Silverchair - Diorama - Cover
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Silverchair Diorama


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 57 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Kaum waren Nirvana, die Helden der Grunge-Bewegung, von der Bildfläche verschwunden, stand im August 1994 mit der australischen Teenie-Band Silverchair ein neuer Act in den Startlöchern, der so unverschämt die großen Vorbilder aus Seattle zitierte, dass man vermuten konnte, es mit einem Klon aus Pearl Jam und Nirvana zu tun zu haben.

Das Trio, bestehend aus den 15 Jahre alten Schulfreunden Daniel Johns (Vocals, Gitarre), Chris Joannou (Bass) und Ben Gillies (Drums) aus dem Surferparadies Newcastle, ergatterte 1994 bei einem landesweiten Demo-Wettbewerb einer Radiostation den ersten Platz unter 800 Teilnehmern und erhielt daraufhin einen Plattenvertrag bei der Sony Music-Tochter Murmur. Das in nur neun Tagen aufgenommene Debütalbum „Frogstomp“ (1995) war eine Sensation und erregte weltweites Aufsehen. Mit über drei Millionen verkauften Einheiten ist es das bisher erfolgreichste Werk der ersten Alternative Boy-Group der Welt.

Schlug der Nachfolger „Freakshow“ (1997) noch in die gleiche musikalische Kerbe, wie das gefeierte Debüt, präsentierte sich die Band auf ihrem ambitionierten Drittwerk „Neon ballroom“ (1999) deutlich gereifter und experimentierfreudig. Der ehemals raue und erdige Sound klang plötzlich sehr poliert und setzte vermehrt auf den Einsatz von Keyboards und Streichern. Das Magnum Opus der Platte hieß „Emotion sickness“, eine sechs Minuten lange Rock-Oper, entstanden unter tatkräftiger Mithilfe von Piano-Maestro David Helfgott, die auch textlich einen enormen Befreiungsschlag für Daniel Johns darstellte. „Meine Songs sind meine Waffe, mit denen ich mich gegen das zu Wehr setzen kann, was mir widerfährt“. Obwohl man sich musikalisch von einstigen Vorbildern wie Nirvana entfernte, war in textlicher Hinsicht eine sehr deutliche Parallele zu den Lyrics eines Kurt Cobain festzustellen.

Nach drei Jahren Wartezeit und dem Wechsel der Plattenfirma, weg von Sony hin zum andern Branchenriesen Warner, liegt mit „Diorama“ nun der konsequente Nachfolger von „Neon ballroom“ vor, der kaum noch was mit dem vermeintlichen Krach aus den Anfangstagen zu tun hat. Unter den Fittichen von Klang-Papst Van Dyke Parks (Beach Boys, U2, Ry Cooder) und Produzent David Bottrill (Tool, Peter Gabriel) entstand in den Mangrove Studios in Australien ein Album, das die Fans womöglich etwas ratlos dreinschauen lässt. Den Mainstream immer im Auge, wird Bombast aller erster Güte aufgefahren, der die alten Herren von Queen vor Neid erblassen lässt. So kommen Synthesizer, Streicher und Bläser zum Einsatz, die Klanggebilde epischen Ausmaßes in den Raum zementieren. Ob man allerdings gleich beim Opener „Across the night“ die volle Kitsch-Breitseite aufbieten musste, halte ich für fragwürdig. Wesentlich erquicklicher, weil nicht so überladen, sind die erste Singleauskopplung „The greatest view“ und „Without you“, die poppige Melodien, Rock-Gitarren und orchestrale Klänge verbinden. Allerdings können die drei ihre musikalische Herkunft nicht ganz verhehlen und liefern mit „The lever“ und „One way mule“ zumindest zwei Rocksongs alter Schule ab. Danach geht es im Stile des Openers weiter, was sich auf Dauer als ziemlich ärgerlich erweißt. Selbst wenn man sich an den Gedanken gewöhnt hatte, diesmal kein Grunge-Album vorgesetzt zu bekommen, ist das, was die Burschen hier abliefern jenseits von Gut und Böse.

Ich möchte Daniel Johns nicht des Größenwahns bezeichnen, aber für mich klingen seine Bombast-Arrangements nicht nach Meisterwerken, sondern nach missglückten Sound-Collagen im Breitwandformat, wie man sie auf schlechten Soundtracks findet. Die Zukunft der Band scheint also nicht im Alternative-Rock zu liegen, sondern in völlig abgehobenen Pop-Rock Operetten. Angeblich hat Daniel Johns seinen beiden Mitstreitern sogar die Pistole auf die Brust gesetzt, das neue Konzept mitzutragen, ansonsten wären die Songs als Solo-Projekt erschienen. Im Nachhinein sicher die bessere Entscheidung. Sei’s drum. Silverchair sind eben erwachsen geworden und im Alter von 22 Jahren zu Rockveteranen gereift. So klingen sie leider auch.

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