Bon Jovi - 2020 - Cover
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Bon Jovi 2020


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 48 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
8.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Jon Bon Jovi rüttelt die Menschen in der Coronakrise wach und gibt ihnen Mut: „When you can't do what you do, you do what you can. This ain't my prayer, it's just a thought I'm wanting to send".

Im Prinzip war das neue Bon-Jovi-Album bereits im ersten Quartal dieses Jahres so gut wie fertiggestellt und sollte am 15. Mai 2020 auf den Markt kommen. Die nächste Tournee war gebucht und hätte am 10. Juni beginnen sollen. Doch dann kam alles anders. Ein fieser Virus setzte sich Anfang 2020 von China aus um die ganze Welt in Bewegung und versetzte den Globus in einen kollektiven Lockdown, sodass auch das Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen namens Bon Jovi die Reißleine ziehen und die meisten Aktivitäten auf Eis legen musste. Allerdings erkannten viele Künstler und Musiker bald, dass in dem zwangsverordneten Lockdown eine große Möglichkeit steckte, um all das zu verarbeiten, was gerade auf der Welt passiert.

Unzählige Corona-Sessions wurden in den sozialen Medien ins Leben gerufen und auch Jon Bon Bovi (58) erkannte seine Chance: „Ich bin ein Zeitzeuge. Ich glaube, das größte Geschenk eines Künstlers ist die Fähigkeit, seine Stimme zu benutzen, um über Themen zu sprechen, die uns bewegen“. Und weil nicht nur Corona, sondern auch die schlimmen Ereignisse um den Tod von George Floyds mit den darauffolgenden Unruhen mitten im Präsidentschaftswahljahr in den USA passierten, wurde das 15. Bon-Jovi-Werk noch einmal angepasst. Zwar war die inhaltliche Ausrichtung einiger Stücke wie schon auf dem „This House Is Not For Sale“-Album (11/2016) von politischen Themen geprägt, doch nun musste nachgeschärft werden.

Auf diese Weise entstanden die Tracks „American reckoning“ über Themen wie Rassismus, Polizeigewalt und Black Lives Matter sowie die Aufbruchshymne „Do what you can“, wobei insbesondere letzterer eine besondere Entstehungsgeschichte aufweist. Während der Quarantäne bastelte Jon Bon Bovi aus der Zeile „If you can't do what you do, do what you can“ eine Melodie und rief die Fans über YouTube und Instagram dazu auf, ihre Strophen zu dem Song beizusteuern, der im Laufe der Zeit von einer Solo-Akustik-Nummer zu einer (etwas unnötigen) Country-Rock-Nummer wurde. Die darin vermittelte Botschaft ist dennoch großartig!

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In „Lower the flag“ geht Jon Bon Jovi auf die 2019er Amokläufe in Ohio und Texas ein, während „Blood in the water“ von den Flüchtlingskrisen in Europa und an der mexikanischen Grenze handelt. Keine Frage: Politischer war diese „Band“ noch nie. Und diese Einstellung geht durchaus so weiter. Zwar gibt es mit „Story of love“, „Let it rain“, „Beautiful drug“ und „Brothers in arms“ auch wieder jede Menge des gewohnten Mainstream- und Balladen-Bombasts, doch zum Ende liefern Bon Jovi mit „Unbroken“ (inklusive eines dezenten „Freude schöner Götterfunken“-Zitats in der Hookline) noch ein Statement ab, das Amerika aus der Seele spricht. Auch dieser Song hat eine öffentliche stilistische Entwicklung durchgemacht und befasst sich mit dem Schicksal traumatisierter US-Kriegsveteranen.

In diesem Kontext fiel die zusammen mit Billy Falcon und John Shanks geschriebene 08/15-Singleauskopplung „Limitless“ (02/2020) doch einigermaßen ideenlos aus und ließ Schlimmes erahnen. Denn mehr als belangloser Radiorock ist „Limitless“ gewiss nicht. Und auch um die von der Urversion gestrichenen Balladen „Luv can“ und „Shine“ muss der geneigte Hörer nicht bange sein. Als netter Durchschnitt, der aber nicht wehtut und Phil X als Gitarristen gut in Szene setzt, gehen dagegen „Beautiful drug“ und „Let it rain“ durch. Selbst die Ballade „Story of love“ ist mit ein paar überraschenden Kniffen gesegnet und im Stil von „Bed of roses“ so herrlich kitschig, dass sie schon wieder gut ist. Somit bekommt der Hörer am Ende wieder ein klassisches Bon-Jovi-Album auf der Grundlage geliefert, was Jon Bon Jovi ohne Richie Sambora in der Lage ist abzuliefern.

Das ist am Ende ein inhaltlich sehr reifes Werk, das sich auch musikalisch erwachsener und nicht so beliebig und gewollt auf Hit getrimmt zeigt, auch wenn Bon Jovi freilich nie so ganz ohne große Gesten auskommen. So sind bei „Blood in the water“ zwar ein paar Harmonien aus den eigenen Geschichtsbüchern entwendet wurden (Stichwort: „Dry county“), doch das Stück steht ganz in der Tradition früher Bon-Jovi-Longtracks und zählt zu den besten Kompositionen, die Jon Bon Bovi in den vergangenen zehn Jahren abgeliefert hat. Ein Zeichen der Einsicht? Vielleicht! Denn in Zeiten der Quarantäne hat sich Jon Bon Jovi kritisch mit den bisherigen Alben seiner Band auseinandergesetzt und sympathisch attestiert, dass in all den Jahren nicht alles Gold war, was da vermeintlich glänzte. Wie recht er doch hat…

Anspieltipps:

  • Unbroken
  • Let it rain
  • Story of love
  • Do what you can
  • Blood in the water
  • American reckoning
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