Die Ärzte - Dunkel  - Cover
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Die Ärzte Dunkel


  • Label: Hot Action/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 66 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Der ärztlich verschriebene Soundtrack für diese Republik: File under „Karnickelfickmusik“.

Für ungewöhnlich lange Zeit kam nach dem letzten Studioalbum „Auch“ (04/2012) nichts Neues aus dem Lager der Ärzte, auch wenn die kommerzielle Maschinerie um BelaFarinRod nie wirklich stillsteht. Allerdings ist es gewiss nicht besonders cool, wenn mehr als acht Jahre Funkstille herrscht. Doch nun beglücken die Berliner ihre Fans mit gleich zwei Longplayern innerhalb eines Jahres. Den Braten hatten einige Anhänger schon relativ früh gerochen, doch nun wird es nach dem eher durchwachsenen „Hell“ (10/2020) tatsächlich „Dunkel“, weil zum einen noch genügend Material aus den „Hell“-Sessions auf Halde lag, das den Gedanken an ein separat zu veröffentlichendes Doppelalbum wachsen ließ, das dann passend zur „In The Ä Tonight“-Tour unters Volk gebracht werden sollte.

Zum anderen schrieb das Trio auch nach „Hell“ weiter an Songs, sodass der Berg mit neuer Musik längst nicht angebaut ist und theoretisch im nächsten Jahr ein weiteres Studiowerk erscheinen könnte. Denn Zeit haben die Ärzte nach wie vor, da die „In The Ä Tonight“-Tour nach einer Verschiebung Corona-Bedingt ganz abgesagt wurde und die für 2022 geplante „Buffalo Bill in Rom“-Tour auch erst mal gespielt sein will. Aber wir wollen nicht unken. Fakt ist, dass die Ärzte wenige Tage vor der Bundestagswahl ihr wiederentfachtes politisches Engagement mit 19 neuen Stücken, die – wie der Titel schon sagt – deutlich düsterer als die auf „Hell“ sind, in die Waagschale werfen und ihre Fangemeinde damit zumindest quantitativ üppig verwöhnt.

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Auch wenn die Ärzte mittlerweile fest im Mainstream verankert sind, tragen sie tief in sich drin noch ihre Punkrock-Wurzeln aus den frühen 80er Jahren, die auf „Dunkel“ wieder etwas stärker zum Vorschein kommen. Dazu erklingen die Gitarren härter („Kraft“) und der Soundmix erscheint dumpfer. Auch in Sachen Gesang wird sich hier und da derbe Luft gemacht („Schrei“), während es inhaltlich so gesellschaftskritisch wie lange nicht mehr zugeht („Anti“, „Doof“, „Einschlag“). Typische Albernheiten wie „Tristesse“ oder auch „Anastasia“ wurden stattdessen stark zurückgefahren. So klingen Farin Urlaub (58), Bela B (58) und Rodrigo González (53) gereifter, aber am Ende immer noch so, wie es die Fans gern haben.

Mit Punk, Pop, Country, Rock und Ska grasen die Ärzte auf erfrischende Art und Weise ihre gewohnten Claims ab und überraschen in „Kerngeschäft“ mit HipHop-Beats und einem Rap-Feature von Ebow. Das gab es so noch nie bei der besten Band der Welt. Das größte Erstaunen löst allerdings aus, dass 19 Songs und 66 Minuten Spielzeit nicht zu viel sein müssen und dass „Dunkel“ nicht die Abfälle der „Hell“-Sessions verbrät. Zwei, drei Songs weniger hätten das Album zwar eine Spur knackiger wirken lassen, doch Ausschussware bzw. Füllmaterial muss der Hörer nicht ertragen. Deshalb ist „Dunkel“ mit seinen 18 Ein-Wort-Titel-Songs, plus dem einen, den Herr González nicht mag, im Vergleich zu „Hell“ das bessere Werk und der Beweis dafür, dass die Troika BelaFarinRod auch im hohen Punkrock-Alter noch amtlich abliefern kann.

Anspieltipps:

  • Kraft
  • Noise
  • Schrei
  • Erhaben
  • Menschen
  • Einschlag
  • Kerngeschäft
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