Mercury Rev - Bobbie Gentry´s The Delta Sweete Revisited - Cover
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Mercury Rev Bobbie Gentry´s The Delta Sweete Revisited


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf der Suche nach unsterblichen Klängen: Mercury Rev lassen das beinahe vergessene „The Delta Sweete“ von Bobbie Gentry nach über 50 Jahren wieder aufleben.

Bobbie Gentry wurde quasi zur mystischen Figur der US-amerikanischen Pop-, Country- und Southern-Soul-Szene. Als Singer-Songwriterin und Produzentin gehörte sie außerdem zu eine der ersten Frauen, die sich selbstbewusst kommerziell wie auch künstlerisch durchsetzen konnten. Zwischen 1967 und 1971 nahm sie sieben Alben für Capitol Records auf, die im vergangenen Jahr als üppig aufgemachte „The Girl From Chickasaw County“-Box zusammen mit 75 bisher unveröffentlichten Songs wiederveröffentlicht wurden. In ihrer aktiven Zeit hatte die talentierte Frau zehn Top 100-Single-Hits (z.B. „Ode To Billie Joe“ und „All I Have To Do Is Dream“ mit Glen Campbell), dann verschwand die Künstlerin 1981 jedoch beinahe spurlos in der Versenkung. Das ist der Stoff, aus dem Legenden gemacht werden.

Der Einfluss der besonderen Sängerin ist aber bis heute zu spüren. Einige Musiker (z.B. Daniel Romano mit „If I`ve Only One Time Askin`“ von 2015) orientierten sich an ihrem Stil und andere veröffentlichten anerkennende Cover-Versionen. So spielte z.B. Sinead O`Connor 1995 eine beachtliche Fassung von „Ode To Billie Joe“ ein. Jetzt nahm Mercury Rev ein ganzes Album neu auf. Nun ja, fast: „The Delta Sweete“ erschien ursprünglich 1968 und enthielt acht Eigen- und vier Fremd-Kompositionen. Elf dieser Songs befinden sich auf „The Delta Sweete Revisited“. Es fehlt „Louisiana Man“, dafür wurde „Ode To Billie Joe“ hinzugefügt.

Bobbie Gentry, die am 27. Juli 1942 als Roberta Lee Streeter im Mississippi Delta geboren wurde und dort bei ihren Großeltern auf einer Farm aufwuchs, betörte auf ihren Platten durch hauchzarten Gesang, der auch lasziv, verrucht oder bluesig-zupackend erschallen konnte. Diese Stimme war wohl eine der zartesten Versuchungen in der Popmusik. Einige von Gentrys Liedern sind Evergreens und bestätigen ihren Ruf als fähige Verfasserin und Interpretin von unsterblicher Musik. Die spricht für sich selbst, da sie bis heute keine Verschleißerscheinungen aufweist. Zwar kam „The Delta Sweete“ damals nicht einmal in die Billboard Top 100, aber mit der Platte wurde nebenbei in nicht unerheblichen Teilbereichen Cosmic American Music geschaffen. Im Prinzip kam genau der Sound zustande, den sich der Namensgeber der Stil-Umschreibung wahrscheinlich vorgestellt hatte: Gram Parsons (International Submarine Band, Byrds, Flying Burrito Brothers) schwebte vor, Hippie-Sounds mit ländlichen Tönen zu fusionieren.

Und genau diese Geisteshaltung vertritt Gentry mit dem manchmal abgehobenen Psychedelic-Country, der mit seinen hochgejubelten Streichern, wolkigen Tonteppichen und sanften, friedvollen Eindrücken in eine eigentümliche, die Sinne verwöhnende und bezaubernde Welt entführt. „The Delta Sweete“ ist ein Album, das auf den Erfahrungen beruht, die Bobbie während ihrer Kindheit im Süden der USA gesammelt hat. Die Songs gehen nahtlos ineinander über und bilden Musikstile wie Gospel, Blues und Country ab. Selten werden diese Ausprägungen jedoch in purer Form präsentiert, denn Einflüsse wie Pop und psychedelische Musik finden immer wieder Zugang zu den Arrangements.

Mercury Rev, das rauschhaft-experimentelle Kunstprojekt, das 1989 in Buffalo, New York gegründet wurde, besteht aktuell aus den Ur-Mitgliedern Jonathan Donahue und John „Grasshopper“ Mackowiak, die sich durch Jesse Chandler (ex-Midlake) verstärkt haben. Für die stimmliche Umsetzung engagierte das Trio dreizehn namhafte Sängerinnen, die durch ihre Persönlichkeit die alten Bobbie-Gentry-Songs individuell prägen sollten. Den Auftakt macht Norah Jones, die sich ja bestens sowohl im Jazz- wie auch im Singer-Songwriter-Bereich auskennt. Wartet das Original von „Okolona River Bottom Band“ mit einem sumpfig-schwülen Soul-Groove auf, wie er von Tony Joe White bekannt ist, so entführt uns Norah in eine mysteriös schwebende Traumwelt. Der Blues-Shuffle „Big Boss Man“, der erstmalig vom Blues-Musiker Jimmy Reed 1960 aufgenommen wurde, geriet unter den Händen von Bobbie Gentry zu einem kratzig-rhythmischem Rockabilly mit Western-Flair. Unter der gesanglichen Führung von Hope Sandoval (der Stimme von Mazzy Star) wird daraus aktuell ein dunkel-laszives, schläfrig-sinnliches Folk-Chanson.

