Ina Müller - 55 - Cover
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Ina Müller 55


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein atmosphärisch dichtes Album mit einer erfreulich hohe Ausbeute an hochkarätigen Songs, an denen die Hörer lange Freude haben werden.

Was war das für ein trauriger Anblick, als Ina Müller zum Auftakt der 16. Staffel ihrer Kult-Talkshow „Inas Nacht“ im Schellfischposten am Hamburger Hafen ohne ihr Kneipen-Publikum und ohne ihren Shanty-Chor „De Tampentrekker“ auskommen und am Tresen mit ihren Gästen auf Abstand gehen musste, weil die Corona-Regeln eben dies vorschrieben. Doch Ina Müller kämpfte mit ihrem Humor gegen diesen Stimmungskiller an, der genau wie leere Fußballstadien erst einmal lähmend wirkt, aber dann doch einige coole Begegnungen u.a. mit Helge Schneider, Nena, Olli Dittrich, Tim Mälzer, Lisa Maria Potthoff, Judith Rakers und Guido Maria Kretschmer hervorbrachte.

Fast schon traditionell plauderte Ina Müller dabei auffallend gerne über Peinlichkeiten, eigene Unzulänglichkeit und den körperlichen Verfall, was auf der einen Seite ziemlich mutig ist, bei ihren Gästen allerdings auch immer etwas Überwindung einfordert. Kein Wunder also, dass sie im Titel ihres neuen Studioalbums „55“ nun schon zum dritten Mal ihr Alter thematisiert. Das kennen wir in dieser Konsequenz bisher nur von Adele (32), auch wenn zwischen den beiden mehr als zwei Jahrzehnte Lebenszeit liegen.

Das Grundgerüst aus Musik und Text beruht wie schon bei „Ich bin die“ (10/2016) auf der Zusammenarbeit mit Lebenspartner Johannes Oerding (Peter Maffay, Alexander Klaws, Sido, Udo Lindenberg, Roland Kaiser), der seinen Produktionspartner Benni Dernhoff (Ilse DeLange, Namika, Adesse, Jeden Tag Silvester) mitbrachte. Zudam war natürlich auch wieder Frank Ramond (Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Annett Louisan, Lotto King Karl, Barbara Schöneberger) mit dabei. In den Credits finden sich aber auch Namen wie Anne de Wolf und Ulrich Rode (BAP), Max Kennel und Jonas Frömming (Das Lumpenpack) sowie Sebastian Madsen.

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Der musikalische Einfluss von Johannes Oerding ist den neuen Songs noch deutlicher als beim Vorgänger herauszuhören. Der große Unterschied zu „Ich bin die“ besteht allerdings darin, dass die Songs diesmal wieder beseelter sind und den Hörer emotional stärker mitnehmen. Dazu kreisen die Stücke inhaltlich häufig um Beziehungsthemen („Obwohl du da bist“ ist ein Song über das schleichende Ende einer Beziehung, während „Fast hält länger als fest“ die Geschichte einer großen Liebe erzählt, die am Ende – ohne zu wissen warum – nicht hielt und „Das erste halbe Mal“ schildert augenzwinkert den Verlust der Jungfräulichkeit als Teenager), doch auch der typische Wortwitz darf heuer nicht fehlen.

So blickt „Rauchen“ nach dem Motto „Was wäre wenn?“ auf Inas Lebensgeschichte zurück, in „Wie Heroin“ wird die Sucht nach Zucker als Nerven- und Gemütsnahrung aufgegriffen, „Eichhörnchentag“ befasst sich im Stil von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Vergesslichkeit und „Laufen“ thematisiert den Kampf gegen den täglichen Verschleiß. Zum Schluss verpackt Ina Müller in „Wenn der liebe Gott will“ auch noch eine Ode an ihre Wahlheimat Hamburg, was „55“ als fast autobiografische Reise so richtig rund macht.

Fazit: „55“ ist weder inhaltlich noch musikalisch ein lautes, krawalliges Album, auch wenn hier und da ein paar radiotaugliche Popklänge eingesetzt werden („Obwohl du da bist“). Stärker im Fokus stehen stattdessen leise Songs wie „Wohnung gucken“ oder auch „Fast hält länger als fest“, die Ina Müller genauso gut zu Gesicht stehen und in Anbetracht der sozialen Großwetterlage irgendwie angemessener klingen. Das ergibt am Ende eine erfreulich hohe Ausbeute an hochkarätigen Tracks und ein atmosphärisch dichtes Album, an dem der Hörer lange Spaß haben wird.

Anspieltipps:

  • Obwohl du da bist
  • Ich halt die Luft an
  • Das erste halbe Mal
  • Fast hält länger als fest
  • Wenn der liebe Gott will
  • Die Zeit fliegt dir davon
  • So hätt ich also sein soll‘n
  • Credit Header-Bild: Sandra Ludewig

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