Calexico - The Black Light (20th Anniversary Edition) - Cover
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Calexico The Black Light (20th Anniversary Edition)


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 103 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Calexico = Schnittmenge der Kulturen aus Kalifornien und Mexiko. „The Black Light“ = erstes offizielles Album von 1998, das zum Jubiläum mit elf Bonus-Tracks aufgewertet wird.

Calexico ist eine Sound-Vision von John Convertino & Joey Burns, die unter anderem mexikanische Folklore, Spaghetti-Western-Atmosphäre, Surf-Music-Hinweise sowie Psychedelic-Schwirren und Garagen-Rock-Anklänge beinhaltet. Convertino (Drums) und Burns (Bass) waren von etwa 1990 bis 2003 das gemeinsame Rhythmus-Gespann für Howie Gelbs Giant Sand. Dort lernten sie, den wechselhaften Eingebungen ihres Chefs instinktiv zu folgen und unterstützten ihn standhaft bei auskomponierten Songs und wilden Improvisationen. 1996 gab es dann die erste Zusammenarbeit als „Spoke“, bevor zwei Jahre später mit „The Black Light“ unter besseren Produktionsbedingungen das erste Album unter dem Namen Calexico erschien. Dazwischen lagen Erfahrungsaustausche mit z. B. Lisa Germano als OP8 und mit Friends Of Dean Martinez, die alle das Gefühl für den speziellen Sound schärften, mit dem die beiden Musiker und ihre festen und wechselnden Kollegen ein Abbild ihres Lebensraumes und ihrer sozialen und politischen Erfahrungen vermitteln wollten. Burns und Convertino waren unterdessen zu Multiinstrumentalisten gereift und Joey Burns glänzte auch als eigenständiger Lead-Sänger. Calexico steht seitdem besonders für das Überschreiten und Auflösen von musikalischen Grenzen. Außerdem für das Schaffen und kreative Ausfüllen von Freiräumen und einen lebendigen Kulturaustausch.

Die Originalfassung von „The Black Light“ besteht aus siebzehn Stücken, von denen elf ohne Gesang auskommen und atmosphärische Szenen hervorrufen, die von weiten, beeindruckenden Landschaften und sozialen Innenansichten zu berichten scheinen. „Gypsy's Curse“ wird auffällige Gitarren angetrieben und von mexikanischer Folklore geerdet. Die Gitarre erzählt dabei anscheinend von Liebesleid und das Akkordeon und der Bass von Liebesfreud. Bei „Fake Fur“ fängt die Percussion das Klappern von Klapperschlangen ein, die Steel-Guitar und der Synthesizer die flirrende Hitze und der Bass die Gleichförmigkeit von endlosen Landschaften. Behäbig trägt der Beat „The Ride (Pt. II)“ voran. Der Gesang von Joey Burns ist dabei so entspannt und angenehm wie das Gitarren-Solo. Eine aus dem Nichts auftauchende Mandoline sorgt für Bewegung und ein Xylophon für Exotik.

Für „Where Water Flows“ erzeugt das Cello gedeckte Farbtöne, während das Xylophon helle Tupfer setzt und die akustische Gitarre verbindende Zwischentöne beiträgt. Der Track „The Black Light“ offenbart einmal mehr das flexible Schlagzeugspiel von John Convertino, das hier Jazz-Grooves und Latin-Sounds anklingen lässt. Joey Burns singt geheimnisvoll, was den mysteriösen Charakter des Stücks unterstreicht. „Sideshow“ ist ein holpriger Latino-Track, der von Geige und Akkordeon dominiert wird, die traurige Noten einfließen lassen. Die Trompeten liefern für „Chach“ das Gleitmittel, auf dem sich das Stück weitläufig wie auch herausfordernd jazzig bewegt. Sehnsüchtig schimmernde Gitarren-Linien durchziehen dann die sanft ablaufende und betörende Ballade „Missing“. Ruhe und Behaglichkeit stellt sich ein.