„Reunion“ klang früher wie eine überdrehte, süffisante, aufmüpfig-eckige Country-Funk-Version des Rhythm & Blues-Klassikers „Mona“ von Bo Diddley. Rachel Goswell (Slowdive, Mojave 3) setzt den Text wie einen Abzählreim ein und wird gesanglich in einen ähnlich abstrakt-verwunschenen, märchenhaften Ton-Wirbel eingebettet, wie ihn Van Dyke Parks gerne entworfen hat. Die Neufassung von „Parchman Farm“ ist wesentlich offensiver und dynamisch abgestufter, als die Country-Blues-Fassung auf „The Delta Sweete“. Das Stück wurde 1940 vom Blues-Musiker Bukka White verfasst. 1957 brachte Mose Allison eine bekannter gewordene Variante raus, die u.a. Johnny Winter, John Mayall oder Hot Tuna adaptierten. Die ausgleichende Stimme der holländischen Schauspielerin Carice van Houten, die bei „Game Of Thrones“ die Rolle von Melisandre, der roten Priesterin von Asshai verkörpert, sorgt allerdings bei der neuen Produktion für eine etwas unterkühlte, distanzierte Ausstrahlung.

Das sinnlich und verschlafen gehauchte „Mornin' Glory“ ist ein Musterbeispiel für Bobbie Gentrys Fähigkeit, die Stimme zielgerichtet und glaubhaft in den Dienst der gewünschten Emotion zu stellen. Sie zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, so dass die sanften Streicher und die selbstvergessene Mundharmonika nur noch schmückendes Beiwerk sind. Die französische Sängerin Laetitia Sadier - einst die Stimme von Stereolab - legt ihre Rolle bei dieser versonnenen Ballade anders aus: Die Instrumentierung wirkt weniger verträumt und die Stimmung ist heller und klarer, was der Stimmfarbe der Akteurin entgegen kommt. Hier wird der frühe Morgen als Wachmacher und Erlöser von der dunklen Nacht gefeiert, und das geschieht stilvoll als klassischer Pop-Song mit Referenzen an Burt Bacharach. Die Komposition „Sermon“ ist die Abwandlung eines traditionellen Folk-Songs, den unter dem Namen „God`s Gonna Cut You Down“ oder „Run On“ unter anderem von Odetta (1956), Elvis Presley (1967) und Johnny Cash (2006) eingespielt haben. Bei Bobbie Gentry offenbart sich der Titel als swingender Gospel, der durch eine lebhafte Trompete stimuliert wird. Die Mercury Rev-Version macht im Vergleich mit der Leichtigkeit und dem Schwung des Originals eine Rolle rückwärts, denn der Song bekommt ein relativ ergriffenes Ambiente verordnet. Die aus Nashville stammende Country-Sängerin Margo Pierce versucht, durch ihren selbstbewussten Gesang der Elegie zu entfliehen, wird aber immer wieder wie durch einem Strudel davon angezogen.

Die Geschichte des Blues-Songs „Tobacco Road“ geht bis ins Jahr 1960 zurück. Damals wurde der autobiographische Track über die Tabaklagerstadt Durham in North Carolina von dem US-amerikanischen Singer-Songwriter John D. Loudermilk verfasst und im Tonstudio verewigt. 1964 hatte dann die britische Beat-Band The Nashville Teens mit ihrer Version einen Top 10-Hit. Bekanntheit erlangten noch die Deutungen von Lou Rawls aus 1963 und von Eric Burdon & War sowie Edgar Winter aus 1970. Bobbie Gentry stellt das Blues-Schema zwar heraus, lässt darüber hinaus aber eine schunkelnde Kirmes-Stimmung entstehen und bereitet das Lied für die große Show-Bühne vor. Mercury Rev haben die Überarbeitung für die norwegische Singer-Songwriterin Susanne Sundfør so gestaltet, dass der Blues weitgehend durch ein sich abwechselndes, energisches und gefühlvolles Pop-Rock-Konstrukt abgelöst wird.

Mercury Rev gelang es, die semi-legendäre Vashti Bunyan für das Projekt einzuladen. Die englische, fragil erscheinende Folk-Sängerin veröffentlichte 1970 das Album „Just Another Diamond Day“ und zog sich danach aus dem Musikgeschäft zurück. Die Platte verkaufte sich schlecht, war aber unter Musikliebhabern heiß begehrt. Erst im Jahr 2005 gab es neue Klänge von der verschollenen Musikerin zu hören und 2014 schob sie ihr drittes Werk nach. „Penduli Pendulum“ singt sie zusammen mit der Alternative-Pop-Sängerin Kaela Sinclair aus Texas, die durch die flüchtige, sphärische Background-Stimme auffällt. Vashtis gebrochen-trauriger Gesang beherrscht die Ausstrahlung des ursprünglich Walzer-artigen Liedes. Es entstand dadurch ein hingebungsvoller Folk-Pop, der aufgrund der Herangehensweise an das Spätwerk von Marianne Faithfull erinnert.

