische Zauber von „Helios“ entwickelt einen Schwindel erregenden Strudel mit starker Sogkraft. Säuselnde Mellotron-Akkorde, mit Hall und Echo angereicherter selbstbewusster Gesang und schleifende, rückwärts laufende Tapes schälen sich aus dem Wirbel von Tönen prominent heraus. Gesang und Trommeln sind bei „Kiowa 5“ eindeutig von der Folklore der amerikanischen Ureinwohner abgeleitet worden. Im Vergleich zu seinen extravaganten Vorgängern ist „Lily“ dann schon fast herkömmlicher Garagen-Rock. „Parish Chief“ transportiert im Anschluss dunkle, stoische Rock-Muster, die Erinnerungen an The Velvet Underground und The Sisters Of Mercy hervor rufen.

Das instrumentale „Akhal“ wurde nach einem heiligen persischen Pferd benannt. Die hier verwendeten dröhnend-schwingenden Töne lassen eine orientalische Herkunft vermuten. Sie werden von einer verfremdeten Drehleier und einem mit einem Bogen gestrichenen Stahlsaiteninstrument namens Bow Chime erzeugt. Hypnotische, rituale Rhythmen begleiten danach das geschmeidige Zusammentreffen von traditioneller Volksmusik aus dem nahen Osten mit Pop und Rock aus dem Westen bei „Teach Us To Pray“. Fließend schwebende Trance-Gebilde sorgen bei „Breathtaker“ dafür, dass sich Orient und Okzident annähern, so dass „Risha“ einen weiteren kosmopolitischen Anstrich erhält.

Wenn sich die Apokalypse und das Chaos begegnen, entsteht etwas Neues. So ist es auch bei der Fusion der Ideen von Edwards & Hacke. Beide loten - wenn sie auf sich alleine gestellt sind - relativ furchtlos ohne Rücksicht auf Regeln ihre Möglichkeiten und Vorstellungen weitestmöglich aus und experimentieren dabei gerne. Zusammen sind sie darauf bedacht, ihr Projekt nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Jeder stellt sich auf die Vorschläge des anderen ein und bindet sie in seine Gedanken ein. So entsteht ein spannendes, abwechslungsreiches Werk, das mehr zu bieten hat, als die Summe seiner Teile vermuten lässt.

Hacke sorgt mit seinen durch Keyboards, Bass und Drums erzeugten morbiden, stampfenden, abenteuerlichen, stimmungsvollen oder wolkigen Sounds für eine solide Basis, die Edwards mit seinem schamanischen Gesang und verschiedenen Saiteninstrumenten ausgestalten kann. Die Partner lassen sich dabei gegenseitig Gestaltungsspielräume und drängen sich nicht unnötig in den Vordergrund. Die Musik läuft auf dem Nährboden von Vertrauen, Kenntnis und Kreativität ab. Dieses Vorgehen bringt Kompositionen hervor, die zwar Neuland erkunden, sich dabei aber im Rahmen von nachvollziehbaren Songstrukturen bewegen.

Anspieltipps:

  • Triptych
  • The Tell
  • Helios
  • Lily
  • Teach Us To Pray

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