„Minas De Cobre (For Better Metal)“ bietet Mariachi-Folklore, die mal flott und mal bedächtig vorgetragen wird. Die Geige verbreitet dabei eine melancholische Grundstimmung, während die Trompeten majestätischen Glanz erzeugen. Einsamkeit und Schwermut durchzieht „Over Your Shoulder“. Dabei vermittelt das Stück aber auch Tröstliches, denn der durchgängig begleitende elastische Rhythmus symbolisiert die Aussicht auf bessere Zeiten. „Vinegaroon“ scheint ein zufälliges Fragment aus dem Übungsraum zu sein, das an dieser Stelle fremd und fehl am Platze erscheint.

Eine gemütliche und vertraute Dorfatmosphäre entsteht bei „Trigger“ vor dem geistigen Auge. „Sprawl“ führt diese Stimmung weiter, um sie langsam und gefühlvoll auszublenden. „Stray“ ist charekteristisch für den Calexico-Trademark-Sound, der auf den weiteren Veröffentlichungen noch spezialisiert wird. Nämlich als ein pulsierender Mix von Pop und Folklore, der mit Jazz-Anklängen durchzogen wird, wobei das Temperament der einzelnen Bestandteile unterschiedlich ausgeprägt sein kann. „Old Man Waltz“ beginnt mit einem kratzigen Fiddle-Solo und geht in einen schunkelnden Walzer über. Die eindringliche, epische Ballade „Bloodflow“ kommt zunächst mit nur wenigen getupften Tönen aus. Dramatik wird trotzdem groß geschrieben und immer wieder kommt es zu Mini-Eruptionen. Dadurch wird der Spannungsbogen über die gesamten fünf Minuten hoch gehalten. „Frontera“ verbindet dann in unterschiedlichen Farben schillernde Gitarren-Akkorde mit traditionellen Klängen und sphärischen Jazz-Zutaten.

Die Jubiläums-Version von „The Black Light“ beinhaltet elf Bonus-Tracks, davon alleine drei Versionen von „Minas De Cobre“. Der „Extend-O-Mix“ ist mit sechs Minuten und achtzehn Sekunden exakt doppelt so lang wie das Original. Die gestreckte Variante bietet jedoch keine großen Überraschungen, das Thema wird lediglich öfter wiederholt. Der „Spatial Mix“ erhält dagegen eine leise, lautmalerische Ausgestaltung mit Cello, Xylophon und akustischer Gitarre als Akteure. Der „Acoustic Mix“ stellt dann den Spaghetti-Western Anteil der Komposition in den Vordergrund. Auch „El Morro“ lebt von einer staubigen, sonnengegerbten, einsamen Atmosphäre.

Fragil, intim und in sich gekehrt kommt der Folk-Jazz „Man Goes Where The Water Flows“ rüber. „Glowing Heart Of The World“ verfolgt zunächst dasselbe Ziel, biegt dann aber in lebhaftere Country-Surf-Gefilde ab. „Too Much Sprawl“ wirkt wie eine unfertige Übungsaufnahme, quasi wie die Vorstufe zu dem fertigen „Sprawl“, das dann einen Platz auf dem Album fand. „Rollbar“ erwacht nicht richtig zum Leben. Perkussion, sowie punktuell gesetzte und phantasierende Gitarrentöne erzeugen lediglich eine abwartende Hintergrundstimmung. „Lacquer“ ist der einzige Bonus-Track mit Gesang. Burns lässt die Komposition zwischen Thriller-Jazz und Wüsten-Rock hin und her treiben. Dabei ist er stets um eine neutrale Stimmlage bemüht. „Drape“ klingt in seiner verstörend-geheimnisvollen Art wie der Soundtrack zu einem David Lynch-Film und der kammermusikalische Abschluss „Bag Of Death“ verbreitet finstere Trauer und Leid.

Calexico wurde nach einem kalifornischen Ort nahe zur mexikanischen Grenze benannt. Die Musik arbeitet das Spannungsfeld der Gegensätze und einenden kulturellen Faktoren auf und vermittelt sowohl den durch Hitze und Kargheit geprägten Tagesablauf, wie auch die lebensbejahende Einstellung der Einwohner. Mit diesem Stimmungsbild waren Calexico damals einzigartig und sind es in gewisser Weise heute immer noch. „The Black Light“ war jedenfalls der offizielle Startschuss für ihre bis heute andauernde, überzeugende Karriere.

Anspieltipps:

  • The Ride Pt.2
  • Missing
  • Minas De Cobre (For Better Metal)
  • Bloodflow
  • Lacquer

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