Mark Lanegan - Somebody´s Knocking - Cover
Große Ansicht

Mark Lanegan Somebody´s Knocking


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 57 Minuten
Artikel teilen:
7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

„Somebody’s Knocking“ ist Mark Lanegans Verbeugung vor den Helden seiner Jugend.

Mit der Band-Ausprägung verfolgt Mark Lanegan eine andere Zielrichtung wie als Solo-Künstler oder bei seinen vielfältigen anderen Projekten. Nach „Gargoyle“ (2017), das sein Verhältnis zum dramatischen New Wave nochmal eindrucksvoll dokumentierte, berichtete er jetzt davon, schon lange ein Fan von New Order und Depeche Mode zu sein. Die Mark Lanegan Band frönt auf „Somebody's Knocking“ nun deutlich dem rhythmisch sprudelnden Dark & Gothik-Wave der 1980er Jahre, wobei die Einflüsse dieses Mal im Einzelfall sogar offensichtlich und eindeutig zuzuordnen sind.

Lanegan agiert bei „Disbelief Suspension“ und „Radio Silence“ relativ aufmüpfig und aggressiv, indem er seine natürliche Aggressivität merklich, aber dennoch im Einklang mit der kontrolliert-wütenden Instrumentierung von der Leine lässt. Mark sieht sich da nachvollziehbar in der Tradition von Iggy Pop. Die omnipräsente Rhythmus-Maschine feuert als Brandbeschleuniger schnelle Salven ab und dumpfe Trommeln verkünden nahendes Unheil. Die Gitarren oder Keyboards verbreiten unterdessen stupide, Alarm auslösende Störfeuer. „Letter Never Sent“ wird dann durch einen peitschend-monotonen Takt am Leben gehalten. Der Song hört sich an, als wäre er ursprünglich als Ballade konzipiert gewesen, aber im Nachhinein noch mit Adrenalin versorgt worden.

„Night Flight To Kabul“ besitzt den Coolness-Faktor von New Order-Midtempo-Songs und „Dark Disco Jag“ schlägt grundsätzlich in die gleiche Kerbe, verbreitet aber zusätzlich bizarre Tristesse. Der Sound von The Psychedelic Furs enthielt in den 1980er Jahren neben nebligen Dream-Pop-Keyboard-Schwaden verführerisch einnehmende Pop-Melodien und zupackende Rhythmen. Die rauchig-herbe Stimme von Butler Rep sendete als Krönung dazu vom Leben gegerbte Schwingungen aus. Ganz in dieser Tradition wird für „Gazing From The Shore“, „Name And Number“ und „She Loved You“ eine sehnsüchtige Melodie mit nervös-schillernden Klängen verbunden.

„Stitch It Up“ macht Tempo und präsentiert sich als ein krachender Pop-Wave-Song, dessen Wirkung auf den Alternative-Rock-Tanzboden ähnlich attraktiv wie „Temple Of Love“ der Sisters Of Mercy ist. „Playing Nero“ erscheint als eine Electro-Pop-Ballade, die sonnengebleichte Joy Division-Tristesse vermitteln sollte. Aber ebenso wie beim abschließenden „Two Bells Ringing At Once“ wurde zu viel Zuckerguss und zu wenig Schmiergelpapier verwendet. „Penthouse High“ erinnert aufgrund seiner elektronischen New Wave-Disco-Ausrichtung auch an Pioniere des Genres wie The Human League. Würden „Paper Hat“ und „War Horse“ nicht einen exakt und ausgiebig eingesetzten Schlagzeug-Takt aufweisen, so könnte vermutet werden, die Songs seien ein Überbleibsel aus den Screaming Trees-Grunge-Tagen der „Dust“-Periode von 1996. Jedenfalls weisen sie sowohl Spuren von Blues-Rock- wie auch Singer-Songwriter-Komponenten auf.

Wie wir wissen, hat Intensität in der Musik nicht zwangsläufig etwas mit Lautstärke oder Ego-Trips zu tun. Lanegan sorgt alleine durch seine durchdringende Präsenz mit seinem brummig-sonoren Bariton für Aufmerksamkeit. Seine Begleiter unterstützten ihn dabei bisher effektiv. Aktuell zeigen sich die Instrumente und der Gesang bei der Umsetzung überwiegend gleichwertig, denn die Stimme wird im Mix nicht immer hervorgehoben. Der eigentümliche Sänger ordnet sich meistens ein, wirkt dadurch nicht mehr wie das Auge des Wirbelsturms oder der ruhende Pol, um den sich alles dreht, denn der Sound ist das Ziel. Und der kommt mit breiten Schultern, Muskeln und als Schwergewicht um die Ecke.

Mark Lanegan kann so seine stimmlichen Qualitäten zwar nicht voll ausspielen, zeigt sich aber als Mitglied eines nahezu gleichberechtigten Gefüges, bei dem der elektronisch erzeugte Klanganteil bedeutender geworden ist. Der Künstler vollzieht dabei einen Spagat zwischen Rückgriff auf alte Werte und Wahrung der eigenen, schroffen Individualität. Der gelingt nicht immer ohne Reibungsverluste, wirft den erfahrenen Musiker aber auch nicht aus dem Sattel. Im Gegenteil, das Album weist einige Songs aus, die sich aufgrund ihrer hypnotischen Aufdringlichkeit, rhythmischen Verführung und raubeinigen Eigentümlichkeit als heimliche Hits erweisen.

Anspieltipps:

  • Letter Never Sent
  • Gazing From The Shore
  • Penthouse High
  • Paper Hat
  • She Loved You

Neue Kritiken im Genre „Singer/Songwriter“
8/10

Travelin' Thru 1967-1969: Bootleg Series Vol. 15
  • 2019    
8.5/10

Bloom Innocent
  • 2019    
Diskutiere über „Mark Lanegan“
comments powered by Disqus