Amy Helm - This Too Shall Light - Cover
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Amy Helm This Too Shall Light


  • Label: Yep Roc/H'ART
  • Laufzeit: 38 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Spontanität versus Perfektion: Amy Helm ließ sich auf das Wagnis ein, die Aufnahmen für ihr zweites Album in nur vier Tagen abzuschließen.

Die Fakten: Amy Helm ist die Tochter des The Band-Schlagzeugers Levon Helm und der Sängerin, Songwriterin und Schauspielerin Libby Titus, die zum Beispiel für Burt Bacharach und Carly Simon arbeitete. Amy wurde 1970 in Woodstock geboren und es ist kaum verwunderlich, dass sie bei diesen Genen auch eine künstlerische Laufbahn einschlug. Sie studierte Jazz in New York und heute steht ihr Gesang im Fokus ihrer Kunst, obwohl sie auch mit Mandoline, Bass und Schlagzeug umgehen kann. 1999 spielte die Allrounderin mit ihrem Vater in der Bluesband The Bam Burners und gehörte 2001 zu den Gründungsmitgliedern der Folkband Ollabelle. Ab 2004 unterstützte die Musikerin ihren Vater bei den Midnight Ramble-Konzerten, die in seinem Haus in Woodstock stattfanden und häufig hochrangige Gäste wie Elvis Costello, Dr. John oder Emmylou Harris anlockten. Nebenbei fungierte Amy ab 1993 immer wieder als Background-Sängerin z.B. für Donald Fagen, Steely Dan, Mercury Rev, Rosanne Cash oder Rich Robinson.

Erst 2015 kam das erste eigene Werk „Didn`t It Rain“ heraus, das auch die letzten aufgezeichneten Schlagzeug-Spuren des 2012 verstorbenen Vaters enthält. Mit „This Too Shall Light“ folgt jetzt die zweite Platte, die Amys enormen Erfahrungshorizont im Americana-Umfeld abdeckt und von Joe Henry, dem Luxus-Produzent mit dem feinen Händchen für stilvolle Arrangements, in Szene gesetzt wurde. Zu den Mitstreitern auf diesem Album gehören unter anderem der Schlagzeuger Jay Bellerose (Joe Henry, Aimee Mann) und Gitarrist Doyle Bramhall II (Eric Clapton, Elton John). Sie begleiten die Künstlerin auf der Suche nach einem „kreisförmigen Sound“, der ein abgerundetes Bild von Country, Gospel und Blues ergeben und das Gefühl von Gemeinschaft transportieren soll.

Die Musik: Geheimnisvoll spukender, trauriger Southern-Soul-Gospel, eine sparsame Funk-Grundierung, kompakte Roots-Rock Strukturen und leidenschaftlich flehender Gesang prägen den Ablauf von „This Too Shall Light“, das von MC Taylor (Hiss Golden Messenger) und Josh Kaufmann (Josh Ritter, Bob Weir) geschrieben wurde. Odetta ist eine fast vergessene, eigensinnige Folk-Legende, die ihre Blütezeit in den 1960er Jahren hatte. Der gleichnamige Song wurde 2011 von Joe Henry für sein Album „Reverie“ aufgenommen. Amy Helm hat sich diesen gefühlvoll-intimen Titel einverleibt und interpretiert ihn kraft-, geschmack- und seelenvoll mit exquisiter, gleichzeitig luftiger wie erdiger Begleitung. Bedächtig und vorsichtig sucht sich „Michigan“ (im Original von The Milk Carton Kids) seinen Weg. Amy zeigt sich stimmlich sowohl zurückhaltend wie auch erobernd und versetzt dem Song dadurch belebende Dynamiksprünge.

„Freedom For The Stallion“ wurde von dem Arrangeur, Produzenten und Musiker Allen Toussaint aus New Orleans verfasst. Bereits 2006 spielte Elvis Costello zusammen mit der Legende in seinem Heimatort New Orleans die Platte „Rivers In Revers“ ein, die eine getragene, aber dennoch aufwühlende Version des Songs enthält. Die Adaption von Amy wird von tiefer Religiosität durchströmt. Entsprechend sakral wirken die Töne und strahlen einen demutsvollen Charakter aus. Anfang der 1970er Jahre hatte Rod Stewart seine kreativsten Jahre. Aus dieser Zeit stammt auch „Mandolin Wind“ („Every Picture Tells A Story“, 1971), das hier auch in eine mit Tempoabstufungen versehene Country-Folk-Umgebung eingepasst wird. Das kurze, ruhige „Long Daddy Green“ stammt vom Album „That's Just The Way I Want To Be“ (1970) von Blossom Dearie, der Jazz-Sängerin mit der mädchenhaften Stimme, die zu den Favoriten von Jamie Cullum zählt. In dieser Variante könnte das Lied seine Bestimmung in einem Broadway-Musical finden.

Die Rhythm & Blues-Ballade „The Stone I Throw“ hatte Levon Helm 1965, kurz bevor er mit seinen Kollegen zur Begleitband von Bob Dylan wurde, eingesungen. Amy macht daraus einen schlagerhaften Gospel-Soul, der keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Dazu klingt der Song nicht individuell genug, sondern eher beliebig. Die Eigenkomposition „Heaven's Holding Me“ ist eine Ballade, die in schmalzige Schräglage gerät und das eindringliche „River Of Love“ von T Bone Burnett hat auch schon spannendere Interpretationen erfahren. Der Accappella-Gospel „Gloryland“ verleiht dem Album dann noch einen geistlichen Abschluss und unterstreicht den hingebungsvollen Gesamteindruck.

Das Fazit: Amy Helm und Joe Henry wollten eine spontane, kreative Atmosphäre bei den Aufnahmen schaffen. Deshalb wurden die vorher selten aufgeführten Titel in nur vier Tagen in Kalifornien eingespielt, so dass sich die Musiker nicht richtig untereinander vertraut machen konnten. Sie bekamen die Anweisung, die Songs nicht zu überdenken, sondern schlicht ihrem Instinkt freien Lauf zu lassen. Diese Vorgehensweise förderte auf der einen Seite erstaunlich tiefgreifende Ideen zu Tage, führte aber auch bei manchen Liedern zu einem Klangbild, das auf Sicherheit und damit auf dem Einhalten von Konventionen ausgerichtet war. Diese nicht so prickelnd wirkenden Stücke sind wahrlich nicht schlecht, aber der Kontrast von gelungenen Inspirationen und der Umsetzung von bloßem Handwerk auf höchstem Niveau ist schon frappierend. Das Experiment ist letztlich bei sieben Tracks gelungen, aber bei drei Liedern ergibt sich Verbesserungspotential.

Anspieltipps:

  • This Too Shall Light
  • Odetta
  • Michigan
  • Freedom For The Stallion
  • Long Daddy Green

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