Big Brother & The Holding Company - Sex, Dope & Cheap Thrills - Cover
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Big Brother & The Holding Company Sex, Dope & Cheap Thrills


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 139 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Keine billige Nachlassverwaltung: „Sex, Dope & Cheap Thrills“ beinhaltet 30 Songs unter Beteiligung von Janis Joplin, davon 25 bisher unveröffentlichte Versionen.

Selbst im freizügigen San Francisco von 1968 war der Album-Titel „Sex, Dope & Cheap Thrills“ eine nicht tolerierbare Provokation. Deshalb wurde der von den Musikern vorgeschlagene Name des zweiten Albums von Big Brother & The Holding Company von den Verantwortlichen in den Chefetagen der Plattenfirma auf „Cheap Thrills“ gekürzt. Das tat der Popularität der Aufnahmen aber keinen Abbruch, denn die Sängerin der Band war Janis Joplin, die 1967 auf dem Monterey International Pop-Festival in Kalifornien das Publikum im Sturm eroberte und damit die Aufmerksamkeit der Plattenbosse auf sich zog. Joplin war nicht weniger als eine Naturgewalt: Wild, zügellos und unverbraucht kehrte sie ihr Inneres nach außen, kannte weder Schranken noch Regeln, entsprach keinem Marketingmodell, aber dafür dem Lebensgefühl der fortschrittlichen Jugend nach Freiheit, Aufrichtigkeit und Unabhängigkeit.

Das Mädchen aus dem Öl-Raffinerie-Ort Port Arthur in Texas, in dem die Luft oft schrecklich nach faulen Eiern stank, war in der Pubertät durch ihre rebellische, kompromisslose Art aufgefallen. Das kam allerdings nicht immer gut an. So litt sie als Jugendliche zusätzlich unter Ausgrenzung, weil ihr Aussehen nicht mit den herrschenden Konventionen und weiblichen Schönheitsidealen übereinstimmte. Sie litt an Akne und kleidete sich eher maskulin. Deshalb wurde sie in der Highschool übel gemoppt und in einem Jahrgang sogar zum hässlichsten Mann gewählt. Diese Verletzungen verursachten tiefe Wunden. Linderung erfuhr sie durch die Musik. Mit etwa vierzehn Jahren entdeckte sie die starken anglo-amerikanischen Folk-Blues-Frauen wie Odetta, Ma Rainey oder Bessie Smith und schöpfte Kraft und Vertrauen aus deren Arbeit. Schon bald wurde ihr klar, dass sie das gleiche gesangliche Potential besitzt und Silvester 1961 hatte sie mit siebzehn Jahren ihren ersten öffentlichen Auftritt. Das Leben als Musikerin ließ sie nun nicht wieder los. 1963 begab sie sich nach San Francisco, um dort als Sängerin Fuß zu fassen. Der Sehnsuchtsort lockte mit der Aussicht auf freizügigen Spaß und einem möglichen Karriereschub. Das dortige ausschweifende Leben voller Exzesse ließ die junge Frau jedoch 1965 ausgebrannt nach Hause zurückkehren. Dort hielt sie es aber nicht lange aus und nahm 1966 einen zweiten Anlauf in der Hippie-Metropole, der sie mit den im Jahr zuvor gegründeten Big Brother & The Holding Company um Sam Andrew und James Gurley (Gitarren), Peter Albin am Bass und David Getz (Schlagzeug) zusammen brachte.

