Robbie Robertson - Sinematic - Cover
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Robbie Robertson Sinematic


  • Label: Concord/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 58 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Altersweise und kreativ: Robbie Robertson präsentiert reife Kompositionen, die ihn eigenständig und nicht als The Band-Nachlassverwalter zeigen.

Robbie Robertson musste seine Karriere am 25. November 1976 neu ausrichten. An diesem Thanksgiving-Tag fand nämlich das Abschiedskonzert von The Band in der Winterland Arena in San Francisco unter Mitwirkung von jeder Menge Prominenz wie Bob Dylan, Neil Young, Van Morrison und Joni Mitchell statt. Unter dem Namen „The Last Waltz“ wurde das Ereignis dann 1978 als Film und Tonkonserve veröffentlicht. Dieses Konzert besiegelte die öffentliche Zusammenarbeit zwischen Robertson (Gesang, Gitarre, Piano), Rick Danko (Gesang, Bass, Geige), Richard Manuel (Gesang, Schlagzeug, Keyboards) und Multiinstrumentalist Garth Hudson.

Das Quartett stand bereits von 1958 bis 1964 als The Hawks in Diensten des kanadischen Rock & Rollers Ronnie Hawkins. Danach wurde Bob Dylan auf die Musiker aufmerksam und engagierte sie ab 1965 als Begleit-Gruppe für seine Welttournee, auf der sie sich Pfiffe und wütende Beschimpfungen gefallen lassen mussten. Viele Dylan-Fans konnten sich nämlich nicht mit den auf Geheiß ihres Chefs elektrisch und laut auftretenden Begleitern anfreunden. Dylan wusste jedoch die vielfältigen Qualitäten der Americana-Pioniere zu schätzen und heuerte sie immer wieder unter dem neuen Namen The Band als Verstärkung an. 1968 brachten die vielseitigen Musiker mit „Music From Big Pink“ ihr erstes eigenes Album heraus, das zu Recht als Klassiker gilt. Es folgten 1969 das nicht weniger spektakuläre „The Band“ und bis 1977 sechs weitere Alben.

Nach dem Ende der Originalbesetzung von The Band, das mit der Veröffentlichung von „Islands“ (1977) gekommen war, hörte man drei Jahre lang nichts von Robbie Robertson. 1980 beteiligte er sich dann als Komponist und Schauspieler an „Carny“, einer Regie-Arbeit von Martin Scorsese, der auch schon für die Realisierung des „The Last Waltz“-Konzertfilms zuständig war. Aus der Freundschaft zwischen Scorsese und Robertson resultierten in den Folgejahren einige weitere Soundtracks (z.B. für „The King Of Comedy“ oder „The Color Of Money“). 1987 erschien dann das erste Solo-Album des Kanadiers und 1991 folgte mit „Storyville“ ein weiteres Song-orientiertes Art-Pop-Werk. Als Sohn einer Mohawk-Indianerin fühlte sich Robbie auch stets den Ureinwohnern der USA verbunden und veröffentlichte 1994 zusammen mit dem Red Road Ensemble das von der Musik der Indianer beeinflusste „Music For The Native Americans“. Vier Jahre später experimentierte der ex-The Band-Gitarrist mit elektronischer Dance-Music und Ambient-Klängen auf „Contact From The Underworld Of Red Boy“. 2011 erschien „How To Become Clairvoyant“ und wurde zusammen mit hochrangigen Gästen wie Eric Clapton und Steve Winwood aufgenommen. Das 2016 herausgebrachte „Testimony“ bot einen Karriereüberblick und flankierte die gleichlautenden Memoiren.

„Sinematic“ ist nach einigen Soundtrack-Arbeiten wieder ein Lieder-Zyklus mit neuen Kompositionen, der sich inhaltlich um die Abgründe der menschlichen Natur dreht. Eine wichtige Inspirationsquelle hierfür war wiederum eine Auftragsarbeit für Martin Scorsese: Der Film „The Irishman“ (mit Robert De Niro und Al Pacino), für den der heute 76jährige die Musik geschrieben hat, basiert nämlich auf der wahren Geschichte des Mafia-Killers Frank Sheeran. Der soll auch für das immer noch nicht aufgeklärte Verschwinden des Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa im Jahr 1975 verantwortlich gewesen sein. Gleichzeitig beschäftigte sich der kanadische Musiker mit der Fertigstellung der Dokumentation „Once Were Brothers: Robbie Robertson And The Band“, die am 5. September auf dem 44. Toronto Film Festival vorgestellt wurde.

