Leserkritiken zu
Jadu - Nachricht Vom Feind

  • Art-Pop
5/10 Unsere Wertung
4.4/10 Leser Stimme ab!

13.02.2020 - 21:53 beyhar Wenn mich meine Frau nicht Anfang 2018 in ein MARTERIA-Konzert geschleppt (vielen Dank!) und bei mir damit eine bis heute anhaltende Begeisterung für die Arbeit von Marten Laciny geweckt hätte, wäre diese Platte vollständig an mir vorübergegangen (um es mit MARSIMOTO zu sagen: ...denn nichts wäre wie es ist wär' es damals nicht gewesen wie es war). So aber habe ich gelesen, dass Marten mit Jadula verheiratet ist und weitere Recherche förderte zutage, dass es seit Anfang 2019 auch eine Platte von Jadula Laciny (Künstlername: JADU) gibt.

Nachdem ich das Cover gesehen und einige Meinungen dazu gelesen hatte, war ich mir nicht sicher, ob "Military Dream Pop" (so wohl die gängige Schublade dazu) das Richtige für mich ist, da es mir ungehört als RAMMSTEIN-Clon erschien und ich meine heisse RAMMSTEIN-Phase schon einge Jahre hinter mir habe (aber RAMMSTEIN immer noch geil finde). So geriet diese Platte erst mal wieder aus dem Fokus. Ende Oktober bin ich dann wieder in der Berichterstattung über JADU gestolpert, habe mir auf YOUTUBE das Video zu UNIFORM angeschaut und beschlossen, dass ichs mal mit der CD riskieren werde. Der erste Höreindruck war ernüchternd. UNIFORM erschien mir dabei als der eingängigste und interessanteste Track einer maximal mittelmässigen Platte.

Die nächsten Tage gab ich der Platte noch die eine oder andere Chance und sie hat mich letztlich mit der Baum-Hymne FRIEDLICHE ARMEE voll erwischt. Von nun an habe ich mir täglich dieses Stück mindestens 5 mal angehört und hatte ernsthafte Entzugserscheiningen, wenn ich es mal ausliess. Oft habe ich mir dann auch nicht nur dieses einzelne Stück angehört, sondern in dessen Fahrwasser auch immer wieder die ganze CD, bis nach und nach jeder der darauf enthaltenen Titel, auch die anfangs für mich schwergängigsten wie UNSYMPATHISCH und WELTENBRAND, unverzichtbar wurden und ich mir die Existenz dieser Platte jetzt nur noch als Gesamtwerk vorstellen kann, wo jeder einzelne Titel seinen festen Platz und seine unverzichtbare Funktion für die Stimmung der Platte hat. Nach mittlerweile mindestens 100 Komplettdurchgängen ohne Abnutzungserscheinungen muss ich diese Platte zu den Besten zählen, die ich in meinem langen Musikhörer-Leben geniessen durfte.

Nach der ganzen Lobhudelei jetzt mal Butter bei die Fische:

"Military Dream Pop" heisst die Schublade, mich erinnert es an TRIP HOP und ich kann klar den starken Einfluss von PORTISHEAD heraushören, aber auch MASSIVE ATTACK und RAMMSTEIN als Einfluss auf die Soundbilder. Auch CURE, KATE BUSH und VANGELIS lungern an einigen Ecken herum und bei dieser Aufzählung von Einflüssen ist es dann auch klar, dass der Grundtenor der Platte eher düster als fröhlich ist.

Nun ist JADU ja mit MARTERIA / MARSIMOTO verheiratet, und obwohl der liebe Marten lediglich als Ehemann eine Danksagung im Booklet erhält (im Text des Eröffnungsstückes FELDZUG BERLIN ist er allerdings als ROSTOCKS HAUPTMANN der 1.OFFIZIER in JADUs Truppe), ist der Einfluss Martens und GREEN BERLINs doch deutlich zu hören, auch wenn das ganze weder was mit POP-RAP (Marteia) oder DUB-RAP (Marsimoto) zu tun hat. Deutlich ist z.B der Einfluss der MARSIMOTO-Produzenten DEAD RABBIT und NOBODYs FACE auf das Soundbild mit vielerlei Dub- und Hall-Effekten zu hören. JADUs Stimme ist oft elektronisch verfremdet, verzerrt, gepitcht. Als Gitarristin tritt sie nur sehr dezent in Erscheinung.

