Minor Majority - Napkin Poetry - Cover
Große Ansicht

Minor Majority Napkin Poetry


  • Label: Voices Of Wonder
  • Laufzeit: 57 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Wohlklang vereint: Die norwegische Folk-Pop-Institution Minor Majority zeigt sich bei ihrem Comeback handwerklich souverän und von schwelgenden Harmonien berauscht.

Minor Majority gehören in Norwegen schon zu den alten Hasen im Pop-Geschäft. 2019 feiern sie ihr 20jähriges Bestehen und bereits 2001 kam mit „Walking Home From Nicole`s“ das erste von sechs Alben heraus. Das letzte war „Either Way I ThinkYou Know“ von 2009. Danach wurde es recht still um das Quintett. Sie traten nur noch einmal im Jahr in Oslo auf, hielten sich aber mit weiteren Veröffentlichungen zurück. Jetzt gibt es mit „Napkin Poetry“ im Jubiläumsjahr zwölf neue Songs zu hören, die bis auf zwei Ausnahmen alleine vom Sänger und Akustik-Gitarristen Pål Angelskår komponiert wurden. An der Umsetzung sind außerdem noch Jon Arild Stieng (Gitarre, Gesang), Harald Sommerstad (Keyboards), Henrik Harr Widerøe (Bass, Banjo, Gesang) und Halvor Høgh Winsnes (Schlagzeug) als Bandmitglieder beteiligt. Etliche Gäste vervollständigen das runde, von Roar Nilsen ausgewogen produzierte Klangbild.

Das Eröffnungsstück „Lucy“ spiegelt trotz polierter Oberfläche die Verlockungen der dunklen Seite wider, denen es zu widerstehen gilt. Grundlage dafür ist ein langsamer, verträumter, barocker Folk-Pop. Pål Angelskår hält nicht mit der Information hinterm Berg, wer ihn zu seinen Kompositionen angeregt hat. Er verrät im Booklet, dass er „Lucy“ z.B. im geistigen Dialog mit Al Stewart und Pink Floyd verfasst hat. „I've Been Here Before“ baut auf einem geschmeidig fließenden, hochmelodischen West-Coast-Rock auf, der einschmeichelnd und sehnsüchtig um die Gunst des Hörers buhlt. Hier sollen u.a. Ween und die Dire Straits für Inspirationen gesorgt haben. „Can't Think Of A Reason“ klingt nach einem gemäßigten Rich Hopkins, der seinem Hang nachgibt, die epischen und zerrenden Gitarrenlinien von Neil Young & Crazy Horse nachzuvollziehen. Der gleitende Groove des mit kraftvoll dröhnenden und sämigen Gitarren unterlegten Tracks wird in gelöster Stimmung vorgetragen und ähnelt so „The One I Love“ von R.E.M..

Mit „Forgive Me“ folgt ein Kontrastprogramm: Der Titel ist freundlich gestimmt, gibt sich als weiche Ballade aus und wird unter Mithilfe von Marie Munro weinerlich sowie schnulzig-kitschig gesungen. Der mehrstimmige Harmonie-Gesang unterstützt die von Kummer umwölkte Stimmung noch. Hier wird Mitleid anstelle von kraftspendendem Trost ausgedrückt. Auch „Where I Make No Mistakes“ klingt zu brav und selbstverliebt, um wirklich für längere Zeit Aufmerksamkeit zu erregen. Der Soft-Rock „Patricia“ ist hingegen leichtfüßig, beschwingt und unkompliziert. Die zitierten Quellen von Simon And Garfunkel und The Byrds sind gut nachvollziehbar. Die Eigenkomposition „How To Fall“ klingt wie eine Cover-Version eines Tindersticks-Songs. Es fehlt jedoch das verzweifelte Drama, das durch milden Weltschmerz gleichwertig ersetzt wird. Da reicht auch die eingebaute knurrend kreischende E-Gitarre nicht aus, um die bittersüßen, trüben Wolken gänzlich zu vertreiben. Die Musik von der norwegischen Alternative-Rock-Band Madrugada und den Power-Pop-Spezialisten von The Posies soll bei der Entstehung der Komposition auch eine Rolle gespielt haben.

