Richard Thompson - 13 Rivers - Cover
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Richard Thompson 13 Rivers


  • Label: Proper Records/H'ART
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Reife Leistung: Auch mit 69 Jahren gelingt Richard Thompson immer noch mit leichter Hand ein souverän eingespieltes Meisterwerk.

Die Entwicklung des britischen Folk-Rock ist ohne Richard Thompson kaum denkbar. Er prägte durch seine außergewöhnliche Gitarrentechnik, seinen markanten Gesang und seine ausgeklügelten Kompositionen unter anderem die Anfänge des Sounds von Fairport Convention. Die Band wurde 1967 in London gegründet und sowohl vom Hippie-Folk der US-Westküste wie auch vom traditionellen Folk aus Großbritannien beeinflusst. Thompson gehörte der Formation von 1967 bis Anfang 1971 an. Danach forcierte er seine Solo-Karriere und brachte mit seiner Frau Linda ab 1974 einige epochale Platten raus (z.B. „I Want To See The Bright Lights Tonight“, 1974; „Hokey Pokey“, 1975; „Pour Down Like Silver“, 1975). Während der Zusammenarbeit des Paares lief die Solo-Laufbahn von Richard auf Sparflamme, erst nach der Trennung nahm sie wieder Fahrt auf und hält bis heute an. Die letzte Studio-Platte war „Still“ aus 2015. Mit „13 Rivers“ gibt es jetzt neues eigenes Material, welches der Musiker auch selber produziert hat.

„The Storm Won't Come“ ist ein treibender Folk Rock, der ansatzweise über den Gesang theatralische Dramatik transportiert. Ansonsten bleiben sowohl die Stimme wie auch der Einsatz der elektrischen Gitarre kontrolliert-impulsiv, hellwach und aufmerksam. Das Gitarren-Solo ist ausgeprägt, virtuos und leidenschaftlich, aber nicht überschäumend. „The Rattle Within“ verrät seine im Irish-Folk sitzenden Wurzeln, entzieht sich aber durch einen angedeuteten Reggae-Rhythmus und die unangepassten Gitarrenläufe jeglicher trockener Traditionsverwaltung. Der stramme Rock „Her Love Was Meant For Me“ groovt locker und wird durch beseelt flirrende Saiten-Attacken geadelt. „Bones Of Gilead“ beherbergt Rockabilly-Wucht und vereint den flüssigen Sound der frühen Dire Straits mit einem Schuss Country-Rock. Die Blues-getränkte Ballade „The Dog In You“ übermittelt den Schmerz nicht nur durch von Leid gebeugten Gesang, sondern auch mit weinenden und trauernden E-Gitarren-Tönen. „Trying“ ist ein Musterbeispiel für das Selbstverständnis, mit dem Richard unterschiedliche Stile, Tempowechsel und Dynamikabstufungen passgenau zusammenbringt. Dabei gewährleistet er einen gewandten Ablauf bei gleichzeitiger Einbeziehung von technischen Kabinettstückchen. Druckvoller Swamp-Rock, operettenhafte Zwischentöne und ein kurzes, energiereiches Gitarren-Intermezzo bilden die charakteristischen Elemente dieses verschachtelten Songs.

„Do All These Tears Belong To You?“ ist ein netter, poppiger Folk-Rock mit Gesangs-Unterstützung von Siobhán Kennedy von der Folk-Band Iontach. Durch diese Zusammenarbeit ergeben sich jetzt Verbindungen nach Wremen in Nordwest-Deutschland. Denn Siobhan ist die Partnerin des Meister-Gitarristen Jens Kommnick, der sein Handwerk auch schon in den Dienst von Reinhard Mey stellen durfte. Die Zärtlichkeit von „My Rock, My Rope“ ist berührend und die sensible Gitarrenbegleitung veredelt dieses Gefühl. „You Can't Reach Me“ strotzt vor Zuversicht und setzt sich entsprechend schwungvoll sowie klar strukturiert in Szene. Leider wird das Gitarrensolo am Schluss viel zu früh abgewürgt. Auch „O Cinderella“ bleibt dem Uptempo-Bereich treu. Die belebenden Faktoren des Folk und des Rock werden dabei großzügig zur Stimulation eingesetzt.

Mit „No Matter“ steuert Richard eine sehr betörende, raffinierte Komposition bei. Folk und Pop sowie Anflüge von barocker Klassik werden zu einem Lied voll von bitter-süßer Sehnsucht zusammengetragen. „Pride“ setzt diese Tour de Force der überschwänglichen, eindringlichen Gefühle fort. Dieser Power-Pop hat etwas Beflügelndes und vermittelt jugendlichen Eifer. „Shaking The Gates“ ist dann ein traurig-sentimentales Lied, bei dem die Schwermut allgegenwärtig ist. Es wirkt jedoch nicht depressiv, sondern tröstend und aufbauend.

„13 Rivers“ deckt eine große Bandbreite des Könnens von Richard Thompson ab und zeigt ihn gesanglich, spielerisch und kompositorisch in bestechender Form. Nachdem die letzten beiden Veröffentlichungen von Richard von der akustischen Gitarre geprägt wurden, lässt Thompson für „13 Rivers“ wieder die elektrische Gitarre in seinem unverwechselbaren, eigenständigen Stil glitzern, sprechen und leuchten. Nach eigenen Aussagen sind die neuen Lieder ein Spiegel des Lebens mit all seinen Überraschungen. Das letzte Jahr war für Richard sehr intensiv und hat ihn entsprechend deutlich geprägt und inspiriert. Das wirkt sich jetzt so aus, dass er agiert, als sei er in einen Jungbrunnen gefallen. Das Album klingt engagiert, abenteuerlustig, kämpferisch, durchdacht und emotional tiefschürfend, als wolle es der Veteran allen nochmal eindrucksvoll beweisen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Richard Thompson hat mit „13 Rivers“ eine Songsammlung herausgebracht, die höchsten Erwartungen und Ansprüchen genügt. Die Tracks hinterlassen den Eindruck, als seien sie über Jahre gereift und erst jetzt zur Veröffentlichung freigegeben worden, als kein Verbesserungspotential mehr zu ermitteln war. Deshalb ist ihm mit der Platte eine rundum reife Leistung gelungen.

Anspieltipps:

  • The Storm Won’t Come
  • Her Love Was Meant For Me
  • My Rock, My Rope
  • No Matter
  • Pride

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