Der Opener „I Hear You Paint Houses“ bezieht sich direkt auf das Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, das die Vorlage zum Scorsese-Streifen lieferte. Robbie singt hier mit raspelnd rauer Stimme, die von charaktervoller, brüchiger Patina belegt ist. Als Gast unterstützt ihn Van Morrison, der sein voluminöses Rhythm & Blues-Organ jugendlich und kraftvoll erschallen lässt. Der Titel groovt hinterlistig und scharf und schafft so die perfekte Kulisse für die gegensätzlichen Stimmen. In „Once Were Brothers“, das auch in der The Band-Doku ertönt, bedauert Robertson das Zerwürfnis mit seinen ex-Kollegen, von denen heute nur noch Garth Hudson lebt. Auch hier kehrt er musikalisch nicht zu seinen originalen Americana-Wurzeln zurück, sondern präsentiert eine Adult-Pop-Ballade, die sich eher am Great American Songbook orientiert. Auch „Dead End Kid“ ist stilistisch nicht eindeutig zuzuordnen, erinnert aber in seiner Strenge und Opulenz an den Art-Pop von Peter Gabriel. „Hardwired“ verbreitet danach einen schleifenden, geheimnisvollen Hypno-Voodoo-Groove, dessen gewollte Brüche die Spannung noch steigern.

Für „Walk In Beauty Way“ gibt es Gesangsergänzungen von Laura Satterfield. Diese laszive Komponente hört sich allerdings aufgesetzt, künstlich und übertrieben an. Die erhoffte prickelnd-erotische Wirkung verkehrt sich ins Gegenteil und hinterlässt einen billigen und abgedroschenen Eindruck. Das markige Blues-Eingangs-Riff von „Let Love Reign“, das von Dale Hawkins` „Susie Q“ beeinflusst ist, wird zügig in einen teilweise ergriffenen und zeitweise cool swingenden Soul-Pop übergeleitet, der sich geschmeidig und zugänglich verhält. Glen Hansard sorgt - wie auch schon bei „Dead End Kid“ - für energische Gesangs-Einwürfe und Robbie hört sich hier manchmal wie Nils Lofgren an. Thematisch zeigt sich der Song von John Lennon beeinflusst: „Einige Leute denken, John Lennons Traum von Liebe und Zusammengehörigkeit ging in Flammen auf. Ich denke das ist falsch. Er gilt ewig. “, wird der Musiker dazu zitiert.

Beim finster und undurchsichtig erscheinenden „Shanghai Blues“ stand tatsächlich der Blues-Pate, ohne dass dabei traditionelle Muster aufgebaut wurden. Robertson lässt bisweilen einen geheimnisvollen, weise wirkenden, suggestiven Sprechgesang ertönen, wie ihn auch Leonard Cohen auf seinem letzten Werk „You Want It Darker“ (2016) eingesetzt hat. Beim instrumentalen „Wandering Souls“ wird die hitzige Wirkung einer schwirrenden Resonator-Gitarre prominent herausgestellt, was an die Produktions- und Arrangiertechnik von Daniel Lanois (Bob Dylan, U2) erinnert. Der sanft wiegende Pop-Song „Street Serenade“ ist um Ausgewogenheit bemüht, während das stoische „The Shadow“ mit aggressiven Elektronik- und Gitarren-Sequenzen provoziert. Düster und brachial geht „Beautiful Madness“ vor: Mächtige Drums bahnen sich ihren Weg durch ein Geflecht von schwebenden Tönen, zerrenden Gitarren und verfremdeten Hintergrund-Stimmen. „Praying For Rain“ verbindet die rhythmische Aura indianischer Folklore mit der Melodik anglo-amerikanischer Pop-Musik und „Remembrance“ klingt wie die Musik zum Abspann eines Hollywood-Blockbusters: Tragik, Dramatik, Hoffnung und Ungewissheit schwingen in den Klängen mit.

Robbie Robertson legt seine überzeugendste Arbeit seit „Storyville“ (1991) vor und verblüfft durch eine vielfältige stilistische Ausrichtung, die ihn offenkundig meist abseits von seinen Americana-Wurzeln zeigt, auch wenn diese als Basis zu erahnen sind. Er scheint endgültig dort angekommen zu sein, wo er als Solist hin wollte. Die Arrangements sind durchdacht, decken eher graue und morbide Seiten ab und können meistens durch Souveränität und Kreativität überzeugen. Robbie bildet quasi die dunkle Seite der Macht ab und schaut dabei in Abgründe, ohne von ihnen vereinnahmt zu werden. Durch seine Soundtrack-Projekte hat er gelernt, Tönen eine bildhafte Bedeutung zu verleihen. Dadurch erhalten manche Kompositionen beinahe körperliche Umrisse. „Sinematic“ ist ein reifes Alterswerk, das nur ganz wenig Sentimentalität und gar keine aufgewärmte Vergangenheitsbewältigung enthält.

Anspieltipps:

  • Hear You Paint Houses
  • Hardwired
  • Dead End Kid
  • Let Love Reign
  • Shanghai Blues

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