Deine Cousine - Attacke - Cover
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Deine Cousine Attacke


  • Label: Believe Digital/SOULFOOD
  • Laufzeit: 42 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein erfrischendes Rockalbum vom Hamburger Kiez mit ostfriesischem Background und einem kleinen bisschen Starthilfe von Udo Lindenberg.

Wer sich schon einmal ein wenig mit den wöchentlichen Veröffentlichungsterminen in der Musikbranche auseinandergesetzt hat, wird schnell bemerkt haben, dass dahinter keine Willkür, sondern eine Wissenschaft für sich steht. Die Topstars suchen nach geeigneten Slots, die nicht schon von der unmittelbaren Konkurrenz belegt sind, damit sich die Käufer lediglich auf ein Produkt konzentrieren müssen, während für kleinere Acts bzw. Newcomer gerne Nischentermine gesucht werden, an denen nur wenige Top-Themen das Geschehen bestimmen, um das Interesse der potenziellen Käufer auf diese Weise auf neue Gesichte und frische Musik zu lenken. Denn: Irgendwas muss man an einem VÖ-Freitag ja schließlich kaufen, sonst war die ganze Arbeitswoche sinnlos, sagen die wenigen verblieben Musikjunkies, die tatsächlich noch regelmäßig in Plattenläden pilgern.

Leider führt sich die Plattenindustrie gerne ad absurdum. Dann gilt obige Regel auf einmal nicht mehr. Denn weil am Osterwochenende eh niemand Zeit und Lust hat, um sich neue Musik zu kaufen, werden die anstehenden Veröffentlichungen in großen Mengen um eine Woche verschoben. Das führt dann dazu, dass an Terminen, wie an diesem 26. April 2019 niemand mehr durchblickt, weil einfach viel zu viele Themen auf den Markt geschmissen werden, was wiederum dazu führt, dass nicht nur Newcomer-Veröffentlichungen unbemerkt bleiben. Auch hochgehandelte Topstars gehen in diesem Wust unter und bei den Majors wundert man sich, dass niemand ihre Platten kauft. In diesen Zusammenhang ist es erstaunlich, dass mit „Deine Cousine“ just an diesem Tag ein Indie-Newcomer-Thema in die Läden gewuchtet wird. Wir haben uns dazu entschieden, diesem etwas Aufmerksamkeit entgegen zu bringen.

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Hinter Deine Cousine steht in erster Linie Frontfrau Ina Bredenhorn, aufgewachsen in Ostfriesland in der Nähe der Stadt Jever, da wo das leckere Bier herkommt, aber auch dort, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen. Für eine unbescholtene Kindheit gibt es nichts Besseres. Und doch will man als Kind oder junger Erwachsener irgendwann auch etwas anderes sehen. Bei Ina Bredenhorn kam noch der Drang nach Aufmerksamkeit dazu. Sie wollte auf der Bühne stehen, auffallen. Am besten geht das mit einer eigenen Band, die sie mit 14 Jahren gründet. Aber leben „auf dem Dorf“ heißt auch: Mach die Schule fertig. Lern was Anständiges. Wer braucht schon Abitur.

So dauert es schließlich Jahre, bis Ina Bredenhorn aus ihrem gutbürgerlichen Leben ausbricht, um doch noch mal „richtig“ Bühnenluft zu schnuppern. Das Ziel ist Hamburg, dieser schillernde Monolith im hohen Norden, doch der Weg ist hart. Es gilt sich irgendwie über Wasser zu halten und nebenbei ganz auf die Karte Musik zu setzen. So trifft sie eines Tages auf Udo Lindenberg, der in Hamburg schon vor Jahren seine zweite Heimat gefunden hat. Ina wird Bestandteil von Udos Begleitband und ist auf dem „MTV Unplugged II“-Album (12/2018) zu hören. Einen besseren Türöffner kann es in Rock-Deutschland nicht geben. Jetzt ist der Weg für Ina frei, um alleine durchzustarten.

Ganz alleine hat sie ihr Debütalbum „Attacke“ natürlich nicht aufgenommen. Im Studio halfen ihr u.a. Nando Schäfer und Jonas Böker (Drums), Florian Fleischer, Jakob Nebel, Christian Neander und Daniel Flamm (Gitarren), Konrad Herbolzheimer und Daniel Otte (Bass) sowie Johannes Artzberger und Lisa Müller (Piano). Als Band wird Deine Cousine im CD-Booklet aber ausdrücklich nicht ins Rennen geschickt. Ein Hinderungsgrund, um nicht trotzdem ein mitreißendes Rockalbum abzuliefern, ist das freilich nicht. Und so ist „Attacke“ ein erfrischender Longplayer geworden, der das Genre nicht neu erfindet, aber entwaffnend frei von der Leber los rockt.

Ein zentraler Punkt des Albums sind die ehrlichen Texte, in denen immer auch etwas Autobiografisches mitschwingt („Kiez oder Kinder“, „Scheiß auf Ironie“, „Wenn das Liebe ist“, „Sollbruchstelle“). Diese werden in hymnischen Melody-Punk („Attacke“) und packenden Power-Pop („Küss mich“) verpackt, der zum Glück nur einmal wie Silbermond auf Speed klingt („Aufhören wenns am Schönsten ist“). Damit kommt Deine Cousine gar nicht erst in den Verdacht, sich an erprobte Erfolgsformeln dranzuhängen. Die Wahl-Hamburgerin geht auf „Attacke“ ihren eigenen Weg – und das die meiste Zeit sehr überzeugend.

Anspieltipps:

  • Attacke
  • St. Pauli
  • Unkaputtbar
  • Runaway Girl
  • Freund oder Feind
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