Taylor Swift - Lover - Cover
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Taylor Swift Lover


  • Label: Republic/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 62 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Studioalbum Nummer 7 von Taylor Swift - und das Eisen ist nicht nur heiß, es glüht umso stärker.

Im Zeitalter von Social Media und der damit verbundenen Dauerpräsenz von Film- und Popstars mag es heute um einiges leichter sein, Kunst und Menschen zu vermarkten. Doch bei allem Brimborium und Selbstinszenierungen auf Instagram und YouTube (Facebook gilt inzwischen als tot, Twitter befindet sich sogar schon im Verwesungszustand), hat sich an einer Sache nichts geändert. Nämlich daran, wenn man auf den Kern des Ganzen zurückkommt: Die Kunst als solche. Wird hier dauerhaft nur Schrott abgeliefert, ist die schöne Karriere im Eimer. Social Media hin oder her.

Egal, in welche Epoche der Pop- und Rockmusik man schaut. Elvis, die Beatles, ABBA, Michael Jackson, Robbie Williams oder Lady Gaga – für alle gilt bzw. galt: Du brauchst coole Songs, die funktionieren, spektakulär und innovativ sind. Insbesondere die erste Vorabsingle zu einem neuen Album muss knallen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz der Branche, das von Superstars wie Ed Sheeran (28) und Taylor Swift (29) perfekt beherrscht wird, während sich andere wie Rihanna, P!nk, Miley Cyrus, Katy Perry oder auch Beyoncé bemühen, aber schwer ins Hintertreffen geraten sind.

Taylor Swift hat mit „Me!“ wieder einmal so ein Kunststück vollbracht und eine Single auf den Markt geworfen, die förmlich explodiert ist. Auch die zweite Single, „You need to calm down“, verzückte mit frischen, eingängigen Tönen und wie im Fall von „Me!“ mit einem bunt-überdrehten Videoclip, den sich der geneigte Konsument mehrfach ansehen muss, will er alle Details entdecken. Damit war der Boden für „Lover“ bestellt. Das inzwischen siebte Studioalbum der einst als Country-Sängerin gestarteten beendet das Sommerloch 2019 reichlich früh und bläst zu einer neuen Rekordjagd. Denn in Sachen Kommerzialisierung setzt „Lover“ neue, ungeahnte Maßstäbe.

Nachdem schon der „Reputation“-Longplayer (11/2017) in zig verschiedenen Editionen erschienen ist, geht „Lover“ noch einen Schritt weiter. Neben der normalen Ausgabe, ist „Lover“ zusätzlich in fünf (!) Luxus-Ausführungen erhältlich. Als Deluxe Box sowie in vier verschiedenen Buch- bzw. Journal-Versionen, die als verkapptes Tagebuch mit jeweils unterschiedlichen Inhalten daherkommen. Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von zusätzlichen Songs, die den Fan nötigen, alle Ausgaben zu erstehen. Gott sei Dank! Und dennoch: Als Fan könnte man da glatt durchdrehen.

Bei der Auswahl ihrer (Co-)Produzenten beweist Taylor Swift wie immer ein sicheres Händchen und vermeidet das Engagement von Knöpfchendrehern, die inzwischen für ihre ausgelutschten Sounds berüchtigt sind und jeden Künstler gleich klingen lassen. Bei Taylor Swift teilt sich eine überschaubare Riege, bestehend aus Jack Antonoff (Lana Del Rey, Carly Rae Jepsen, St. Vincent), Louis Bell (Selena Gomez, Post Malone, Rita Ora), Mark „Sounwave“ Spears (Timbaland, Kendrick Lamar, Schoolboy Q), Frank Dukes (Camila Cabello, Kanye West, The Weeknd) und Joel Little (Lorde, Ellie Goulding, Shawn Mendes) die Aufgabe unter der Oberaufsicht der 29-Jährigen, die die Zügel fest in der Hand hält.

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Reputation“ war als eine Art Trennungsalbum düsterer ausgefallen. Das zeigen sowohl die Songs, als auch das Cover. „Lover“ ist dagegen in allen belangen farbenfroher und mit dem verhalten-entspannten Opener „I forgot that you existed“ wird gleich zu Beginn die neue Gefühlslage verbreitet: „I forgot that you existed. And I thought that it would kill me, but it didn't. And it was so nice, so peaceful and quiet“. Die Trennung ist also verarbeitet. Die Liebe ist zurück und das Leben geht weiter. Und das gleich mit 18 (!) 3½-Minütern. Damit ist „Lover“ rein quantitativ äußerst üppig ausgefallen. Diese Laufzeit ohne Ausfälle zu füllen, schafft heute kaum noch ein Popstar.

Taylor Swift findet dagegen genau die richtige Mischung, um modern, eingängig und vor allem eigenständig rüberzukommen. So eine eigene Handschrift lassen die meisten Popstars schlicht und ergreifend vermissen. Auf „Lover“ ist jedoch jeder Song als Swift-Song zu erkennen. Dabei ist auffällig, dass die Tracks nicht dauerhaft knallig und bunt wie „Me!“ klingen. Taylor Swift schafft es auch mit reduzierter Instrumentierung große Gefühle zu wecken („The archer“, „Cornelia street“) oder die Tanzfläche freizugeben („I think he knows“, „Paper rings“). Dazu gibt es eine Mini-Prise Elektro-Pop („The man“, „London boy“) und Reise zurück in Taylors Vergangenheit. So ist der Titelsong ein wunderbarer Country-Schmachtfetzen, während „Soon you’ll get better“ zusammen mit den Dixie Chicks Taylors Wurzeln noch eindeutiger aufdeckt.

Mit der gezeigten Leistung dürfte „Lover“ als DAS große Popalbum des Jahres 2019 in die Geschichtsbücher eingehen. Eine echte Konkurrenz ist jedenfalls nicht in Sicht. Und es ist schwer vorstellbar, dass irgendein etablierter Star in den folgenden vier Monaten noch eine ähnlich souveräne Platte abliefert. Oder, um es mit Taylor Swift zu sagen: „I promise that you'll never find another like me!“.

Anspieltipps:

  • Me!
  • Lover
  • The man
  • Daylight
  • Paper rings
  • Cruel summer
  • You need to calm down
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