Die Produktion ist aber auch durchaus kritikwürdig. Alles ist immer laut, auch die in der Mehrzahl ruhigen Passagen, da alle beteiligten Geräuschquellen, ob digital synthetisch oder analog, nahezu gleichlaut im Mix vertreten und immer nahe an der Übersteuerung sind und die Gesamtlautstärke nur wenig variiert. Speziell bei lautem Hören habe ich den Eindruck, dass die Platte mich geradezu anschreit. Nennt man glaube ich LOUDNESS WAR und ich als Prog- und Art-Rock-Hörer bin selbstverständlich ein Gegner dieses Verfahrens, da dabei die für Prog-Musik unbedingt notwendige Dynamik eingedampft wird. ABER: Da die Produzenten dies gnadenlos über die komplette Laufzeit durchziehen, das ganze verbunden mit oben genannten Stileinflüssen und gebaut auf einer Basis von einem aus orchestralem Synthie-Sounds gestrickten bombastisch-kitschigen Monumentalfilm- und Italo-Western-Soundtrack, bietet die CD ein in sich geschlossenes einzigartiges Soundbild, einzigartig wie das Soundbild z.B. von ZZ TOPs DEGÜELLO, CUREs DISINTEGRATION, HAWKWINDs SPACE RITUAL oder FRANK ZAPPAs ZOOT ALLURES (klingen alle auf ihre ganz eigene Art einzigartig). Das längste Stück ist mit echter Orchesterbegleitung, was aber nur im Mittelteil auffällt. Bei JADU kann man ja mangels Masse nicht mit einer anderen Platte von ihr vergleichen, was die Einzigartigkeit nur noch mehr unterstreicht. Das "Schreien" des Sounds passt zudem auch noch zur militaristischen Attitüde, da der militärische Umgangston ja auch nicht geflüstert ist.

Die Texte sind nicht überkompliziert, aber auch nicht schlicht oder belanglos. Anfangs habe ich die Texte als Beiwerk mitgenommen. Bei deutschsprachigen Platten, die mir gefallen, lese ich grundsätzlich nicht die Texte, sondern erarbeite sie mir bei vielmaligem Hören Wort für Wort. Ist viel spannender so, speziell bei RAP-Musik. Hier sind die Texte aber aufgrund oben geschilderten Produktions-Overkills für mich nur schwer zu verstehen. Am Anfang verstand ich hauptsächlich martialische Schlagworte wie BLITZKRIEG, TODESSTREIFEN oder WELTENBRAND. Als ich merkte, dass sich hier ein Favorit entwickelt, muste ich mir speziell wegen SIRENEN & WAGNER, das die Beziehung vom "Grössten Ar.....ch aller Zeiten" Adolf Hitler zu Eva Braun aus Sicht von Eva Braun schildert, unbedingt die Texte aus dem Internet holen (da sie leider nicht beiliegen), um mich der Unbedenklichkeit der Texte bei den zum Teil provokanten Titeln zu versichern und nicht einem Kuckucksei aufzusitzen. Die Texte sind aber astrein und alles Andere hätte mich bei einer Beteiligung von Marten Laciny (z.B. Marteria: LINKS) auch schockiert und verwundert. Hat man mal die Schlagwort-Ebene durchdrungen, erkennt man, dass es vorrangig um Beziehungen zwischen Menschen geht, die mit militärisch-martialischem Vokabular beschrieben werden, die Liebe als alltäglicher Ausnahme- oder Kriegszustand. Großes Lob an JADU für diese Texte. Marten hat sicherlich auch ein bisschen an den Texten gefeilt um den Flow zu optimieren, und der Flow ist wahrlich gut gelungen.

Noch ein paar Worte zu den einzelnen Titeln:

1. FELDZUG BERLIN ist eine flott-rockig marschierende Selbstvorstellung von JADU.

2. UNIFORM beginnt mit Schelllack-Knacken (siehe EPILOG), bietet flotten Marschrhythmus vor bombastischer Synthie-Kulisse, beschreibt Uniform-Fetischismus. Im vorletzten Abschnitt weitet sich der Klangraum zu einem bedrohlich klingenden DUB-Inferno, das doch sehr nach MARSIMOTO klingt.

