John Paul White - The Hurting Kind - Cover
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John Paul White The Hurting Kind


  • Label: Single Lock Records
  • Laufzeit: 38 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

John Paul White beschwört die Empfindsamkeit des Nashville-Country der 1960er Jahre herauf und erliegt manchmal dessen Süße und Schwere.

Seit 2014 ist das Country-Folk-Duo The Civil Wars Geschichte. Das Paar Joy Williams und John Paul White ging seitdem geschäftlich und privat getrennte Wege. Jeder blieb aber für sich dem Musikbusiness treu. 2016 veröffentlichten die Beiden dann fast zeitgleich Solo-Alben („Venus“ von Joy Williams (06/2016); „Beulah“ von John Paul White (08/16)“). Jetzt ist es wieder so weit. John Paul bringt am 12. April 2019 „The Hurting Kind“ raus und Joy zieht am 03. Mai 2019 mit „Front Porch“ nach.

Das aktuelle Vorhaben von John Paul White hört sich zunächst widersprüchlich an: Die Musik der neuen Platte soll sich an dem mit schwerer Süße arrangierten Country-Sound der 1960er Jahre orientieren, aber trotzdem nicht altmodisch klingen. Es geht dem in Florenz, Alabama, lebenden Musiker dabei in erster Linie um das Nachspüren der großen, überschwänglichen Gefühle dieser Aufnahmen und das Transportieren der damit verbundenen Ästhetik in die Gegenwart. „Golden Ring“ von George Jones & Tammy Wynette oder „Rhinestone Cowboy“ von Glen Campbell sind Beispiele für die Inspirationen, die zu diesen Überlegungen geführt haben. Das Ziel sind demnach zeitgemäße Aufnahmen, die die Komplexität und Dramatik klassischer Country-Songs wiedergeben.

White schreibt generell über Themen, die ihn stark bewegen, stören, verwirren oder glücklich machen. Die verletzte oder verletzliche Seite der menschlichen Existenz spielt für seinen Ausdruck eine wichtige Rolle. Persönliche Enttäuschungen und Niederlagen sind schließlich einschneidende Erlebnisse und Erfahrungen, die einen dauerhaften Eindruck hinterlassen können und erweisen sich deshalb als besonders prädestiniert für Song-Inhalte. Wie haben sich aber letztlich die konzeptionellen Ideen auf das Umsetzen der Lieder ausgewirkt?

„The Good Old Days“ ertönt als ausgefuchster, cooler, das Tempo variierender, zeitloser Country- und Folk-Rock, der ohne herausgestellte Retro-Ambitionen auskommt. Das Lied stellt einen Gegenentwurf zu „Making America Great Again“ dar, denn John Paul fragt sich, in welche Ära die Leute eigentlich zurückkehren wollen. Was ist eigentlich so gut an den guten alten Zeiten? Er wünscht sich stattdessen eine verantwortungsvoll gestaltete Zukunft, in der das Leben von Vielen verbessert ist, nicht nur die Situation von wenigen Auserwählten.

„Wish I Could Write You A Song“ fördert schon einen Teil der gewünschten allgemeingültigen Torch-Song-Tugenden zutage, die hier als schwermütige Gefühlswallungen auftreten. Kritisch gesehen kann solch eine Inszenierung als Kitsch angesehen werden. Ungefiltert ist es manchmal aber einfach nur angenehm, in tiefen, ehrlich empfundenen Emotionen zu baden. John Paul nahm sich vor, dramatische Empfindungen zuzulassen und deshalb bietet er hier ungeniert schwelgende Streicher, eine seufzende Steel-Gitarre und jede Form von Verwundbarkeit auf, um dem Song die größtmögliche Theatralik zu verleihen. Dabei bleibt der Klang transparent und die kurzen Solo-Einlagen sind von erlesener, sensibler Qualität. In „Heart Like A Kite“ geht es um die Liebe zu einem eigensinnigen Charakter, die durch einen langsamen Walzer mit einigen Ausfallschritten abgebildet wird. Auch „Yesterdays Love“ bewegt sich romantisch im Dreiviertel-Takt, investiert viel Gefühl und hört sich tatsächlich wie ein vergessener Country-Klassiker an. Dabei war das Lied eigentlich für „Beulah“ geschrieben worden, passte dort aber nicht ins Konzept. Wer „Harvest Moon“ von Neil Young kennt, hat eine gewisse Vorstellung davon, wie dieser Track klingt.