Bei „Jessye' Lisabeth“ geht es gediegen und reizvoll zu: Bobbie Gentry verwandelt das Lied in einen gewisperten, erotischen Barock-Pop-Traum. Da muss jeder Versuch, diese einmalige Atmosphäre nachzuahmen, zum Scheitern verurteilt sein. Das wussten auch die Macher der neuen Verneigung vor dem Werk der Frau aus dem Chickasaw County. Die Tonfolgen wurden zwar zart und idyllisch aufgebaut, die zerbrechlich wirkende 24jährige Singer-Songwriterin Phoebe Bridgers aus Pasadena in Kalifornien singt sie jedoch ohne besonders betonte erotische Färbung. Verwunschenen, berauschten Folk, wie ihn zum Beispiel Tim Buckley auf seinem 1966er Album-Debüt praktizierte, kam auch 1968 bei der originalen Version von „Refractions“ zum Einsatz. Da passt es ins Bild, dass die Cover-Version von der Dream-Folk-Expertin Marissa Nadler aus Boston betreut werden sollte. Sie zeigt mit ihrem entschiedenen, aber dennoch innigen Gesang eine unergründliche, aber weniger verzückte Sichtweise auf das Lied. Die englische Musikerin Beth Orton scheut sich nicht, bei ihren Folk-Songs auch mit elektronischen Instrumenten zu experimentieren. Beth breitet mit ihrem Gesang Pathos und Demut über „Courtyard“ aus. Das Lied profitiert vorwiegend von einem gleitenden Teppich aus flirrenden Geigen und einem deftigen Stand-Bass. Bobbie Gentry sang „Courtyard“ einst hingegen völlig entspannt und versah den Track trotzdem mit einer extra Portion knisternder Hingabe.

„Ode To Billie Joe“ wurde 1967 als erste Single von Bobbie Gentry ausgekoppelt und hielt sich vier Wochen an der Spitze der US-Charts, von der sie „All You Need Is Love“ von den Beatles verdrängte. Das dazugehörige Album war ebenso erfolgreich und löste „Sgt. Pepper`s Lonely Hearts Club Band“ von der Pole-Position ab. Bei „Ode To Billie Joe“ geht es um die Geschichte eines Teenager-Paares, das ein dunkles Geheimnis hütet, welches rätselhaft bleibt und schließlich zum Selbstmord des jungen Mannes führt. Dieser Billie Joe McAllister springt von der Tallahatchie Brücke und nimmt den Grund für seine Verzweiflung mit in den Tod. Das Umfeld des Opfers reagiert mit wenig Einfühlungsvermögen und viel Unverständnis auf die Tat. Mit heiser-brüchiger Stimme trägt Bobbie das Südstaaten-Drama als elegischen Country-Folk vor, dessen Urfassung über sieben Minuten lang war und für die Single auf immer noch stattliche vier Minuten reduziert wurde. Zunächst war der Song die B-Seite von „Mississippi Delta“. Aber dadurch, dass die Radio-DJs den Titel favorisierten, wurde er zum eigentlichen Hit. Die Neuauflage wird von der ehrwürdigen Folk-, Country- und Blues-Ikone Lucinda Williams mit ihrer von Patina überzogenen, altersweisen Stimme zelebriert, die Entbehrung, Leid und Kummer so glaubwürdig ausdrücken kann. Der Gesang wird hier in einen Echo-Raum verlegt, was der Leere und Ausweglosigkeit noch Nachdruck verleiht. Im Original wird der angedeutete Jazz-Aspekt nur leicht angedeutet. In der Neubearbeitung kommt er durch einen dominanten Bass besser zur Geltung.

Mercury Rev machen sich ziemlich rar. Ihr feierlich-opulentes Spektakel „The Light In Me“ ist jetzt auch schon wieder drei Jahre alt. Davor machten sie sogar sieben Jahre Pause, denn „Snowflake Midnight“ erschien bereits 2008. Entsprechend reif und durchdacht sind die jeweiligen Ergebnisse ausgefallen. Da macht auch „Bobbie Gentry`s The Delta Sweete Revisited“ keine Ausnahme. Die historischen Ideen werden so aufbereitet, dass sie in den eigenen musikalischen Rahmen passen. Es wird der Anschein erweckt, es handele sich um Eigenkompositionen, obwohl die ehemalige Vielschichtigkeit und geheimnisvolle Atmosphäre bewahrt bleibt. Die Songs klingen nämlich so ausgewogen, als würden sie den Geist der Bobbie-Gentry-Stücke einatmen und dann eine sinnvolle Neudeutung ausatmen. In diesem Format bereiten die Cover-Versionen großes Hörvergnügen.

Anspieltipps:

  • Okolona River Bottom Band
  • Big Boss Man
  • Parchman Farm
  • Tobacco Road
  • Courtyard

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