Böhse Onkelz - Böhse Onkelz - Cover
Große Ansicht

Böhse Onkelz Böhse Onkelz


  • Label: Matapaloz/TONPOOL
  • Laufzeit: 55 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Jahr 2020 bedeutet vier Dekaden Böhse Onkelz. Gefeiert wird mit dem 17. Studioalbum, das den überambitionierten Vorgänger „Memento“ nachträglich als Dünnpfiff entlarvt.

Obwohl die Böhsen Onkelz in der Zeit von 2005 bis 2014 offiziell nicht existierten, kam die kommerzielle Maschinerie der vier Frankfurter, die sich in dieser Phase mit Solo-Projekten verwirklichten, nie ins Stocken. Einen besseren Indikator, was das Publikum will, kann es kaum geben und so überwanden sich Kevin Russell (Gesang), Matthias Röhr (Gitarre), Stephan Weidner (Bass, Gesang) und Peter Schorowsky (Drums) im Sommer 2014 zu riesengroß angelegten Comeback-Konzerten, die den Hessen die Kasse wieder vollmachte und den Antrieb für neue Studio-Sessions gaben.

Im September 2015 gab es mit der EP „Wir bleiben“ einen ersten Appetizer, dem ein Jahr später das Album „Memento“ (10/2016) folgte. Aufgenommen in Nashville, Ibiza sowie Frankfurt und betreut von der Produzent-Legende Michael Wagener (71), war „Memento“ ein überwiegend düsteres Konzeptwerk, das die Onkelz als gereifte und versierte Musiker zeigen sollte, dabei aber vergaß, was die Fans nach mehr als einer Dekade Fastenzeit von ihren Helden hören wollten. Mit einigen Jahren Abstand scheint dies auch das Kreativgespann Weidner/Röhr gemerkt zu haben. Denn der ausgeprägte Konzeptcharakter wird – zumindest musikalisch – zugunsten eines traditionelleren Sounds wieder zurückgedreht. Inhaltlich hingegen lassen fahren die Böhsen Onkelz auf ihrem ersten selbstbetitelten Album einen ausschweifenden Rückblick auf und feiern damit ihr 40-jähriges Jubiläum.

Bild

Das letzte Mal, dass sich die Onkelz auf dem Cover eines Studioalbums im Gruppenbild zeigten, war vor 18 Jahren auf „Dopamin“ (04/2002). Das verstärkt noch einmal den retrospektiven Ansatz des Longplayers, den sich der Fan natürlich die Deluxe Edition gönnt, die allerdings nur durch dicke Pappe einen Mehrwert suggeriert. Mehr Inhalt für mehr Geld gibt es nicht! Dafür holte man Schauspieler Ben Becker (55) als Sprecher des Intros, um den geneigten Hörer in nostalgische Stimmung zu bringen, die in den Texten allgegenwärtig ist. Bei aller Sehnsucht nach alten Zeiten darf aber nicht vergessen werden, dass die Onkelz 2020 nicht mehr die Onkelz aus den 80er Jahren sind.

Ihr Sound ist deutlich gemäßigter und nicht mehr so räudig wie früher. Insbesondere wird dabei deutlich, dass die Gitarrenarbeit von Gonzo Röhr stärker in den Fokus tritt und dadurch mehr Hard- als Punkrock das Geschehen bestimmt. Der früher fast schon lächerlich in den Vordergrund gemischte Bass tritt zurück ins Glied, was der Sache unheimlich dienlich ist. Aus diesem neuen Selbstverständnis resultieren edle Breitwand-Balladen („Wie aus der Sage“, „Wer schön sein will muss lachen“) und musikalisch ausgefeilte Rocksongs („Du hasst mich! Ich mag das!“, „Der Hund den keiner will“), die den Anhängern simpler Auf-die-Fresse-Hymnen suspekt vorkommen dürften.

In der Tat mag „Böhse Onkelz“ an vielen Stellen zu lethargisch und nicht dreckig genug zu sein. Diese Weiterentwicklung macht aber im Vergleich zu „Memento“ deutlich mehr Sinn. Scheinbar sind die Onkelz an einem Punkt angelangt, an dem sie schmissige Tracks wie „Kuchen und Bier“ oder auch „Des Bruders Hüter“ nicht mehr im Dutzend aus dem Ärmel schütteln können oder wollen. Das haben sie in 40 Jahren auch zur Genüge getan, was nicht bedeutet, dass ihnen nicht auch heuer Hymnen wie „Ein Hoch auf die Toten“ und „Saufen ist wie weinen“ gelungen sind. Diese erstrecken sich auf die erste Hälfte des Longplayers, der im zweiten Teil etwas Fahrt rausnimmt und düsterer, verspielter und erwachsener wirkt.

Diese Facette der Onkelz sollte sich der Hörer ruhig gönnen und dabei nicht den Fehler machen und Anspruch mit Langeweile verwechseln. Dann ergibt „Böhse Onkelz“ ein rundes Bild. Ungelogen! Denn: „Die meisten Menschen auf der Welt glauben nicht die Wahrheit, sondern lieber das, von dem sie wünschten, dass es die Wahrheit wäre“.

Anspieltipps:

  • Flügel für dich
  • Kuchen und Bier
  • Wie aus der Sage
  • Du hasst mich! Ich mag das!
  • Die Erinnerung tanzt in meinem Kopf
Neue Kritiken im Genre „Rock“
Diskutiere über „Böhse Onkelz“
comments powered by Disqus