„The Long Way Home“ ist einer dieser Songs, die alles zu überstrahlen scheinen. Kräftige Akustik-Gitarren-Riffs versprühen schon zu Beginn Entschlossenheit. Der Gesang wirkt selbstbewusst, kräftig und sehnsüchtig. Die Rhythmusabteilung hält sattelfest die Stellung und die Melodie deckt euphorische und hoffnungsvolle Momente ab. Ein grandioser, mitreißender Song. Die melodramatische Ballade „The Hurting Kind“ erinnert danach in ihrer drastischen Sentimentalität erneut an den wehklagenden Tonfall von Roy Orbison oder Chris Isaak. Für „This Isn’t Gonna End Well“ wird White von der Nashville-Country-Sängerin Lee Ann Womack als Duett-Partnerin begleitet. Womack gelingt es, den typischen, pathetischen Stil der weiblichen Country-Größen wie Loretta Lynn („Coal Miners Daughter“), Lynn Anderson („Rose Garden“) oder Dolly Parton („I Will Always Love You“) zu reaktivieren. Im Verbund erzeugen White & Womack sinnlich-zarte und anrührend-erschütternde Schwingungen.

Das leicht schunkelnde „You Lost Me“ watet knietief durch Tränen und kann dabei die Retro-Country-Ausrichtung wirklich nicht leugnen. Die nachdenkliche Stimmung des intimen Liedes „James“ wurde durch Glen Campbell angeregt, der solch unsterbliche Evergreens wie „Wichita Lineman“ oder „Galveston“ gesungen hat. John Paul White mag den Gegensatz zwischen positivem Titel und traurigem Liedgut, so wie bei „My Dreams Have All Come True“. Er möchte hier eine Atmosphäre vermitteln, die entstanden sein könnte, wenn Elliott Smith und Kris Kristofferson zusammen ein Country-Album aufgenommen hätten.

„The Hurting Kind“ vermittelt etliche Anklänge an den Countrypolitan-Sound der frühen 1960er Jahre, der durch weiche, orchestrale Strukturen und einen fülligen Klang auffiel. Dadurch sollte damals der Pop-Markt mit Hilfe von Charts-tauglichen Singles erobert werden. John Paul White nutzt die Wirkung von überladenen Gefühlen und bewegt sich manchmal mit schmachtender Stimme nahe am Abgrund zum süßlichen Einerlei. Durch Wahrhaftigkeit, Inbrunst und Können werden jedoch die gefährlichsten Klippen umschifft. Oft ist es ja nur ein schmaler Grat zwischen schnulzigem Schlager und gefühlvoller Seelenmassage. Es gehört eben ein gehöriges Maß an Fingerspitzengefühl und Gradlinigkeit dazu, die zuckersüße Seite des Country als große Pop-Kunst erscheinen zu lassen.

John Paul White beweist Einfühlungsvermögen und wirkt authentisch, auch wenn er manchmal gesanglich dick aufträgt. Der Crooner möchte seinen Idolen durch bedingungslose Hingabe nahe kommen, was auch täuschend echt gelingt. Auch wenn er dadurch ein Stück seiner Persönlichkeit zu verlieren scheint, lohnt sich der Einsatz. „The Hurting Kind“ ist eine berührende Country-Platte geworden, die teilweise die Zeit zurückdreht, um Zeitlosigkeit zu suggerieren. Es stellt sich also letzlich die Frage: Kann Retro-Kitsch zu großer Kunst heranwachsen? Ja, denn es ist eine Kunst, mit Tönen soweit in die Gefühlswelt von Menschen vorzudringen, dass sie sich darin verlieren. Darum geht es schließlich in der Musik und genau das ist John Paul White auch mit viel Herzschmerz gelungen.

Anspieltipps:

  • The Good Old Days
  • The Long Way Home
  • This Isn’t Gonna End Well
  • James
  • My Dreams Have All Come True

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