Sail By Summer - Casual Heaven - Cover
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Sail By Summer Casual Heaven


  • Label: HQ Records/H'ART
  • Laufzeit: 32 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
2.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Beschwingte Melancholie prägt den Pop des skandinavischen Projektes Sail By Summer.

Die Natur und das Wetter beeinflussen die Psyche des Menschen weitreichend und bestimmen in ihrer spezifischen Ausprägung die skandinavische Lebensart. Vielleicht finden sich deshalb in der Musik von Sail By Summer auch Sequenzen, die unendlich scheinende Weiten und den Wunsch nach klaren, harmonischen Strukturen abbilden. Sail By Summer ist ein Duo, das wie eine ganze Band klingt. Sänger William Hut aus Norwegen war Mitglied der 1994 gegründeten, leidvoll gestimmten Indie-Rock-Gruppe Poor Rich Ones („Drown“) und verfolgte seit 2001 eine Solo-Karriere, die bisher sieben Alben hervorbrachte. Seine helle, traurig-wehklagende oder tröstend-mitfühlende Stimme bildet im Sound-Spektrum das emotionale Epizentrum. Keyboarder Jens Kristian aus Dänemark ahmt mit seinem elektronischen Equipment manchmal analoge Instrumente täuschend echt nach und hüllt die Ton-Gebilde in einen harmonisch-wohlklingenden Klang-Kokon ein. Die beiden Musiker werden auf „Casual Heaven“ vom Schlagzeuger Kim Åge Furuhaug begleitet, dessen Takte sich einerseits natürlich, andererseits auch künstlich erzeugt anhören.

Sail By Summer agiert an der Schnittstelle zwischen Pop und Rock, wobei der Rock & Roll-Anteil nicht dreckig-ungestüm ausgelebt wird, sondern handfest, aber nicht ausufernd-wild ausfällt. Der Synthesizer schmückt die Räume dekorativ aus, mischt sich kraftvoll in die Taktgebung ein und sorgt für auflockernde, instrumentale Zwischenspiele, ohne dabei kitschig oder steril zu klingen. „Fetch You Roses“ enthält zum Beispiel Klänge, die an klirrende Kälte und schmelzendes Eis denken lassen. Auch einsame Winterabende und Erinnerungen an lange, meditativ wirkende Strandspaziergänge können vor dem geistigen Auge entstehen. Bei „Facing Dullness“ lassen die Musiker vermuten, dass Elbow als Inspiration wichtig war. Der charmante Song streift eleganten Art-Pop genauso wie moderaten Progressive-Rock, bleibt dabei aber stets geschmeidig und leicht. Da das Booklet nichts anderes verrät, wird selbst die lebendig hüpfende und lustvoll zerrende E-Gitarre wohl auch aus dem Tastenarsenal von Jens Christian stammen.

„The Overcast“ gibt die Sicht auf seinen gefälligen Kern wegen der zackig-hastigen Rock-Fassade nur schemenhaft frei und „Corner Kid“ packt den Schmalz der Pet Shop Boys mit der New Wave-Sensibilität der Psychedelic Furs zusammen. Das auf wiederkehrende Muster aufgebaute „Low Tide Exit“ beginnt entspannt-gelöst und mündet in einen befreienden Ton-Schwall, der von lauten Gitarren- und Schlagzeug-Klängen bestimmt wird. „Lowlowlow“ suggeriert Karibik-Flair, ohne dabei die dort beheimateten Rhythmen offenkundig zu nutzen. Aber die Schwingungen, die hier erzeugt werden, sind ähnlich lässig und dabei Groove-betont.

„Invisible“ präsentiert sich als schwelgende Synthesizer-Pop-Nummer mit straffen Beats, während sich die graue, zurückhaltene Ballade „Lower Your Voice“ wie ein Wiegenlied anschmiegt. Das Stück versucht, durch häufige Wiederholungen des Refrains Eindringlichkeit zu vermitteln, was aufgrund von Übertreibung jedoch misslingt. „I Can't Rely On My Memories“ ist ein instrumentaler Abschluss, der auf klare, flirrende Töne setzt, die in ätherische Sphären katapultiert werden.

Die Musik auf „Casual Heaven“ ist gefällig, bewegt sich aber nicht in ausgetretenen Pfaden. Mehr als die Hälfte der Tracks entwickeln sich schnell zum Ohrwurm. Den Stücken fehlt allerdings jegliche experimentelle Komponente, so dass große Überraschungen bei der Gestaltung ausbleiben. Die Qualität der Songs liegt in ihrer Ausgewogenheit. Sie tragen sommerliche Leichtigkeit in sich, sind sich aber der raschen Vergänglichkeit dieses wohligen Gefühls bewusst. Deswegen schwingt auch immer eine gewisse bedrückende Melancholie mit. Die Platte lässt sich mit ihren überwiegend melodisch attraktiven Songs, die in der Sonne glitzern, aber auch Schatten werfen, angenehm durchhören. Schade ist, dass sie mit ihren 32 Minuten Laufzeit recht knapp bemessen ist.

Anspieltipps:

  • Facing Dullness
  • Corner Kid
  • Low Tide Exit
  • LowLowLow
  • Invisible

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