3. UNSYMPATHISCH ist das Stück, das sich mir als letztes erschlossen hat. Kühl und cool beginnt es in einem lichten Soundgewand, dass sich aber über die Spielzeit immer mehr verdichtet und einen wirklich lesenswerten Text bietet.

4. FRIEDLICHE ARMEE (feat. NESSI) ist eine Hymne auf die Bäume aus Sicht der Bäume. Musikalisch ein Meeting von MICHAEL ROTHER-Gitarre (NEU!) und bombastisch-orchestralen VANGELIS-Synthie-Teppichen.

5. BLITZKRIEG war für mich vor Textkenntnis vom Schlagwort her eher abschreckend, der Text beschreibt aber nichts anno '39, sondern schildert Gewalttätigkeiten in einer Beziehung aus Sicht der misshandelten Frau, die ein Monster liebt. Zum Glück mit einer hoffnungsfrohen Wendung am Schluss. Dezent rockig und mit einem gnadenlos genialen Übergang zwischen Strophen und Refrain geht es voll unter die Haut.

6. TODESSTREIFEN war am Anfang auch aufgrund des Schlagwort-Vokabulars eher abschreckend, aber Textkenntnis hilft: Es geht um wiederkehrende Depressionen und wie sie das soziale Umfeld zerstören. Eingängiger Refrain mit Tiefe.

7. BEDINGUNGSLOSE LIEBE ist nach UNIFORM der eingängigste Titel, könnte man schon fast als Pop-Schlager bezeichnen, wäre da nicht die klirrende Gitarre und der tiefgründige Refrain. Egal ob man die im Refrain geäusserte Behauptung unterstützt oder nicht, es lohnt zumindest, mal darüber nachzudenken.

8. WELTENBRAND ist der rockigste Titel mit einem richtigen Heavy-Gitarren-Riff. Mit dem Text kann ich nicht wirklich etwas anfangen, scheint um zwanghafte Zerstörung der eigenen Existenz zu gehen.

9. SIRENEN & WAGNER schildert die Beziehung vom "Grössten Ar.....ch aller Zeiten" Adolf Hitler zu Eva Braun aus Sicht von Eva Braun. Hat man sich mit dieser Erzählperspektive erst einmal arrangiert, ist der Text zu Herzen gehend tragisch. Musikalisch beginnt mit diesem Titel die symphonisch-bombastische Endrunde der Platte.

10. FRISS UND STIRB ist ein Instrumental, das ich anfangs für überflüssig gehalten habe, mittlerweile aber als Overture zu dem noch Folgenden sehe, da das Stück mit einem ähnlichen musikalischen Thema eröffnet wie auch EPILOG.

11. DER FEIND / FRÜHLING IN SCHWERIN / DIE ERLÖSUNG zusammen mit FRISS UND STIRB und EPILOG eine wahrhaft phantastische kleine Prog-Oper. Aufgenommen wurde das Stück mit echtem Orchester, was aber erst ab FRÜHLING IN SCHWERIN so richtig zu hören ist. War am Anfang nur wenig interessant, aber wie bei der meisten guten Prog-Musik braucht man einige Hördurchgänge, bis das ganze zündet.

12. EPILOG beginnt mit dem von FRISS UND STIRB bekannten musikalischen Thema in einer abgespeckten Version und mit Schelllack-Knacken und schliesst damit nicht nur die kleine Prog-Oper am Ende der Platte ab, sondern mit dem knackenden Anschluss an UNIFORM schliesst es auch die komplette Platte ab, die damit endgültig zum Pop-Prog-Meisterwerk wird.

FAZIT: Pop-Prog-Meisterwerk mit sehr guten Texten und (für mich) einzigartigem Sound, das ich fast übersehen hätte. KAUFEN ! Oder zumindest mal reinhören, wobei man dieser Musik Zeit zum Entwickeln geben muss.

Während ich im Laufe von knapp 3 Stunden (mit Unterbrechungen) diese Kritik verfasst habe, habe ich die Platte 4 mal komplett gehört (Spielzeit knapp 44 Minuten) und werde wohl nicht darum herum kommen, jetzt mal lauter zu drehen und die Platte wieder zu starten.

10/10