Lambchop - Is A Woman - Cover
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Lambchop Is A Woman


  • Label: City Slang/EMI
  • Laufzeit: 61 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine Band, die sich Lammkotelett nennt, sortiert man gedanklich wohl eher in die Sparte untalentierter Krawallmacher aus dem Nu-Metal-Bereich ein. Doch schon ein Blick auf das Cover genügt, um festzustellen, dass sich hier Ungewöhnliches ankündigt. Ohne Angabe eines Plattentitels steht in mitten eines verwischten, bernsteinfarbigen Hintergrund ein junger Knabe in einem 50er-Jahre Anzug mit einer Geige im Anschlag. Ein Bild, wie aus Omas Fotoalbum.

Hinter dieser eigenartigen Aufmachung verbirgt sich eines der eindruckvollsten Musikprojekte der 90er-Jahre unter der Leitung eines gewissen Kurt Wagner, das mit „Is a woman“ sein mittlerweile sechstes Album präsentiert. Gegründet 1986 als Trio in Nashville, Tennessee, wurde die Band schnell zu einem Musiker-Sammelbecken, das sich auf seinen Platten einem eigenwilligen Stilmischmasch aus Country, Soul, Jazz und Noise-Pop verschrieben hat. Nach eigenen Angaben besteht dieses Konglomerat aus gut und gerne 20 Musikern (Tony Crow, William Tyler, Matt Swanson, Dennis Cronin, Mark Nevers, Paul Niehaus, Hank Tilbury, Alex McManus, John Delworth, Deanna Varagona, Paul Burch, Allen Lowrey, Jonathan Marx, Steve Goodhue, Bill Killebrew, Scott Chase, Mike Doster, Jim Watkins, Marc Trovillion und Sam Baker), die in unterschiedlichen Besetzungen seit 1993 Platten einspielen. Wie man es anstellt, so einen Haufen Künstler unter einen Hut zu bringen, beschreibt Kurt Wagner: „Die Gruppe funktioniert wie eine Art Allstar-Big Band. Sie hat eine ähnliche Dynamik wie eine kubanische oder eine alte Swing-Big Band. Da ist ein Bandleader, eine Rhythmus-Gruppe, ein Bläsersatz. Fällt eins dieser Elemente aus, dann stimmt das Gleichgewicht nicht mehr. Du denkst, wenn der Piccolo-Flötist krank ist, kann das ja gar nicht auffallen. Doch das ist ein Irrtum. Wir haben einen festen Sound, und das ist der Sound einer Big Band."

Das neueste Oeuvre dieser Big Band zählt zu den schönsten Alben, die 2002 das Licht der Welt erblickten. Ganz ruhig und verträumt nimmt die Band mit „The daily growl“ ihre Arbeit auf und serviert wunderbar getragene Klavierakkorde im Stile eines Nick Cave, gepaart mit einer sparsam eingesetzten Akustikgitarre und eingestreuten Saxophon-, Percussion-, Streicher- und Vibrafon-Sprengseln. Dazu erzählt Kurt Wagner seine mysteriösen Geschichten. In diesem Stile gleitet die Musik 60 Minuten wie ein langer ruhiger Fluss dahin. Melancholisch und traumhaft schön. Dabei wird das Tempo nur ganz wenig variiert, sodass ein rauschartiger Zustand den Hörer ergreift. Am ehesten kann man dies mit den Tindersticks vergleichen, wobei dieses Meisterwerk eigentlich kaum zu beschreiben, geschweige denn mit irgendetwas anderem zu vergleichen ist.

Wenn man sich auf die Platte voll und ganz einlassen möchte, muss man als geneigter Hörer bereit sein, die Zeit und Ruhe aufzubringen, die diese Art Musik erforderlich macht. Danach gibt es nichts ergreifenderes, als die Schönheit der düster-schwermütigen Trauerballaden ganz in sich aufzusaugen und zu genießen. „Is a woman“ ist die ideale Musik für kalte Herbst- und Wintertage bei einem Glas Rotwein vor prasselndem Kaminfeuer. Mein Tipp: Kaufen, denn der Herbst kommt bestimmt!

Anspieltipps:

  • The daily growl
  • The new cobweb summer
  • Autumn’s vicar
  • Is a woman
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