Tocotronic - Tocotronic - Cover
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Tocotronic Tocotronic


  • Label: Rough Trade/ZOMBA
  • Laufzeit: 65 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach dem Veröffentlichungsoverkill ihres letzten Albums „K.O.O.K.“ aus dem Jahr 1999, das in drei verschiedenen Versionen auf den Markt geschmissen wurde (eine deutsche, eine englische und eine Remix-Version), haben sich die drei Jungs von Tocotronic auffallend lange Zeit für die Produktion ihres neuen Albums, das schlicht „Tocotronic“ benannt wurde, gelassen. Jetzt ist es endlich käuflich zu erwerben und schon der schlichte Titel macht deutlich: Tocotronic wollen endgültig neue Wege einschlagen und die klischeebeladene „Hamburger Schule“ verlassen. Dabei wird der auf dem Vorgänger initiierte Richtungswechsel nicht mehr so radikal, aber konsequent verfolgt.

Mit Produzent Tobias Levin wurden in 18 Monaten insgesamt 13 Tracks eingespielt, die zwar nicht mehr der rauen Gangart der ersten Veröffentlichungen nacheifern , aber auch auf ihre neue, perfekt produzierte Art und Weise überzeugen können. Für Fans der ersten Stunde mag dies nur ein schwacher Trost sein, aber auch ohne das Zutun von Oberprediger Herbert Grönemeyer ist Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow wohl klargeworden: „Stillstand ist der Tod“.

Insgesamt fällt die CD um einiges ruhiger aus und offenbart zahlreiche ungeahnte Facetten, wie bei dem im Grunde traditionellen Tocotronic Song „Hi Freaks“, der anno 2002 mit atmosphärischen Sounds daher kommt, in der Vergangenheit aber vermutlich fürchterlich gerockt hätte. Ebenso fällt auf, dass die Songtitel und Texte einiges von der früheren Plakativität verloren haben. Vielleicht ist das gut so, denn wie soll man nach all den Jahren zum Kult gewordene Statements wie „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, „Jungs, hier kommt der Masterplan“, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“, Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“, „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“, „Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben“ und „Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren“ noch toppen? Schließlich bedeutet dies nicht, dass die Band nicht mehr in der Lage ist, Rock-Hymnen zu schreiben. Als Beispiele sein hier der Opener „This boy is Tocotronic“, zugleich auch erste Singleauskopplung und „Alles wird in Flammen stehen“ genannt. Beides Stücke, die auf jedem anderen Tocotronic Werk Highlights darstellen würden.

Nicht unbedingt zu den Sternstunden des künstlerischen Gesamtwerks Tocotronics zählt der Mittelteil der Platte mit den Midtempo-Songs „Führe mich sanft“, „Free hospital“, „Das böse Buch“ und „Näher zu dir“. Hier klingt das Trio nach einer schlechten Blumfeld-Kopie und tut sich auch mit den all zu kryptischen Texten keinen Gefallen. Als absoluter Totalausfall muss das Instrumentalstück „Drama“ bezeichnet werden. Außer uninspiriertem Sequenzer- / Synthesizer weiß der Teufel was Geplucker gibt es hier rein gar nichts zu hören. Dafür sieht die Band die gelbe Karte. Zum Glück gelingt es den Dreien zum Ende hin den Schopf aus dem Tief herauszuziehen und nochmals vier hervorragende Songs aus dem Hut zu zaubern. Darunter das wunderschöne „Schatten werfen keine Schatten“.

Fazit: Das erwachsendste Album in der Karriere des Hamburger Trios markiert die endgültige Abkehr vom so geliebten Schrammel-Pop, der die Band groß gemacht hat. Wenn die Fans diesen Weg mitgehen, steht den Tocos die Welt weit offen.

Anspieltipps:

  • Neues vom Trickser
  • This boy is Tocotronic
  • Dringlichkeit besteht immer
  • Alles wird in Flammen stehen
  • Schatten werfen keine Schatten
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