Wilco - Ode To Joy - Cover
Große Ansicht

Wilco Ode To Joy


  • Label: Nonesuch/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Wilco präsentieren mit „Ode To Joy“ ihr Paradoxie-Album, das vor hymnischen Tönen strotzt, die scheinbar hoffnungslose Geschichten erzählen.

Das beste Wilco-Album seit Jahren, liest sich der Tenor auf einschlägigen Musik-Seiten. Dass diese Aussage zum elften Album einem musikalischen Murmeltier gleicht, ist glücklicherweise weniger Treppenwitz als Lob. Wilco spielen seit einem Vierteljahrhundert Zeit entrückt Musik und sind wahrscheinlich gerade deswegen zeitlos geblieben. Wilco verwöhnen ihre Fans ein paar Jahre mit Grammy versehenen Experimenten in „A Ghost Is Born“, perfektionieren dann den Rock der vergangenen Jahrzehnte von „Sky Blue Sky“ bis „The Whole Love“, sodass jedes neue Album vergessen lässt, wie oft das vorige Album die Ohren beglückte.

In der jüngeren Vergangenheit wirkte Wilcos Treiben beinahe so, als würde Band-Kern Jeff Tweedy mit Absicht verschrobene Songs schreiben, um Unterschiede aufrecht zu halten. Einen Weg zu finden, dass Hörer die eigenen Werke nach 25 Jahren nicht satt haben, sei schließlich die verdammte Pflicht eines Künstlers, so Tweedy im Vorfeld zu „Ode To Joy“. Auf eben diesem „Ode To Joy“ erlauben sich Wilco wieder geradlinige und angenehm fokussierte Titel, die das Schicksal vieler Wilco-Lieder teilen werden: sie werden Teil des Hörer-Alltags und Normalität. Es wird an den Hörern liegen sich zu erinnern, dass diese Songs besonders sind, weil sie sich schnell wie eine zweite Haut anfühlen.

Bild

Wilco eröffnen „Ode To Joy“ gewohnt vertrackt. Schleppende Gitarren und Drums, die von klimpernden Klavieren und Saiten begleitet werden, führen auf verwirrende Weise warm in „Bright Leaves“ ein. Konfusion bleibt das Stichwort für ein Album, das mit einem warmen, einladenden Klang aufgenommen wurde. „Love Is Everywhere (Beware)“ und „White Wooden Cross“ jauchzen dem Album-Titel entsprechend geradezu, während Tweedy davon singt, dass hinter der Liebe im eigenen Umfeld doch noch andere Ansichten lauern, die die Liebe doch nicht erobern kann und wie er mit dem hypothetischen Tod eines geliebten Menschen umgehen würde. Die „Ode To Joy“ wandelt zwischen dem Glauben ans Gute und den beängstigenden Abgründen, deren Tiefpunkte wir nicht auszumachen vermögen.

Wer sich auf das Zusammenspiel der Band, das große Ganze, konzentriert, wird aber hoffentlich erleben, dass in der Wärme der „Ode To Joy“ eine unnachgiebige Hoffnung ruht. Wilco spielen bittersüß, sodass die Unsicherheit eines „One And A Half Stars“ ein gleichzeitiges Lächeln erzeugen kann, wenn die Hörer sich nicht verschließen. Mit dem Chorus aus „Before Us“ und den traumhaften Gitarrensoli in „Hold Me Anyway“ gestatten Wilco ihren introvertierten Hymnen sogar Hitpotenzial. Doch „Ode To Joy“ wird seine Hörer nicht durch Hits gewinnen, sondern sich wie nahezu jedes Album der Band zum Teil des Lebens entwickeln. Dass das Album gleichzeitig einem Nach-Hause-Kommen und einem Ansporn, das Haus zu verlassen, gleicht, passt zur Paradoxie der „Ode To Joy“. Das Leben ist nicht leicht und erst recht nicht zu verstehen. Das wissen Wilco und lassen Hörer auf erfreulich bedachte Art daran teilhaben.

Anspieltipps:

  • Hold Me Anyway
  • Before Us
  • One And A Half Star
  • Credit Header-Bild: Anton Coene

Neue Kritiken im Genre „Country-Pop“
6/10

The Sun Will Come Up, The Seasons Will Change
  • 2019    
7/10

Schmilco
  • 2016    
Diskutiere über „Wilco“
comments powered by Disqus