Die Gruppe war eine in der Hippie-Ära der mittleren 1960er Jahre populären Acid-Rock-Band, deren aus Blues, Jazz, Folk und Psychedelic-Rock bestehender Sound quasi eine Schnittmenge aus den ähnlich aufspielenden Grateful Dead und Quicksilver Messenger Service bildete. Dabei enthielt ihr Debüt-Album, das im Dezember 1966 eingespielt und im September 1967 veröffentlicht wurde, erstaunlicherweise ausschließlich Songs, die die Drei-Minuten-Grenze nicht gerissen haben. In der Band versuchte Janis ihre persönlichen Vorstellungen umzusetzen, war aber als Teil einer Gemeinschaft genötigt Kompromisse einzugehen. Dennoch wurde die Sängerin schnell zum auffälligsten Akteur und die Musiker erhielten ihretwegen einen Plattenvertrag bei dem kleinen, unabhängigen Mainstream-Records Label. Der kommerzielle Durchbruch erfolgte aber schon kurz vorher beim Monterey International Pop-Festival, das vom 16. bis 18. Juni 1967 stattfand und mit u.a. Jimi Hendrix, The Who, Otis Redding, The Byrds und The Steve Miller Band allerlei namhafte Künstler aufbieten konnte. Big Brother galten nur als Außenseiter-Tipp, weswegen P.A. Pennebaker ihr Konzert am Samstag für seine Dokumentation gar nicht filmte. Als die Reaktionen aber durch die Decke gingen, durften Janis & Co. am nächsten Tag noch mal auftreten, ernteten erneut einen riesigen Erfolg und ließen einige Zuschauer, unter ihnen auch Cass Elliot von The Mamas And The Papas („California Dreamin`“, „Monday, Monday“) mit offenem Mund zurück. So beeindruckt waren sie von der schieren Energie und dem unter die Haut gehenden Seelen-Striptease der Frontfrau, die soeben zum ersten weiblichen Rock-Star aufstieg und eine Führungsrolle in der Gruppe beanspruchte.

Die Plattenlabel waren zu der Zeit grade dabei, die Rock-Musik als gewinnträchtigen Zweig zu entdecken und stürzten sich häufig mit Knebelverträgen auf die rechtlich unerfahrenen Musiker. Und so machte Columbia Records das Rennen um die vielversprechende Band. Die Anwälte der Major-Company benötigten allerdings sieben Monate, um die Band aus dem Mainstream-Records-Deal raus zu kaufen, erwarben dann jedoch auch die Rechte an der ersten Platte. Zwischendurch wurde schon an dem Konzept der zweiten Platte gefeilt. Sie sollte die Live-Atmosphäre herausstellen und so wurden auch Studio-Aufnahmen mit Ansagen, Applaus und Hintergrundgeräuschen aus den Konzertsälen versehen. Nur „Ball And Chain“ war tatsächlich ein wirklicher Bühnen-Mitschnitt. Dem Zeitgeist folgend gerieten die Stücke jetzt länger, so dass dieses mal kein Track unter drei Minuten Laufzeit blieb. Da viel Geld im Spiel war, wollten die Platten-Bosse ein Wörtchen bei der Durchführung mitreden und ihre Vorstellung von einer Aufnahme einbringen, die zu der aktuellen Hippie-Bewegung passen würde. So wurde „Cheap Thrills“ zu einer Mogelpackung. Aber eine mit Wirkung, denn das Werk erschien im August 1968, erklomm die Spitze der Billboard-Charts und warf mit „Down On Me“, „Bye Bye Baby“ und „Call On Me“ noch drei Single-Hits ab.

