Mark Lanegan - With Animals - Cover
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Mark Lanegan With Animals


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn Meditation auf Rebellion trifft: „With Animals“ präsentiert einen Folk-Blues-Ambient-Sound, der von leiser Melancholie und unterdrückter Wut durchzogen ist.

Queens Of The Stone Age, Soulsavers, The Twilight Singers oder The Jeffrey Lee Pierce Sessions Project: Die Gastrollen des ehemaligen Sängers der Grunge-Rock-Kapelle Screaming Trees sind vielfältig und prägend. Seit 1990 ist Mark Lanegan Solo unterwegs oder er pflegt Partnerschaften. So wie mit Isobel Campbell, der ehemaligen Sängerin von Belle And Sebastian oder mit Greg Dulli von den Afghan Whigs als The Gutter Twins. Aktuell arbeitete der umtriebige Künstler wieder einmal mit dem Londoner Multiinstrumentalisten und Singer-Songwriter Duke Garwood zusammen.

Lanegan hat die Metamorphose vom zornigen jungen Mann zum ernsthaften, düsteren Troubadour schon lange vollzogen. Er kann - auch ohne laut zu werden - die Luft unheilvoll und eindringlich vibrieren lassen. Die Macht seiner voluminösen Bariton-Stimme wird auf dem neuen Album jedoch nicht voll ausgereizt. Mark bleibt zwar ein ausdrucksstarker, anspruchsvoller Sänger, hat aber schon wesentlich aufwühlendere Alben als die gemeinsamen Einspielungen mit Duke Garwood veröffentlicht. Diese Aufnahmen wirken im Gegensatz zu einigen anderen Platten des Meisters der Tristesse beinahe beruhigend und ausgleichend. Die Songs besitzen sogar eine gewisse meditative Komponente. Die Rebellion findet nämlich jetzt im Stillen - verborgen unter der Oberfläche - als unterdrückte Wut statt.

„With Animals“ ist quasi die Fortsetzung von „Black Pudding“ aus 2013. Wurde die Grundstimmung dort vorzugsweise mit akustischen Tönen erzeugt, so kommen bei „With Animals“ vermehrt elektronische Instrumente zum Einsatz. Die Grundideen speisen sich aber wieder aus Folk- und Blues-Traditionen. Beschwörend fordert Mark Lanegan beim Voodoo-Blues „Save Me“: „Free Me, Save Me, See Me, Love Me“. Unheilvoll und gleichzeitig lockend wummern elektronische Klangwände und der Rhythmus imitiert einen stolpernden Herzschlag. So verführerisch und suggestiv wie hier muss auch der Gesang der Sirenen aus der griechischen Mythologie, dem alle Seefahrer erlegen sind, gewesen sein. „Feast To Famine“ lässt einen stampfenden Boogie, wie ihn John Lee Hooker zur Meisterschaft brachte, erahnen. Dieser wird allerdings domestiziert angeboten und die psychedelischen Gitarren-Loops stehlen dem monotonen Rhythmus dabei die Show.

Der kräftige Gesang wurde für „My Shadow Life“ in den Vordergrund gemischt, was dem eindringlichen Track mächtig Tiefgang verleiht. Die taumelnde Klarinette und ein wenig Gitarren-Feedback sorgen für Kratzspuren auf dieser nachtblauen, berauschenden Ballade. „Upon Doing Something Wrong“ und „One Way Glass“ werden nur sparsam von einer gepickten akustischen Gitarre und etwas Synthesizer-Säuseln begleitet. Unter diesen Bedingungen treten die raumgreifenden Persönlichkeiten des Duos auffallend zu Tage. Die Songs haben auch melodisch einiges zu bieten, so dass sich diese Konstruktionen zu einer delikaten Angelegenheit auswachsen.

Der entrückte Blues „L.A. Blue“ mutiert im Verlauf zu einem psychedelischen Folk-Jazz. Leider endet der Track nach nur knapp drei Minuten ziemlich abrupt. Dabei hätte es dieses die Sinne verwirrende Lied verdient gehabt, in voller Pracht erblühen zu dürfen. „Scarlett“ klingt wie der Auftakt zu einer schwarzen Messe, bei der die Zuversicht auf helle Momente jedoch erhalten bleibt. „Lonesome Infidel“ wirkt wie ein Kinderlied oder ein Abzählreim, transportiert aber statt Unschuld auf subtile Weise den Hauch des Bösen. Der stoische Rhythmus des Tracks „With Animals“ kann dann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier eine wohltemperierte, süße Pop-Melodie die Basis dieser dunkel-zarten Anklage bildet. Hoch lebe der belebende Kontrast!

Das sinnlich perlende „Ghost Stories“ spielt mit verführerischen Assoziationen, wie dem Entdecken von geheimnisvollen Orten. Ähnlich lockt auch „Spaceman“ mit prickelnden Erwartungen: Aufgrund der schwülen Blues-Basis und des treibenden Taktes wird ständig mit einem aggressiven, eruptiven Ausbruch gerechnet, der aber ausbleibt. Beim „Desert Song“ wurde ganz auf die unheilvoll wirkende elektronische Instrumentierung von Duke Garwood verzichtet, die Lanegan manchmal durchaus wie einen dämonischen Reiter der Apokalypse darstellt. Die pure Begleitung durch eine akustische Gitarre lässt das Stück beinahe nackt erscheinen und zeigt einen verletzlichen Sänger, der sein Innerstes glaubhaft nach außen stülpt.

Mark Lanegan bleibt eine Klasse für sich. Egal, in welcher Konstellation er bisher auftrat, seine Erscheinung sorgte stets für eine eindrucksvolle Vorstellung. Für „With Animals“ hält er sich mit Gefühlsausbrüchen zurück und agiert für seine Verhältnisse und Möglichkeiten zurückhaltend und gebremst. Etliche Songs werden von der Tragik und dem Leid begleitet, die im Blues stecken. Schuld, Sühne und Verzweiflung schwingen in den dunklen Erzählungen mit. Das alles gehört zum sakral und pastoral zugeschnittenen Konzept, das von Duke Garwood konsequent unterstützt wird. Trotz der vorherrschend tristen, latent aggressiven Stimmung verbreiten die Stücke auch Sinnlichkeit und Zuneigung. Dadurch wird die Musik letztlich aus dem Schwermut herausgerissen und von der versteckten Wut befreit. Menschliche Wärme und Empathie siegen so über Dunkelheit und Verderben.

Anspieltipps:

  • Feast To Famine
  • My Shadow Life
  • L.A. Blue
  • With Animals
  • Ghost Stories

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