Lonesome Shack - Desert Dreams - Cover
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Lonesome Shack Desert Dreams


  • Label: Alive! Records/H'ART
  • Laufzeit: 35 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Blues für die nächste Generation: Lonesome Shack definieren den traditionellen Stil erfrischend offen und unabhängig.

Lonesome Shack aus Seattle präsentieren widerborstigen, dennoch geschmeidig fließenden, elektrischen und hypnotischen Trance-Blues. Zwar wird dieser Sound eher im Mississippi-Delta oder in Chicago vermutet, aber auch Seattle verfügt über eine beachtlich innovative Blues-Vergangenheit. Schließlich stammt Jimi Hendrix aus dieser Stadt und der Grunge, der so etwas wie die Verbindung aus Blues und Punk darstellt, entstand ebenso dort.

Seit dem Tod von Junior Kimbrough († 1998) und RL Burnside († 2005) ist die Minimal-Boogie-Spielart des Blues etwas in Vergessenheit geraten. Das Trio Lonesome Shack poliert die Erinnerung daran allerdings schon seit 2007 gekonnt und speziell auf. Gitarrist und Frontmann Ben Todd wurde im Jahr 2000 durch die historischen Field-Recordings amerikanischer Volksmusik von Alan Lomax, die er rauf und runter hörte, zum Blues-Fan. Über Phoenix in Arizona gelangte er nach Seattle im Bundesstaat Washington. Bald darauf spielte er zusammen mit Kristian Garrard (Schlagzeug) als Lonesome Shack, benannt nach einem Song von Memphis Minnie aus dem Jahr 1940. 2010 veröffentlichte das Duo dann die ersten zwei Alben und 2011 expandierten sie durch den Bassisten Luke Bergman zum Trio. In dieser Besetzung spielte die Gruppe bisher ein Live-Album („City Man“, 2012) und ein Studio-Werk („Primitive“, 2014) ein.

Mit „Desert Dreams“ gibt es jetzt zehn neue Songs, die im Dandelion-Gold Studio in Seattle aufgenommen wurden. Der Stil der drei Musiker unterscheidet sich von vielen ihrer Genre-Kollegen: Der Blues wird nämlich oft minimalistisch mit Hang zu den sich unermüdlich wiederholenden Rhythmus-Strukturen des Kraut- oder Post-Rock gedeutet. Ben Todd bleibt dabei gesanglich stets überlegt, statt emotional auszuufern und legt großen Wert auf atmosphärisch dichte, tragende und ausdrucksvolle Sounds. Ben betätigt sich also nicht als schweißtreibender Shouter, sondern singt nüchtern, betont und nachdenklich wie ein Country-Folk-Singer-Songwriter, was den Coolness-Faktor enorm erhöht.

Die Musik klebt deshalb nicht sklavisch an der traditionellen Spielweise, sondern wird so aufbereitet, dass sie auch für Menschen interessant wird, die bisher nichts mit Blues anfangen konnten. So wird das Genre für die nächste Generation von Musikhörern interessant gestaltet: Der quengelnde, primitive Psycho-Blues „On The One“ ist druckvoll, giftig und entschlossen, jederzeit auszubrechen. Wozu es aber nur ansatzweise kommt. „Past The Ditch“ lädt als mitreißender, kompromissloser Boogie stur und gradlinig dazu ein, sich zu bewegen. Die geschmeidige Ballade „New Dream“ verbreitet im Anschluss eine angenehme Lässigkeit, was auf einen ausgeglichenen Gemüts-Zustand hindeutet. Im Gegensatz dazu vermitteln Gitarre und Schlagzeug bei „Lonely“ eine mürrische Bissigkeit, wie sie aus Unzufriedenheit entstehen kann. Langsam und gedankenversunken zeigt sich „Only One“. Das Stück erhält dadurch eine ähnlich weltabgewandte Stimmungslage wie „Albatross“ von Peter Green`s Fleetwood Mac.

Das hitzig-nervöse „Too Bad“ wird durch den gedehnten, abgeklärten Gesang in seine Schranken verwiesen. „King Clone“ schlurft gleichförmig dahin, erhält aber manchmal durch die sich auflehnende Gitarre Anschub. Diese belebende Wirkung ist aber nur von kurzer Dauer. Für „No Way Back“ werden sogar Jazz-Grooves in den stoischen Ablauf eingebaut. Wenn Willie Dixon`s „Backdoor Man“ in der schwülen Version von John Hammond`s „Big City Blues“ aus 1964 und das verwirrende „Her Eyes Are A Blue Million Miles“ von Captain Beefheart`s „Clear Spot“ (1972) miteinander gekreuzt werden, dann kann daraus so etwas wie „The City Is A Desert“ entstehen. Der Track „Desert Blues“ lässt dann Erinnerungen an den Glam-Rock von T. Rex („Get It On“) aufflackern.

Das Album bietet 35 kurzweilige Minuten, die für Blues-Verhältnisse ein relativ breites Emotionsspektrum abdecken und deshalb dazu beitragen, den Blues aus seinem Nischendasein und dem eingefahrenen Schema herauszuführen. Lonesome Shack beziehen sich zwar auf die Wurzeln des Blues, interpretieren den Stil aber so offen, dass in erster Linie Kreativität, Spielfreude und Flexibilität im Vordergrund stehen und nicht die Traditionspflege. Dieses Konzept ist wegweisend und bietet noch einige Variationsmöglichkeiten. Lonesome Shack können insofern Trendsetter einer neuen Bewegung werden. Ihnen gehört jedenfalls in dieser Form wahrscheinlich die Zukunft.

Anspieltipps:

  • On The One
  • Past The Ditch
  • Lonely
  • No Way Back
  • The City Is A Desert

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