„Cheap Thrills“ besaß einen wesentlich höheren Improvisationsanteil als das Debutalbum, was zum angesagten Hippie-Rock passte, aber Janis nicht immer optimal zur Geltung brachte. Die Platte offenbart manchmal auch Mängel im Songwriting, zeigt aber gehörigen Einfallsreichtum bei der instrumentalen Ausgestaltung. Was Big Brother jedoch einzigartig machte, war eben deren Frontfrau Janis Joplin, die sich förmlich wie in Ekstase ihre Seele aus dem Leib singen und herzerweichend leiden konnte. Ihre Stimme war ein Ereignis und eine Offenbarung. So kraftvoll, empathisch und ausdrucksstark sang bisher keine weiße Frau. Janis war besonders: leidenschaftlich, entfesselt und zügellos, aber auf der anderen Seite auch zart, leise und verletzlich bediente sie eine ungeheure Bandbreite von Gefühlen, die sie extrem glaubhaft, unmittelbar und ungeschönt vermitteln konnte. Sie fühlte den Schmerz, die Freude und die Erregung intensiv und war in der Lage, diese Emotionen ungefiltert über ihre Stimme auszudrücken. Im September 1967 gab Stefan Grossman, der Manager von Janis und unter anderem auch von Bob Dylan, dann die Trennung von Big Brother & The Holding Company bekannt. Obwohl diese Entscheidung hauptsächlich marketingtechnische Gründe gehabt haben wird, macht sie auch künstlerisch Sinn. Bei Big Brother kam Janis zwar immer besser zur Geltung, konnte sich allerdings dennoch nicht vollständig entfalten. Sie sprach davon, wie sehr sie es bewunderte, wie Aretha Franklin und Billie Holiday ihre Hörer schon mit wenigen Noten in den Bann zogen. Diese Wirkung wollte sie auch durch eine inbrünstige Darstellung von Blues-, Jazz-, Soul- und Funk-Songs erreichen. Und dazu benötigte sie neue Mitstreiter. Janis war sehr ehrgeizig und hatte ihr Ziel vor Augen, berühmt zu werden. Aber sie ahnte noch nicht, welchen negativen Einfluss der Ruhm auf ihr Leben haben sollte.

Aber das Vermächtnis „Sex, Dope & Cheap Thrills“ ist jetzt mehr als nur eine bloße Aufbereitung des fünfzig Jahre alten „Cheap Thrills“-Albums. Über zwei CDs werden dreißig Versionen rund um die Aufnahme-Sessions präsentiert, von denen nur fünf bisher veröffentlicht wurden. Ein gefundenes Fressen für alle Janis Joplin-Fans, die dachten die Archive wären schon vollständig geplündert worden. Die Aufnahmen sind ein wichtiges Zeitdokument, besonders auch aufgrund des Hintergrundes der schmalen musikalischen Hinterlassenschaft von Janis Joplin. Die Songs von „Cheap Thrills“ sind in dieser Zusammenstellung meist in mehreren Varianten vertreten. Das gehetzte „Combination Of The Two“ macht wie auch beim Original den Anfang. Hier geht es mehr darum, eine aufgeheizte Aufbruchstimmung zu erzeugen, als einen stimmigen Song zu präsentieren. Bei allen hier präsentierten Tracks wurde auf nachträglich hinzugefügte Einblendungen verzichtet, so dass sich die ausgelassene Studio-Atmosphäre widerspiegelt. Der psychedelische Slow-Blues-Rock „I Need A Man To Love“ ist mit „Take 3“ und „Take 4“ vertreten. Die beiden Studio-Outtakes sind länger als die letztlich offiziell veröffentlichte Aufnahme und unterscheiden sich untereinander nicht wesentlich. Im Mittelpunkt stehen neben dem engagierten Gesang von Janis jeweils die beiden elektrischen Gitarren, die sich umgarnen, ergänzen und vorsichtig duellieren.

Die aberwitzige Version von George Gershwins „Summertime“ geriet auf „Cheap Thrills“ zu einem der auffälligsten Tracks. Die Zusammenstellung beinhaltet die ersten beiden auf Tonband gebannten Versionen, die den Findungs- und Modellierungsprozess, der zur finalen Auswahl geführt hat, gut veranschaulichen. Die Blues-Rock-Ballade „Piece Of My Heart“ ist dreimal vertreten (Take, 3, 4 und 6) und fordert Janis gesanglich heftig. Deshalb hat die Stimme beim sechsten Versuch auch schon gelitten. Der traditionell gehaltene „Turtle Blues“ ist in einer noch unfertigen Form (Take 4) und als neunter Versuch, der für Janis der gefühlte 57ste Take war, vorhanden. Eine weitere Variante zeigt, wie an dem letzten Vers mehrfach gefeilt wird. Das hochgepeitschte, energische „Oh, Sweet Mary“ offenbart die Fähigkeit der Instrumentalisten, auch bei höherer Geschwindigkeit ein kompaktes Ensemblespiel zu bewahren. Der Song ist zweimal vertreten und verdeutlicht, wie viel Spaß die Musiker an der Umsetzung dieser temperamentvollen Komposition hatten. Was „Please, Please, Please“ für James Brown war, war „Ball And Chain“ für Janis Joplin. Eine Paradenummer, bei der sie gesanglich voll reinhängen und verausgaben konnte. Der Psychedelic-Blues ist hier als Live-Aufnahme aus dem Winterland Ballroom in San Francisco vom 12. April 1968 vertreten.

