Bruce Springsteen - Letter To You - Cover
Große Ansicht

Bruce Springsteen Letter To You


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 68 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die alte Bruderschaft namens E Street Band ist wiedervereint, um der Welt den Corona-Blues von der Seele zu blasen.

Als Bruce Springsteen (71) in den vergangenen zwei Jahren zuerst mit einem Theater-Projekt („Springsteen On Broadway“, 12/2018) und dann mit einem ruhigen Singer/Songwriter-Album („Western Stars“, 06/2019) um die Ecke kam, schwanden die Hoffnungen immer mehr, dass der Boss auf seine alten Tage noch einmal ein Rock-Album heraushauen würde. Dabei wäre es genau jetzt an der Zeit, dass der 71-Jährige noch einmal die Kraft seiner Songs wirken lässt, um den grassierenden Corona-Irrsinn wenigstens für die Dauer eines Albums vergessen zu machen. So wie damals mit „The Rising“ (07/2002), als Springsteen nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Arlington vom 11. September 2001 einem am Boden liegenden Volk wieder Mut gab und es mit seiner Musik wachrüttelte.

Und siehe da: Auf den Boss ist Verlass! Nach sechs Jahren scharrte Bruce Springsteen endlich wieder seine legendäre E Street Band um sich (Roy Bittan, Nils Lofgren, Patti Scialfa, Garry Tallent, Stevie Van Zandt, Max Weinberg, Charlie Giordano, Jake Clemons) und spielte seinen 20. Studio-Longplayer „Letter To You“ ein, der fast schon spontan und unbehandelt von der Leber rockt, wie Springsteen konstatiert: „Ich liebe die Emotionalität von ‚Letter To You‘ und ich liebe den Sound der E Street Band, die komplett live spielt, so wie wir es noch nie zuvor gemacht haben, ganz ohne Overdubs. Wir haben das Album in nur fünf Tagen gemacht und es stellte sich als eines der größten Aufnahmeerlebnisse heraus, die ich je hatte“.

Bild

Mit neun neuen Songs und drei unveröffentlichten Kompositionen aus den 70er Jahren („Janey needs a shooter”, „If I was the priest” und „Song for orphans“) meldet sich die aktuelle Formation der E Street Band lautstark und angenehm roh zu Wort, auch wenn der Einstieg mit „One minute you’re here“ noch sehr verhalten und bedächtig ausfällt und naturbedingt nicht mehr der heftige Punch der späten 80er Jahre vorhanden ist. So ist das Tempo immer schön geschmeidig und groovy und der Sound ganz im Stil der Springsteen-Alben der späten 70er Jahre. Da darf der geneigte Hörer gerne ein paar Tränen der Freude verdrücken, wenn in Songs wie „Janey needs a shooter“ und „The power of prayer“ inbrünstig auf der Harfe und ins Saxofon geblasen wird.

Wohl dem, der Jahrzehnte alte Songs aus der Schublade ziehen kann, die eine Qualität besitzen, dass damit auch heute noch ein gutes Rockalbum zu einem außergewöhnlich guten aufgewertet wird. So präsentiert sich „Letter To You“ wie aus einem Guss und zugleich wie ein musikalischer Gruß aus längst vergangenen Zeiten. Trotzdem ist dieser Longplayer ein Statement für das Hier und Jetzt und nach einer ausufernden 500-Seiten-Autobiografie, Broadway-Shows und altersmilden Singer/Songwriter-Alben eine Erlösung. Denn auch wenn Springsteen in seinen Texten keinen direkten Bezug zur aktuellen Lage der Welt nimmt (das Werk wurde bereits im November 2019 fertiggestellt), so sind seine Songs doch eine Art Stimme für das Volk und ein Festmahl für die Fans.

Springsteens Texte handeln noch immer von dieser ihm eigenen, schwärmerischen Welt zwischen Arbeiterklassenromantik, Kindheitserinnerungen und großen Gefühlen, die vom Sound des Rock’n’Roll geleitet und letztendlich gerettet werden. Diese Themen werden eingebettet in satte Saxofon-, Orgel-, Glockenspiel- und Gitarrenklänge, die dem Hörer vertraut, aber auch neu sind, weil Bruce Springsteen es schafft, nicht wie eine schale Kopie seiner selbst zu klingen und dabei noch immer die Kraft besitzt, den Hörer zu berühren.

Anspieltipps:

  • Song for orphans
  • If I was the priest
  • The power of prayer
  • Janey needs a shooter
  • I’ll see you in my dreams
  • Credit Header-Bild: Rob DeMartin

Neue Kritiken im Genre „Rock“
4.5/10

Na Gut Dann Nicht
  • 2020    
7/10

Alles Fliesst
  • 2020    
Diskutiere über „Bruce Springsteen“
comments powered by Disqus