Midnight Oil - Capricornia - Cover
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Midnight Oil Capricornia


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer die letzten Veröffentlichungen aus dem Hause Midnight Oil kennt, wird seinen Ohren bei den ersten Klängen des neuen Albums kaum trauen. Die Experimentierphase mit elektronischen Sounds auf den Werken „Breathe“ (extrem, 1996) und „Redneck wonderland“ (gemäßigt, 1998), die so gar nichts mit den ursprünglichen Klangwelten der Öko-Rocker zutun hatten, scheint endgültig ad acta gelegt worden zu sein. „Capricornia“ stellt eine Rückbesinnung auf alte Stärken der 1975 in Sydney, Australien, gegründeten Band dar und erinnert nicht selten an das wohl beste Album der Oilers, „Earth and sun and moon“, aus dem Jahr 1993.

Die Aufnahmen für „Capricornia“ begannen im Frühjahr 2001 in den Sony Studios von Sydney, führten aber schon bald in eine Sackgasse. Die Band war äußerst unzufrieden mit der Umsetzung des Sounds, den sie sich für die Songs vorgenommen hatte. Die Aufnahmen wurden unterbrochen und die fünf Australier gingen mit den „unfertigen“ Songs erst mal auf Tournee durch die Clubs und Pubs ihrer Heimat. Eine gute Gelegenheit, an den Arrangements zu arbeiten und die Stücke auf ihre Publikumstauglichkeit zu testen. Nachdem die Band das Gefühl hatte, für die Tracks die besten Soundgewänder gefunden zu haben, enterte man für sechs Wochen die Festival Studios in Sydney und bat Warne Livesey als Produzent zur Seite zu stehen. Eine sehr gute Wahl, schließlich wurden bereits die Midnight-Oil-Klassiker „Diesel and dust“ (1988), „Blue sky mining“ (1990) sowie ein Teil der Songs auf „Redneck wonderland“ von Livesey produziert.

Als Inspiration für das aktuelle Album diente die aus den 30er Jahren stammende Novelle „Capricornia“ aus der Feder von Xavier Herbert. Seine Story spielt im nördlichen Teil Australiens und spiegelt die Lebensgeschichten verschiedener Menschenklassen wie Obdachlose, Trinkern, unschuldig Angeklagten, glücklosen Jägern und von Überschwemmungen und Dürreperioden heimgesuchten Farmern wider. Das Ziel war es, für jeden einzelnen Charakter einen Song zu komponieren, was sich angesichts eines 500-seitigen Buches schnell als unmöglich herausstellte. Als Alternative bot sich an, ein Popalbum zu schaffen, dass sich inhaltlich an der Novelle orientiert und den Geist der Geschichte mit seinen Songs einfängt. So singt Peter Garrett zum Beispiel im Song „Golden age“ von vermeintlichen Gewinnern und Verlierern („... All the screens are filled with heroes and losers. But the sky’s still filled with stars. This junky palace might be on fire ‘til the winners lose desire…”) oder in „Been away too long” von den Gefühlen, nach langer Zeit heimzukehren (“… Fresh air soft landing. So good to be home. This bruised world’s got its beauty. It’s where I belong…”). Beschreibungen der Heimat, ohnehin eines der Lieblingsthemen Garretts, ziehen sich wie ein roter Faden durch die 11 Stücke auf der CD und lassen den geneigten Hörer die Gefühle für ein zugleich wunderbares wie sonderbares Land wie Australien nachempfinden.

Musikalisch geht der Songzyklus, wie erwähnt, back to the roots und bietet urtypischen Midnight Oil Sound at it’s best. Gitarre, Schlagzeug, Bass und die prägnante Stimme von Peter Garrett. Das musste diesmal reichen, denn auf elektronische Spielereien wurde fast vollständig verzichtet. Zwar vernimmt man ab und an den Klang einer Hammondorgel oder eines Keyboards, doch dass man auch ohne Synthesizer und Sampler atmosphärisch dichte Songs schaffen kann, beweisen meisterliche Titel wie „Under the overpass“, der als Gänsehaut erzeugende Akustik-Ballade mit ergreifendem Hallelujah-Refrain beginnt und sich allmählich zu einer Rock-Hymne mit traumhaften Gitarren im U2-Stil steigert, oder der an selige Hitsingle-Zeiten anknüpfende Opener „Golden age“, der einen würdigen Nachfolger „Beds are burning“ abgibt. Ein weiteres Highlight und zugleich grandioses Finale dieser absolut gelungenen CD stellt der über acht Minuten lange Song „Poets and slaves“ dar, der sich schwebenden Gitarren- und Keyboardsounds à la Pink Floyd bedient und eine Geschichte in bester Tom-Waits-Manier erzählt.

Nach Jahren orientierungsloser Experimente haben Midnight Oil auf den Pfad der Tugend zurückgefunden und ein großartiges Comeback abgeliefert. Schade nur, dass das Album bisher nur als teurer Australien-Import erhältlich ist. Wann wachen die Verantwortlichen bei Sony Music endlich auf?

Anspieltipps:

  • Golden age
  • Too much sunshine
  • Capricornia
  • Under the overpass
  • Poets & slaves
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