„Sex, Dope & Cheap Thrils“ beinhaltet auch diverse selten oder noch gar nicht gehörte Lieder: Das durchgeknallte „Harry“ (Take 9 und 10) ist über das Experimentierstadium nicht heraus gekommen und wurde offensichtlich von Avantgardisten wie Karl-Heinz Stockhausen inspiriert. Das stupide „Roadblock“, das schon auf der 1999er Wiederveröffentlichung von „Cheap Thrills“ enthalten war, hatte es 1968 zu Recht nicht auf das Album geschafft. „Catch Me Daddy“ (Take 1, 9 und 10) ist im Ansatz ein brachialer, wilder, dreckiger R&B-Track, der die ungezügelte Seite von Janis offen hervorhebt. Den Garagen-Rocker „It`s A Deal“ und den Folk-Rock „Easy Once You Know How“ gab es schon auf den „Rare Pearls“ aus der „Box Of Pearls“ (2013) zu hören. Der „How Many Times Blues Jam“ hält genau, was der Name verspricht: Verschlungene Improvisationen über ein Blues-Thema. Der bewegende, aufwühlende „Farewell Song“ (Take 4, 5 und 7) verdeutlicht, wie sehr Janis vom Gesang von Otis Redding beeinflusst wurde. Die soulige Psychedelic-Blues-Ballade „Misery`n“ (Take 2, 3 und 4) hätte auch gut auf „I Got Dem Ol`Kozmic Blues Again Mama!“, dem ersten Solo-Album von Janis aus 1969, gepasst. Keine der drei Aufnahmeversuche führten allerdings zu einem fertigen Song. „Magic Of Love“ war als Live-Aufnahme ein Bonus-Track auf der 2009er Ausgabe von „Cheap Thrills“. Hier gibt es nun eine Studio-Version dieses Psychedelic-Rock, der an Jefferson Airplane erinnert.

Für Janis Joplin-Fans ist „Sex, Dope & Cheap Thrills“ ein gefundenes Fressen, da durch die verschiedenen Versionen einiger Tracks der Eindruck entstehen kann, bei der Entwicklung der Kompositionen ein Stück weit dabei sein zu können. Da stört es auch nicht, dass nicht alle Einspielungen fehlerfrei sind oder nur einen Übungsraum-Charakter besitzen. Die vermittelte spontane und authentische Vortragsweise entschädigt dafür allemal. Jedenfalls bleibt erstaunlich, mit wie viel Leidenschaft sich Janis auch beim neunten oder zehnten Take immer noch voll reingehängt hat. Diese Wucht und ihr immenses Talent für das Ausdrücken von tiefen Emotionen macht sie zur unsterblichen Legende. Deshalb ist diese Zusammenstellung hochwillkommen, um das fünfzigste Jubiläum von „Cheap Thrills“ angemessen zu feiern und bei dieser Gelegenheit auch ihre anderen Veröffentlichungen wieder zu hören. Zusammen mit der 2015 auf DVD erschienenen großartigen Dokumentation „Little Girl Blue“ von Amy J. Berg kann so der Werdegang der einzigartigen Künstlerin auch in bewegten Bildern verfolgt werden.

Anspieltipps:

  • Oh, Sweet Mary
  • Catch Me Daddy
  • Farewell Song
  • Piece Of My Heart
  • Misery’n
  • Summertime

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