Die wehmütige Stimmung der leisen Piano-Ballade „Traveling Light“ wird manchmal durch Mut machende, stabilisierende Background-Gesänge ausgebremst und ist musikalisch von Neil Young und Stephen Stills sowie lyrisch von Oscar Wilde beeinflusst worden. Das Lied „Napkin Poetry“ vermittelt die lässige Eleganz, die auch der glatte Pop-Rock von „Hotel California“ der Eagles versprüht. Selbst die darauf zu findenden raumgreifenden, schwingend melancholischen Gitarren-Soli werden nachempfunden. Textlich dreht sich der Song um die Wirkung, die The Lemonheads um Evan Dando und Juliana Hatfield im Allgemeinen und ein Konzert der Alternative-Rock-Vorbilder im Speziellen hinterlassen haben. Sie waren unter anderem der Anstoß für Pål Angelskår, mit seiner von ihm so genannten „Napkin Poetry“ zu beginnen. Der Begriff „Servietten Poesie“ soll symbolisieren, dass die Worte sowohl leichtes wie schweres, intuitives und auch nachdenkliches sowie anspruchsvolles Gedankenmaterial beinhalten. „Trust“ hinterlässt in seinem unauffälligen, gleichmütigen Ablauf einen zufriedenen, beinahe erlösten Eindruck. Deshalb könnte der Titel auch als Gospel-Folk durchgehen. Das lieblich angelegte „Another Year“ wird durch salbungsvolle Streicher verstärkt, die zusätzlich für eine seichte, spießig erscheinende Rosamunde Pilcher-Stimmung sorgen. „She'll Be Alright“ ist ruhig, klar, aufgeräumt und unspektakulär. In gewissem Maße repräsentiert der Titel den beschaulich-gutmütigen Kern der Platte.

„Napkin Poetry“ ist beinahe durchgängig angenehm, behaglich und harmonisch. Das ist nett und schön, aber wer Spannung, Abenteuer und Anregung sucht, wird hier nicht zufrieden gestellt. Die gut gemeinte Wohlfühl-Atmosphäre kann auch zur Falle werden, wenn sie viele aufwühlende, unangenehme Gefühlsregungen ausklammert. Das engt das Ausdrucksspektrum und damit die stilistische Bandbreite ein. Das Werk beginnt mit den ersten drei Stücken ausgewogen zwischen gefühlvoll, kultiviert und herausfordernd. Bei anderen Stücken zügelt sich die Band im Ausdruck, wo sie manchmal frei und offen agieren sollte. Gefühle werden schonend eingesetzt, anstatt die unbequeme Wahrheit unumwunden auszudrücken. Rücksichtnahme statt Klartext. Gut gemeint, aber nicht unbedingt zielführend. Harmonie wird so als Selbstzweck verstanden. Manche Songs („Forgive Me“, „Where I Make No Mistakes“, „Another Year“) gleiten dadurch in allzu seichte, leichtgewichtige Bereiche ab, was dem Image der angesehenen Folk-Pop-Institution als geschmackvolle Interpreten nicht gut bekommt.

Minor Majority ist eine routinierte, erfahrene Band, denen die Spontanität bei manchen Stücken etwas abhandengekommen ist. Sie bewegt sich aber trotzdem souverän in einem wohlklingenden Folk-Pop-Bereich, wo sie sich für Hörer etablieren kann, die keine Experimente oder Überraschungen erleben möchten. Die Musiker halten sich da auf, wo perfektes Handwerk, angenehme Stimmen und nachvollziehbare Abläufe wichtig sind. Da überzeugen sie auf der ganzen Linie. Wer seine Vorlieben also bisher z.B. von Barclay James Harvest, Al Stewart, Bread oder America vertreten und befriedigt sah, der kann ohne Anpassungsschwierigkeiten auf Minor Majority umsteigen oder ausweichen.

Anspieltipps:

  • Lucy
  • I've Been Here Before
  • Can't Think Of A Reason
  • Patricia
  • Napkin Poetry

Neue Kritiken im Genre „Folk-Pop“
Diskutiere über „Minor Majority“
comments powered by Disqus